Es liegt was in der Luft

Sein System der Sanktionierung führt bei mir stets dazu, dass ich irgendwann in meinen unnötigen Gedankengängen, wer nun die größere Schuld am Schlamassel trägt, mich infrage stelle…

Einige sehr warme Osterfeiertage liegen hinter mir und der Frühling hat gerade erst begonnen. Während ich mit meinem Mann auf einem Baugerüst stand, um unsere Hausfassade fertig zu Schindeln, gelang es mir ungewollt, rückblickend fast ohne mein Zutun, uns die Feiertage zu vermiesen. Wir reichten einander ein paar wenige Worte an, die dazu führten, dass ich mich hin- und hergerissen fühlte, auf meiner Vorstellung von „recht haben“ zu beharren oder mich durchs Nachgeben klein zu fühlen. Schließlich bin ich auch wer. Ich muss an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass Nachgeben je älter ich werde, eine immer weniger gute Option ist. Mir ist noch völlig unklar, ob diese Bockigkeit meinerseits nun Eigensinn oder Altersstarrsinn ist, wobei mir ersterer besser gefallen würde. Nun gehört mein Mann zu den Menschen, die recht nachtragend sind. Mir ist diese fiese Angewohnheit ziemlich fremd. Ich weiß zwar noch in zehn Jahren, wer mir was vor den Latz geknallt hat, aber ich bin deswegen nicht zehn Jahre sauer. Sein System der Sanktionierung führt bei mir stets dazu, dass ich irgendwann in meinen unnötigen Gedankengängen, wer nun die größere Schuld am Schlamassel trägt, mich infrage stelle. Ich relativiere dann sein Verhalten so, dass er bleiben darf wie er ist, während ich mich vor mir selbst rechtfertige. Ich sehe, dass es vielen meiner Leidensgenossinnen ganz ähnlich geht und das, macht es ein ganz klitzekleines Bisschen leichter für mich.

Heute im Netz umschauend beginne ich eine Ahnung zu entwickeln, dass es nicht nur bei mir gerade knackt und knistert. Meine Timeline ist gespickt mit Missverständnissen. Ich sehe eine liebe Bekannte, Anika, die ich immer als intelligent, intuitiv, belesen und friedfertig erlebt habe. Sie kommentiert ein Posting kurz und knapp, in für sie ungewohnter Heftigkeit und schon bald finden sich einige, die sich auf die andere Seite schlagen, um sich zusammenzurotten und in Diskussionen zu verfallen. Ich bitte euch nehmt es Anika nicht übel, sie ist sonst umgänglich und ganz knorke, vielleicht hatte sie ein unerfreuliches Osterfest.

Eine andere liebe Bekannte, Lisa, liebt Tiere über alles. Sie sieht in ihnen die guten Seelen, die sie sind. Und so setzt sie sich gerne im Netz für diese wundervollen Wesen ein und macht zurecht darauf aufmerksam, dass man nicht alles essen muss. Unglücklicherweise postet sie zur Veranschaulichung ein Video. Heute macht man ihr den Vorwurf, dass das von ihr gewählte Bildmaterial möglicherweise gefakt ist und die eigentliche Botschaft, die in guter Absicht erfolgte geht verloren. Im weiteren Verlauf verstrickt sie sich mit dem anklagenden Diskutanten in eine verbale Eskalation, in der sie übelst beschimpft wird. Ich bitte euch, Lisa ist eine herzensgute Frau, so mit ihr umzugehen hat sie nicht verdient.

Es liegt was in der Luft, etwas das uns reizt und stresst, das uns brackig sein lässt und übellaunig. Vielleicht ist es zu warm für einen Frühling, der gerade erst begonnen hat farblich zu explodieren. Vielleicht haben wir eine ungünstige Sternenkonstellation mit einem bockigen Saturn. Vielleicht hat uns Notre Dame zugesetzt und die Diskussionen darüber, ob es wirklich richtig ist, Unmengen Geld unklarer Herkunft in den Neubau eines Westturms zu stecken oder doch besser die ganze Welt zu retten. Vielleicht macht uns zu schaffen, dass in einem ohnehin gebeutelten Sri Lanka mittlerweile 320 Menschen durch Terroranschläge auf Gotteshäuser ihr Leben lassen mussten. Vielleicht beschwert uns, dass im Netz auch immer wieder unberechenbarer Weise Menschen sterben, deren Tod niemand hatte kommen sehen und wir betrauern Verluste. Wie dem auch sei, wir haben alle immer auch einmal persönliche Gründe uns fragwürdig zu verhalten. Ich wünsche mir, dass uns das nicht weniger liebenswert macht.

In diesem Sinne, eine friedliche Zeit euch allen.

© Marion Decker


Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ich sah das, was viele meiner Mitmenschen täglich machen, sie vergleichen sich mit anderen und das beschäftigt sie so sehr, dass nicht mehr zu erkennen ist, wer sie selbst sind…

11. April um 18:27 ·

Neulich auf dem Schauplatz der Eitelkeiten… Mein Mann erhielt eine Einladung, der wir folgten. Ich fand mich wieder, auf einer Veranstaltung, die einberufen wurde, um den Hauptakteur zu ehren und zu beglückwünschen. Ich normal sterbliche wäre niemals zu dieser Veranstaltung eingeladen worden und so bin ich dankbar, dass ich dabei sein durfte. Die Feierlichkeit wurde von einer Kanzlei ins Leben gerufen, die Juristen beherbergt, die Menschen verteidigen, die sich größerer Straftaten schuldig gemacht haben. Die Eingangsrede, auch Laudatio genannt, wurde von einem ehemaligen saarländischen Minister gehalten. Sie war ganz passend zum Anlass, tragend, langatmig und wenig informativ.

Weil ich stets ungern fremde Menschen in meinem Rücken stehen habe, mein Kontrollbedürfnis lässt das nicht zu, platzierten mein Mann und ich uns in einer Ecke des großen Raumes, lauschten und harrten der Dinge, die da kommen mochten. Vor mir stand ein gespanntes Publikum, zu dem in der Hauptzahl gut gekleidete Herren zählten. Sie trugen graue, dunkelblaue oder anthrazitfarbene Anzüge, Krawatten, gewienerte Schuhe, waren tadellos frisiert und rasiert und verströmten eine Aura aus Seriosität, Erfahrung und akademischem Wissen. Es waren äußerlich, größere und kleinere Männer, zumeist fortgeschrittenen Alters. Wie sie da so vor mir standen aufrecht, geradlinig, die Arme vor der Brust verschränkt oder lässig, leicht vorgebeugt, die Ellenbogen auf den kleinen Stehtischchen aufgestützt, strahlten sie Wichtigkeit aus, Dringlichkeit, Erhabenheit und Erfolg, der ihnen ins Gesicht gebrannt war. In dieser vor Ehrgeiz, Eloquenz und Männlichkeit wabernden Atmosphäre, die die Luft zum Atmen beschwerte, begann ich mich klein, nichtig und nutzlos zu fühlen. Meine Daseinsberechtigung schwand. Ich sah mich gezwungen mich zu demütigen und zu hinterfragen, was ich in meinem Leben erreicht hatte. Ich hatte keine Professur erlangt, keine Reichtümer erwirtschaftet, keinen gehobenen Posten ergattert, ja nicht einmal ein Kind geboren.

Heute, nachdem ich diesen Abend in meiner dankbaren Erinnerung Revue passieren lasse, frage ich mich was an deren Dasein erstrebenswert ist. Das Thema, das sie verband, war Erfolg. Der Weg des Erfolgs ist in der Regel ein steiniger, der Disziplin erfordert und Fleiß. Ihn zu gehen heißt einen Plan zu haben, um sein Ziel zu erreichen. Es bedeutet, über sich selbst hinauswachsen zu wollen, nicht durchschnittlich sein zu wollen, viel besser als gut zu sein. Synonyme für Erfolg sind: „gelungen, siegreich, begünstigt, effektiv, vielversprechend und ergebnisreich“. Ich kann mir vorstellen, dass in all diesem Streben vieles auf der Strecke bleibt. So was wie Leichtigkeit, Echtheit, Entspannung und Achtsamkeit. Ich sah das, was viele meiner Mitmenschen täglich machen, sie vergleichen sich mit anderen und das beschäftigt sie so sehr, dass nicht mehr zu erkennen ist, wer sie selbst sind, weil sie alle eins werden. Ich sehe mich im Alltag umgeben von verbissenen Perfektionisten, die einem anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnen, unzufriedene Nörgler, nach Plapperer, Besserwisser und Schuld-Zuweiser.

Ich darf mich glücklich schätzen meinen eigenen Perfektionismus hinter mir gelassen zu haben. Und ganz plötzlich reihen sich um mich Menschen, die kreativ sind, ihre eigene Meinung haben, ihr eigenes Glück schmieden, aus allem das Beste machen, ermutigen und wertschätzen und ich freue mich so weit gekommen zu sein.

In diesem Sinne macht was euch gefällt. ❤️🍀☀️

© Marion Decker

Schuld zu sein macht auch nicht froh

Manche moralische Verfehlungen werden in unserer Gesellschaft schwer geahndet, weil sie als verletzend empfunden werden. Verfehlungen derer auch ich mich schuldig gemacht habe, weil ich ein Mensch bin…

9. April um 12:10 ·

… Gedanken machen über Schuld, Schwere, Gewicht und Belastung

„Es reist sich besser mit leichtem Gepäck“ Silbermond

Es ist vollkommen irrelevant was andere über dich denken, du kannst es ohnehin kaum beeinflussen. Daher lohnt sich auch die Mühe nicht, dich anzupassen. Das absolut Einzige was zählt ist das, was du über dich selbst denkst. Machst du dich verantwortlich für irgendetwas, das du in deiner Vergangenheit getan hast? Für etwas, das du falsch gemacht hast? Du bist ein Mensch, du darfst Fehler machen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir genau aus diesem Grund hier sind, um Fehler zu machen und daraus zu lernen, um uns weiterzuentwickeln. Ich habe Menschen kennengelernt, die verurteilten sich ein Leben lang für einen Fehler, den sie mal begangen haben. Aber selbst nach einem Strafvollzug ist eine Tat irgendwann gebüßt, gehe also bitte nicht so hart mit dir ins Gericht. Es ist auch völlig unerheblich, ob ein anderer dir verzeiht, warte also nicht darauf, es ist Zeitverschwendung. Das Einzige was zählt ist, dass du dir selbst verzeihst, um mit dir ins Reine zu kommen.

Wenn du einen Fehler machst, etwas dass du hinterher bereust, dann ist dein schlechtes Gewissen zwar sozial konform und irgendwie angemessen, aber es bringt niemandem etwas, am wenigsten dir. Siehe einen Fehler an, als das was er ist, eine Entscheidung. Es gibt keine richtigen oder falschen Entscheidungen. Es gibt wertungsfrei betrachtet einfach nur Entscheidungen. Du kannst nicht wissen wie es gewesen wäre sich anders zu entscheiden. Dieses Wissen liegt in der Vergangenheit und du hast es nicht erlebt. Außerdem, wenn du es besser gewusst hättest, die Konsequenzen voll gekannt hättest, dann hättest du doch sicher eine andere Entscheidung getroffen. Du wusstest es nicht besser und das ist menschlich. Manchmal ist eine falsche Entscheidung auch besser als gar keine. Ich habe Menschen kennengelernt, die zu gar keiner Entscheidung fähig sind und stets in der Angst leben, etwas falsch zu machen. Sie traben ihr Leben lang auf der Stelle und erleben nichts. Stagnation ist auch keine Option.

Manche moralischen Verfehlungen werden in unserer Gesellschaft schwer geahndet, weil sie als verletzend empfunden werden. Verfehlungen derer auch ich mich schuldig gemacht habe, weil ich ein Mensch bin. Ich habe gelogen oder verschwiegen, was im Grunde auf das Gleiche hinaus läuft. Lügen ist unbeliebt und doch lügen so viele. Ich verzeihe mir, dass ich gelogen habe, weil ich weiß, dass ich den anderen mit meiner Wahrheit nicht verletzen wollte oder die Konsequenzen des ehrlich seins nicht ertragen konnte. Warum auch immer, ich hatte zahlreiche Gründe. Heute kann ich ehrlich sein, weil ich gelernt habe mich auszudrücken und es sich besser anfühlt, mir treu zu bleiben. Ich werde auch belogen und verzeihe mir, dass ich nicht vertrauenswürdig genug bin. Ich kenne nun aus eigener Erfahrung die Motivation, die dahintersteht und brauche mich nicht mehr zu ärgern, wenn es passiert.

Ich habe betrogen. Den Partner betrügen ist schwer verpönt und wird mit Missachtung geahndet und doch tun es so viele. Ich verzeihe mir, dass ich einen anderen Menschen dazu benutzt habe, aus einer Beziehung herauszufinden, die mir nicht guttat. Heute habe ich kein Interesse mehr zu betrügen, weil es mich viel zu sehr durcheinander bringt und von mir selbst entfernt. Ich wurde auch betrogen und verzeihe mir, dass ich meinem Partner nicht das geben konnte, was er sich gewünscht hat und sehe ein, dass er nicht mein Eigentum war. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass er zahlreiche Gründe hatte.

Ich habe über andere Menschen gerichtet und sie verurteilt, nicht obwohl, sondern gerade weil ich sie gar nicht kannte. Ich verzeihe mir, dass ich durch den Vergleich besser dastehen wollte. Jetzt darf jeder bleiben, wie er ist und seine eigenen Erfahrungen machen. Ich habe dieses Verhalten heute nicht mehr nötig, weil mein Selbstwert groß genug ist. Ich weiß, dass andere über mich richten, mich verurteilen. Ich verzeihe mir, dass ich nicht genug Interesse geweckt habe, mich wirklich kennen, lernen zu wollen.

Ich habe geprahlt und über andere gelästert. Ich verzeihe mir, dass ich glaubte, ich hätte es nötig, mich größer zu machen, weil ich mich so klein fühlte. Ich brauche das heute nicht mehr, weil ich schon ein großes Mädchen bin.

Ich habe verinnerlicht, dass hinter jeder Verfehlung Bedürfnisse stehen. Aus meiner Erfahrung fühlt es sich nicht gut an, um so zu handeln und das schlechte Gewissen auszuhalten und schon gar nicht lohnt es sich, mich mit Schuldgefühlen zu belasten. Ich beobachte mich heute sehr genau, gehe achtsam und behutsam mit mir um und kenne meine Bedürfnisse und Beweggründe. Meine Prinzipien gelten nur für mich, das ist der Weg, den ich bereit bin zu gehen. Ich bin mir sicher, auch du wirst deinen finden.

In diesem Sinne eine schwungvolle Leichtigkeit euch allen. ❤️🌞

© Marion Decker

Greta aus Schweden

Wir wollen alles und auf nichts verzichten, Konsum befreit und Geiz ist geil…

19. März um 11:52

Nachdenken und mich ärgern… Ein 15-jähriges Mädchen namens Greta aus Schweden sorgt sich um unsere Welt, die irgendwann ihr gehören wird. Sie bringt ihre Sorge zum Ausdruck, indem sie 1,50 m groß, geflochtene Zöpfe, lila Rucksack ganz allein mit einem Pappschild vor dem schwedischen Reichstag sitzt. Auf ihrem Schild steht „Skolstrejk for klimatet“, was heißt, Schulstreik für das Klima. Greta hat Wut im Bauch. Dieses Bild geht um die Welt und erreicht immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen ihres Alters. Nach kurzer Zeit solidarisieren sich sehr viele mit ihr und machen es ihr nach. Sie machen das, weil Greta etwas Wichtiges zu sagen hat und weil sie Charisma hat, sie überzeugt viele meiner Mitmenschen und auch mich und so stehe ich heute zur großen Greta. Ich sehe, wie unsere Kinder auf die Straße gehen, um unsere/ihre Welt zu retten. Unsere Kinder haben nun soviel Weitsicht, dass ihnen völlig klar ist, dass der Abbau der Ressourcen unserer Erde unmöglich so weitergehen kann.

Wir nehmen uns was geht, ohne Rücksicht auf kommende Generationen wie Greta und all die Anderen, nach dem Motto, „Nach mir die Sintflut“! Wir müllen alles zu und zappen, satt und entspannt weiter, wenn über die Müllhalde Weltmeer gesprochen wird. Wir haben schließlich eigene Probleme. Erneuerbare Energien sind uns hoch wie breit, der Strom kam doch immer aus der Steckdose. Atomkraft ist höchst störanfällig und wenn sich eine Katastrophe ereignete, ist die empörte Halbwertszeit in den Köpfen meiner Mitmenschen dann verpufft, wenn die Presse fertig ist, das Thema auszuschlachten. Die Windräder schlucken zu viele Vögel, die Solarzellen verschandeln die Landschaft, die Feinstaubmessungen sind gefakt, Elektroautos zu teuer. Der fleischfreie Tag an Schulen, ist eine bodenlose Frechheit und die Idee mal das Licht früher zu löschen, schränkt mich völlig in meiner persönlichen Freiheit ein. Wir holzen urbane Wälder ab, genau wie Regenwälder. Wir lieben Alukapsel Kaffee und bleiben Dank dem unschlagbaren Geschmack dabei oder tragen Plastikbecher durch die Gegend, weil die Zeit drängt. Wir kaufen billigste Klamotten, ahnen, dass sie von kleinen Kindern unter Wasser Hand-geklöppelt sein müssen und jagen weiter Schnäppchen. Wir essen Fleisch, das man uns gefühlt umsonst hinterherwirft, Qualität ist beim Smartphone einfach wichtiger. Wir wollen alles und auf nichts verzichten, Konsum befreit und Geiz ist geil.

Währenddessen stranden Wale, es sterben Amseln, es verschwinden Insekten. An Nord- und Südpol schmilzt das Eis und der Lebensraum für Tiere wird knapp. Öltanker verunglücken und laufen aus. Asien wird von Tsunamis heimgesucht, die alles zerstören. In unseren Regionen regnet es endlos, Stürme toben und die Sommer werden immer heißer. Wir sitzen in unserer Komfortzone, in unseren sicheren Häusern, schaufeln ungesundes Zeug in uns rein und meckern. Wir meckern über alles und jeden. Neuerdings meckern wir über unsere Kinder, die unsere Welt zu retten versuchen. Wir wissen, dass sie recht haben und haben ein schlechtes Gewissen, weil wir zu bequem sind. Sie machen ebenso unseren Job, wie vor Kurzem die Hambacher Waldbewohner und ihre Freunde. Wir überlassen unseren Kindern unsere Verantwortung, weil wir faul und gedankenlos sind. Wir traben lieber in ausgetretenen Pfaden, sind denkfaul und meckern, weil sie unseren Job an einem Freitag machen, an einem Tag der Leistung erfordert. Weil sie unsere Arbeit an einem Schultag erledigen und nicht in ihrer Freizeit, in der Vergnügen, wie bei -2 °C auf der Straße stehen eigentlich hingehört. Dann hinterlassen sie auch noch ihren Müll, bestehend aus ein paar Pappschildern und ein wenig Einweggeschirr, wo doch heutzutage jedes Kind weiß, dass Plastikmüll unserer Umwelt schadet. Ich bin beschämt über die Reaktionen meiner erwachsenen Mitmenschen, die gerne alles kleinreden, was nicht auf ihrem Mist gewachsen ist.

Genauso bin ich stolz auf unsere Kinder. Ich erlebe eine neue Generation junger Menschen, die ihre Meinung sagen, die nachdenken und eine Weitsicht entwickeln, die vielen älteren Menschen nicht möglich scheint. So wünsche ich es mir seit Jahren und nun hat es sich erfüllt. Meine Profis seid unbestritten ihr.

In diesem Sinne Augen auf, zuhören, nachdenken, unterstützen. ❤️

© Marion Decker

Das Bild der Frau 2019

Ina Deter sang „Neue Männer braucht das Land“ und Nina Hagen zeigte mir im Ersten deutschen Fernsehen, wo der G-Punkt ist, als ich noch nicht einmal wusste , dass es ihn gab…

14. Februar 2019

Ich bin verwirrt und suche Gleichgesinnte, weil ich das „Bild der Frau“ in unserer Gesellschaft, nicht mehr so ganz greifen kann. Die höchste Anerkennung zu finden, scheint das Püppchen, mit dem beschleunigten Stoffwechsel, das problemlos energiereiche Nahrungsmittel, wie Steaks und Bier, in sich reinschaufeln und schütten kann. Es weiß sich adrett zu kleiden, ist ganz Körper rasiert und Cellulite frei. Es kommt bei seiner Umwelt gut an, weil es an den richtigen Stellen zu lachen weiß. Es muss nicht unbedingt helle sein, das wird sogar als störend empfunden, aber Pferde stehlen können, wäre hilfreich. Sie heißt Barbie, strahlt uns von jedem Hochglanzmagazin gewinnend an und scheint ein veraltetes Frauenbild zu prägen. Die unerträgliche Leichtigkeit, mit der ihr alles gelingt, macht uns „Anderen“ zu schaffen, wenn wir am Abend in Rutsch Klamotten, vor dem Fernseher Chips in uns rein krümeln. Sie frustriert uns „Normalen“ gut genährten Frauen, in unserer Gemütlichkeit. Wir, die wir lieber Wal, statt Meerjungfrau sein möchten. Ihr Freund heißt Ken, ist blond, attraktiv und sportlich. Er trägt die Tattoos auf dem rechten Fleck, seine Ganzkörperrasur unterstreicht seine metrosexuelle Auffassung und erweckt den Anschein, nach allen Seiten offen zu sein. Er kann die Haare sowohl lang als auch kurz tragen, denn beides steht ihm.

Wir „Normalen“ sind da ganz anders, manche von uns sind kräftig, andere sind durchsetzungsfähig, unabhängig und eigenständig. Einigen ist es egal, was andere über sie denken, sie gehen sogar ungeschminkt aus dem Haus. Ganz wenige von ihnen sind sogar so erfolgreich, dass sie ganze Länder führen, so erfolgreich, dass man ihnen gleich alle möglichen Eigenschaften und Schimpfwörter nachsagt, die nicht erstrebenswert sind. Die ganz „Normalen“ unter uns, die so erfolgreich sind, dass sie eine Familie ernähren können, sind immer noch sehr selten. Weit verbreiteter sind die „Normalen“, die sich gezwungen sehen, noch einen abzukriegen, um irgendwann ein kleines Haus mit Garten, ihr Eigen nennen zu können, weil ihr Einkommen zu gering ist. Die „Normalen unter uns, die da oben angekommen und gut aussehend sind, haben sich, so sagt man, da hoch geschlafen. Die Anderen von uns, die von dem Herrn, der angeblich da oben thront, weniger hübsch ausgestattet wurden. Die haben ihren Erfolg, ihrer Disziplin, Härte ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrer Wirksamkeit und Selbstständigkeit zu verdanken. All den Attributen, die man im 18. Jahrhundert nur Männern zuordnete, weshalb man sie auch gerne als toxisch männlich bezeichnet. Erfolgreiche Frauen, scheinen in unserer Gesellschaft immer noch das Bild eines Zwitterwesens zu assoziieren, das sich selbst befruchtet und wenig Beifall erntet.

Ich erinnere mich wie vielversprechend, die Emanzipation Einzug gehalten hatte. Alice Schwarzer schrieb bissige Texte, später hinterzog sie Steuern, wie die besserverdienenden Männer, die sie früher beschimpfte. Ina Deter sang „Neue Männer braucht das Land“ und Nina Hagen zeigte mir im Ersten Deutschen Fernsehen, wo der G-Punkt ist, als ich noch nicht einmal wusste, dass es ihn gab. Die Grünen saßen bunt im Bundestag und strickten. Was hat sich seitdem wirklich verändert, außer, dass erzwungener Beischlaf in der Ehe seit 1997 strafbar ist, worüber man zuvor 25 Jahre lang diskutierte. Die Förderung der Gleichberechtigung der Frau, in der deutschen Sprache hält Mann und sogar viele meiner Mitstreiterinnen für ein irrsinniges Geplänkel, irgendwelcher alteingesessenen, übrig gebliebenen Emanzen, die wohl den Schuss nicht gehört haben. Dabei sollte eigentlich jedem klar sein, dass Sprache Bewusstsein schafft. Das „Bild der Frau“in den Köpfen unserer Gesellschaft, im kollektiven Bewusstsein wabert noch, es ist noch nicht so ganz das, was es sein kann. Das gleiche Recht für alle, auf Augenhöhe, Anerkennung, Akzeptanz, Wertschätzung.

In diesem Sinne grüßt mir den Valentin ihr Lieben! ❤️💋

© Marion Decker

Der traumatisierte Balkan

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft nur einfach keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt…

30. Dezember 2018

Ich hörte dieser Tage ein Buch. Die Geschichte von Ismet Prcic, der mir auf seine eindrucksvolle Art beschreibt, was während der Balkankrise passierte. Wie aus Jugoslawien, Bosnien – Herzegowina, Serbien und Kroatien wurde. Er beschreibt, was er selbst erlebte und was das Erlebte mit ihm gemacht hat. Wie er und seine Landsleute über Generationen traumatisiert wurden und zu was Menschen fähig sind. Ich las früher schon einen Spiegel Artikel über diesen Krieg, daher hatte ich schon eine Vorstellung von dem unerträglichen Leid, das dort passierte, aber Ismets Geschichte treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine leise für eine sehr lange Zeit vor mich hin.

Ismet schreibt vom Krieg, von Sirenen und Luftschutzbunkern, von nächtlichen Angriffen und übereilten Treffen in Kellern. Er beschreibt Frauen, die auf Pritschen sitzen und weinend ihren Oberkörper hin und her wiegen, nicht wissend was da draußen passiert, oder was noch da ist, wenn sie den Bunker wieder verlassen. Er schreibt über näher kommende Detonationen. Er erzählt mir von unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, von sehr altem, lange währenden Zorn. Ismet lässt mich wissen, wie manche Männer ihren Frauen den Hals durchschnitten, weil sie nicht ertragen hätten, wären diese von mehreren Männern vergewaltigt worden. Ismet schildert mir, wie die Gegner dem Feind Gliedmaße abtrennten und Kreutze in ihre Körper ritzten, bis sie den Feind von seinem Bruder erlösen ließen. Er sagte mir, dass diese Brüder sich nach dem Krieg selbst töteten, weil sie die Last dessen, zu was sie gezwungen wurden, nicht mehr ertragen konnten. Ismet spricht darüber, wie gefangen genommene Feindinnen sich Schäferhunden hingeben mussten. Er spricht von Scham, Pein, Schuld, Zorn, von Hunger, Todesangst und Verzweiflung.

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft einfach nur keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf, weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt. Die Geschichte von Ismet ist austauschbar. Es ist die gleiche Geschichte, die auch Menschen in Libyen, Syrien, Iran, Irak, Afghanistan und Afrika erleben. Es ist die Geschichte, wenn uralte Glaubenskonflikte, uralte Überzeugungen, die Einzig richtigen sind und Toleranz ein Fremdwort ist. Eine Geschichte, die auf dem Boden kapitalistischer Mächte wächst, die den Hals nicht voll kriegen und das Drama durch Waffenlieferungen am Laufen halten.

Die Macht dieser tiefen traumatischen Einschnitte, wie Ismet oder viele andere Menschen sie erleben müssen, macht mich betroffen und traurig. Manch einer bezeichnet mich als „Gutmensch“, weil ich befürworte, dass Menschen, die in ihrem Heimatland massiv bedroht werden, die Zuflucht und Sicherheit bei uns suchen, diese auch erhalten sollten. Mit immer größer werdender Abscheu betrachte ich die Mitmenschen, die gegen Flüchtlinge wettern, und unsere Verantwortung und unsere eigene Geschichte verdrängen. Sie verwirken für mich heute ganz klar die Berechtigung in unserer schönen Demokratie zu leben.

In diesem Sinne, ein gesundes, sattes, zufriedenes und friedliches neues Jahr Euch allen. ❤️🙏

Frollein Rottenmeier

Der Geist der Weihnacht

Für viele andere Menschen scheint der, dem Geist der Weihnacht voran eilende Konsum viel wichtiger zu sein.

18. Dezember 2018

Der Geist der Weihnacht… Ich sitze an meinem Schreibtisch und habe Zeit, nutzbare Zeit. Ich bin stark erkältet und es ist unerheblich, ob ich im Bett liege und schwitze, oder auf meinem Stuhl sitzend, das Prinzip ist das Gleiche. Jetzt habe ich Zeit, nutzbare, gewinnbringende Zeit… Ich sinniere über die besinnliche Weihnachtszeit und stelle fest, wie viel Bedeutung eigentlich in dem Wort besinnlich steckt. Bedeutet es doch, sinnlich sein, also in sich gehen, mit allen Sinnen wahrnehmen, was da ist. Es bedeutet den Weihnachtspunsch ebenso zu schmecken, wie das wärmende Feuer des Ofens zu spüren. Ebenso, das Wahrnehmen und Sehen derer, die ich Liebe und das Hören der inneren Stimme, die mir stets etwas zu sagen hat und leider oft im lärmenden Alltag untergeht. Besinnlichkeit bedeutet auch, Sinn finden, in all dem Unsinnigen, mit dem wir uns das ganze Jahr herumschlagen. Es bedeutet ebenso, zur Besinnung kommen, anhalten, aussteigen, wieder klar werden. So fühlt er sich an mein Geist der Weihnacht…

Für viele andere Menschen scheint, der dem Geist der Weihnacht, voran eilende Konsum viel wichtiger zu sein. Der Wunschzettel ist rasch geschrieben, ein über das Jahr angewachsenes, unerreichtes Sammelsurium an Gütern. Was nicht gefällt, wird umgetauscht. Der „Konsum“, das „Haben müssen“, beschreibt das Begehren, das wir spüren, um einen persönlich empfundenen Mangel zu beheben. Dieses Begehren ist für viele anstelle von Religion, Familie und politischer Ideologie gerückt. Während unsere Identität früher davon abhängig war, von wem wir stammten, oder wie gottgefällig wir waren, finden wir unsere Zugehörigkeit heute eher, über die Dinge, die wir kaufen. Wir wollen alles und brauchen nichts. Unser Konsumverhalten ist über ein, Zuviel des Guten hinausgewachsen und findet heute erst Zufriedenheit, weit jenseits eines, ich gönne mir jetzt mal ein paar Trüffel hobel auf meinem Kartoffelstampf. Es darf gerne auch noch das Louis Vuitton Handtäschchen sein, dessen Krokoleder so viel schöner glänzt als ich, im grellen Scheinwerferlicht. Wir stimulieren unser Belohnungssystem, auf dass es genug Dopamin ausschütte, damit wir kurz wohlig darin baden können. Ein teures, rein biologisches Verhängnis, oder eben der Verlust unserer Werte, wie, Genügsamkeit, Bescheidenheit, Disziplin, Demut und Dankbarkeit?

Der Geist der Weihnacht… In diesem Sinne Euch allen eine besinnliche Zeit. ❤️🙏

© Marion Decker

Wie man sich auf Social Media nicht verhält

In dieser heiteren, teils bitterernsten Versammlungsstätte namens Facebook, beobachte ich seit ich dabei bin, was eine gute Kommunikation ausmacht und was sie ganz sicher scheitern lässt…

28. September 2018

Kommunikation hat seit vielen Jahren, eine immer größer werdende Anerkennung bei mir gefunden. Meine Großmutter mütterlicherseits war besonders sprachbegabt und wäre ich disziplinierter, wäre ich das auch. Immerhin widme ich mich hingebungsvoll meiner Mutter,- unserer Landessprache, die ebenso schön wie kompliziert ist. Ich liebe den gelingenden Austausch, das Mitteilen und mich verstanden fühlen. Es regt mein Belohnungszentrum ähnlich an, wie guter Sex oder ein gutes Essen. So kann ich ganz und gar berauscht und Dopamin trunken aus einem guten Gespräch hervorgehen und noch Tage davon zehren.

In dieser heiteren, teils bitterernsten Versammlungsstätte namens Facebook, beobachte ich seit ich dabei bin, was eine gute Kommunikation ausmacht und was sie ganz sicher scheitern lässt. Aus ganz eigenen schmerzlichen, jahrzehntelangen Erfahrungen weiß ich, dass Klugscheißerei keine große Anerkennung findet. Sicher, ich kam mir klug und jovial vor, wenn ich mich wieder einmal herausgefordert fühlte, meine grenzenlose Intelligenz, unaufgefordert zur Schau zu stellen. Mein Gegenüber allerdings, zog sich launisch und gekränkt zurück, um in aller Stille zu verarbeiten, wie sehr er sich von mir bevormundet und unterschätzt fühlte.

Mir ist auch aufgefallen, dass, sich in ein laufendes Gespräch – wie sich bei kommentierten Postings häufiger die Möglichkeit bietet – einzuklinken, ohne das Posting gelesen oder verstanden zu haben, für wenig Freude auf der anderen Seite sorgt. Dieses Verhalten, dient oftmals der reinen Selbstdarstellung. Hier wird die Gunst der Stunde genutzt, etwas unter ein Posting zu klatschen, was einfach nur auf sich selbst aufmerksam machen möchte. Es erweist sich als ähnlich wenig hilfreich wie Klugscheißerei, um zum Ziel „Dialog“ zu führen.

Gerade in Gruppen, in denen sich viele Menschen des gleichen Berufsstandes tummeln, beobachte ich stets aufs Neue, die sowohl unnötige als auch lästige Eigenschaft des Kompetenzgerangels. Der Rangler fühlt sich unterlegen und versucht davon abzulenken, indem er sich als besonders erfahren auf seinem Gebiet, gewissermaßen als Koryphäe aufspielt. Dieses Verhalten kommt bei vielen Gruppenmitgliedern so schlecht an, dass sie dynamisch zurücktreten.

Ein weiterer Faktor, der Kommunikation misslingen lässt, ist Missgunst. Der, dem missgönnt wird, spürt den Neid, der wie ein Stachel ins Gewebe dringt, auch wenn er nur sehr leise gespuckt wird.

Schuldzuweisungen sind äußerst beliebt und im Grunde schon längst zu einem begehrten Volkssport geworden. Es sind alle anderen Schuld, die Merkel, der Stoiber, der Spahn, der Seehofer, die Roth, die Nahles, der Özil, der Yeti, die Hitze, der Regen, die Zeitumstellung, der Bergbau, der Diesel, die Windräder. Bei Schuldzuweisungen sind sich erstaunlich viele Menschen einig, aber nur solange der Klugscheißer und der Selbstdarsteller sich raushalten.

Ich stelle fest, es gibt enorm viele Denk,- oder Verhaltensweisen, die ausgesprochen dienlich dazu beitragen, sich unbeliebt zu machen. Dem Einen gefällt das ausgesprochen gut, weil er sich selbst als individualistischen Querkopf mit großem Charakter sehen möchte und nicht als den unsozialen narzisstischen alten Sack, der er eigentlich ist, dem anderen gefällt das unbeliebt sein nicht.

Ich persönlich bevorzuge die Gemeinschaft, den freundlichen Austausch, die feine Art, ich mag das Zugehörigkeitsgefühl. Was gelingende Kommunikation ausmacht, ist sicher auch in erster Linie der Wunsch, den anderen zu verstehen. Auch wenn es vorkommt nicht auf einen Nenner zu kommen, anderer Meinung zu bleiben, dann ist es hilfreich den anderen so sein zu lassen wie er ist, es gibt nichts zu gewinnen. Manchmal ist es auch sinnstiftend, Grenzen zu setzen, dabei ist ein klares Nein glaubwürdiger, als ein wortreiches Nein, das Zweifel hinterlässt und Kompromissbereitschaft signalisiert. Letztendlich ist die Regel für gelingende Kommunikation ganz einfach:

„Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem Anderen zu“!

In diesem Sinne meine Freunde, gutes Gelingen 🍀🙏❤️

© Marion Decker

Chemnitz

Ich spüre, dass ein riesiger Riss durch unser Land geht. Wir sind entzweit, geteilt in links und rechts, in Osten und Westen, reich und arm, laut und leise, Gutmenschen und Wutbürger, ewig Gestrige und besorgte Bürger, Asylanten und deutsche…

29. August 2018

Die Vorfälle in Chemnitz und die daraus resultierenden Ereignisse haben mich zutiefst nachdenklich gestimmt, nicht weil es so verwunderlich ist, dass damit nicht zu rechnen war, sondern weil meine gewonnenen Erkenntnisse mich das Fürchten lehren. Sehr kurz zusammenfassend haben am 25. August ein 23-jähriger Syrer und ein 22-jähriger Iraner in Chemnitz während einem Stadtfest, 25x auf einen 35-jährigen deutschen Mann eingestochen, der daraufhin verstarb. Darauf folgte eine Hetzjagd, in der ein Mob von Menschen mit nazistischem Hintergrund Jagd auf Menschen mit Migrationshintergrund machten. Am darauffolgenden Abend findet eine Demonstration statt, in der ca. 2000 dieser Menschen mit ebendiesen nazistischen Überzeugungen unangemeldet aufmarschieren.

Um ihrem Unmut über den Tod des getöteten Luft zu machen, halten sie ein Plakat in die Luft, auf dem man 12 Gesichter von z.T. schwerst misshandelten Frauen sehen kann, mit der Aufschrift „Wir sind bunt bis das Blut spritzt“! Man möchte mir als sogenanntem Gutmensch aufdringlich suggerieren, dass, solange ich mich bunt statt braun fühle, früher oder später auch mein Blut spritzen wird. Das die 12 abgebildeten Frauen in England und Amerika leben und größtenteils von ihren eigenen Männern so zugerichtet wurden, hier nur am Rande. Das Plakat war zügig vorhanden und der Mob gut organisiert, das Netz macht es möglich. Einen Tag später kommt es zu einer Gegendemonstration von Menschen, die sich den Menschen, die erkennbar rechtes Gedankengut propagieren entgegenstellen. Die Presse bezeichnet die Gegendemonstranten als „Linke“, das passt nun mal einfach auch so schön ins Bild, weil der Mob ja rechts steht, so herrscht Ordnung denn das mögen wir und unser Wertesystem.

Als ich erstmals von Chemnitz hörte und die Betroffenheit meiner nachdenklichen Mitmenschen spürte, suchte ich nach Informationen und recherchierte um zu verstehen, was sich als schwierig erwies. Bis heute ist die Berichterstattung gewohnt einseitig und mein Vertrauen in Nachrichtendienste nachhaltig gebrochen. Ich spüre, dass ein riesiger Riss durch unser Land geht. Wir sind entzweit, geteilt in links und rechts, in Osten und Westen, reich und arm, laut und leise, Gutmenschen und Wutbürger, ewig-gestrige und besorgte Bürger, geflüchtete und deutsche. Die Stimmung im Netz kocht hoch, wir beginnen uns gegenseitig zu denunzieren, wir entfreunden die Unverstandenen oder sie uns. Der Ton ist zunehmend gereizt, die Stimmung aggressiv, wir vergessen unsere guten Manieren und schlagen verbal um uns. Die Ereignisse in Chemnitz sind so hoch gepoppt, dass es uns kalt erwischt hat, ein verhasster Teil unserer Gesellschaft grenzt sich problem- und bedenkenlos aus und zeigt uns ganz öffentlich die Fratze des Hasses, der Wut und latenten Unzufriedenheit und manch einer wundert sich. So verwunderlich ist es allerdings nicht, dieser ostdeutsche Nazimob, das sind tatsächlich die Abgehängten, die Vergessenen, die denen wir vieles versprochen haben, Aufschwung, Arbeit, Geld. Tatsächlich hatten sie vor uns alles, in ihrer sozialistischen Planwirtschaft ihre Arbeit, ihr Einkommen, ihren freien Wohnraum.

Ich bitte an dieser Stelle inständig nicht falsch verstanden zu werden. Ich möchte die Denkweise dieser rechten Gesinnung nicht schön reden oder rechtfertigen, ihr Verhalten widert mich an. Ich möchte einfach darauf aufmerksam machen, warum sie so empfänglich sind für Gruppenbildung, Gewaltbereitschaft und die AFD. Ich möchte aufzeigen, dass wir im ganzen Land große Probleme haben mit Menschen, die sich abgehängt und an den Rand gedrängt fühlen auch mit Menschen aus der intellektuellen Mitte, die auf diesen Zug aufspringen, obwohl sie gar keinen Anlass für Veränderung sehen, weil es ihnen eigentlich gut geht. Und nicht zuletzt „Hinz und Kunz“, die ohne jeglichen eigenen Gedanken als 75 tausendster irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Posts weiter verbreiten. Ich sehe wie seit Sonntag eine Gruppendynamik entsteht, die wie ein Waldbrand um sich greift. Wenn wir jetzt bürgerkriegsähnliche Zustände erleben ist das hier nicht mehr das Land in dem ich gut und gerne lebe und wo soll ich dann hin? Meine große schöne Freundin mit dem wohlklingenden Namen Vernunft ist nicht greifbar. Lasst uns aufhören Probleme zu ignorieren, Probleme einzelner zu belächeln, lasst uns mehr und respektvoll miteinander reden, uns gegenseitig zuhören, füreinander da sein, zusammenhalten, eine erwachsene, reife Demokratie leben. Lassen wir uns nicht vor einen Karren spannen und instrumentalisieren.

Eine friedvolle Zeit wünsche ich Euch

© Marion Decker ❤️

Das Kreuz mit der Verantwortung

Wir geben anderen die Schuld für unser eigenes Unvermögen, zu wenig Geld, zu krank, zu dick, zu unglücklich, zu erfolglos. Das hat den Vorteil, dass wir dann alles so lassen können wie es ist…

31. Juli 2018

Verantwortung ist eine Königsdisziplin, sie zu übernehmen birgt scheinbar Konsequenzen, die auszuhalten, viele meiner Mitmenschen nicht bereit sind. Sie geben die Verantwortung ab und gehen damit auf den ersten „Blick“ den einfacheren Weg. Das Prinzip ist ebenso einfach wie effektiv, das Umschiffen der Verantwortung zuweilen recht originell.

Wir geben die Schuld einer gescheiterten Beziehung unserem Ex-Partner. Das hat den Vorteil, dass wir uns dann nicht mit unserem eigenen Fehlverhalten, unserem eigenen Unvermögen auseinanderzusetzen brauchen, denn wir haben schließlich alles richtig gemacht.

Wir geben vor unser Kind zu lieben und benutzen es dann, um dem verhassten Ex eins auszuwischen, schließlich ist alles seine Schuld und er hat es nicht anders verdient, die Verletzungen wiegen schwer. Das hat den Vorteil, dass wir unser Ego weiter pflegen können.

Wir entschuldigen unsere schlechten Charaktereigenschaften mit einer schlechten Kindheit und geben unseren Eltern die Schuld, weil sie uns für unser Dafürhalten nicht genug geliebt haben. Das hat den Vorteil, dass es rechtfertigt, warum wir bleiben, wie wir sind.

Wir erwarten von unseren Partnern, dass sie uns glücklich machen und inthronisieren diese. Das hat den Vorteil, dass wir nicht selbst schuld sind, wenn es uns schlecht geht.

Wir lassen uns verletzen, jammern, lecken unsere Wunden und grollen den Schuldigen. Das hat den Vorteil, dass wir völlig gerechtfertigt das Gefühl der Wut genießen dürfen.

Wir bilden uns ein, dass wir richtig nette Menschen sind und verzweifeln fast daran, dass wir doch von allen Seiten eins drauf kriegen. Das hat den Vorteil, dass wir auch weiterhin ungestraft versuchen dürfen uns aufzuzwingen, um es allen recht zu machen.

Wir sind undankbar und wissen nichts zu schätzen, sehen alles als selbstverständlich an. Das hat den Vorteil, dass wir dann auch niemandem, was auch immer schuldig sind.

Wir verschweigen und nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Das hat den Vorteil, dass wir uns mit dem anderen nicht auseinandersetzen müssen.

Wir versuchen uns interessant zu machen, indem wir Geschichten ausschmücken oder erfinden. Das hat den Vorteil, dass wir selber den Eindruck gewinnen, wir seien tougher, besser und lustiger als wir glauben zu sein.

Wir stellen uns über andere, plustern uns auf und machen uns wichtig. Das hat den Vorteil, dass wir uns dadurch kompetent und unentbehrlich fühlen.

Wir kehren vor anderen Türen, regen uns über deren Unmengen an Dreck auf und reden so viel und schlecht darüber wie es geht. Das hat den Vorteil, dass uns das so schön von unseren eigenen ungeliebten Seiten ablenkt.

Wir arbeiten bis zum Umfallen, gönnen uns nichts und stehen permanent unter Druck. Das hat den Vorteil, dass wir nicht merken, dass wir uns nicht mögen.

Wir richten unser Leben darauf aus stets für andere da zu sein und uns zu bemühen, anderen zu helfen. Das hat den Vorteil, dass es unserem Dasein aus unserer Sicht eine Berechtigung und einen Wert gibt.

Wir versuchen nicht aus der Reihe zu tanzen und stehen nicht zu uns. Das hat den Vorteil nicht unangenehm auffallen zu können.

Wir treffen keine Entscheidung, verharren immer unsicher zwischen Möglichkeiten. Das hat den Vorteil, dass wir nichts falsch machen können.

Wir geben anderen die Schuld für unser eigenes Unvermögen, zu wenig Geld, zu krank, zu dick, zu unglücklich, zu erfolglos. Das hat den Vorteil, dass wir alles so lassen können wie es ist.

Wir können in unserem Stühlchen hocken bleiben und hadern, jammern und verzweifeln, die Komfortzone, das alt Bekannte hüllt uns ein, wiegt uns in Sicherheit. Bleiben wir einfach weiter Opfer, bleiben wir den Mitmenschen, Umständen, Behörden und Volksvertretern hoffnungslos ausgeliefert. Wir kommen dann eben nicht in den Genuss von Selbstwirksamkeit, also aus eigener Kraft schwierige Situationen durchzustehen. Wir traben einfach weiter auf der Stelle und hindern uns daran uns weiterzuentwickeln, bleiben einfach Kinder im Erwachsenenalter. Verzichten wir auf viele wichtige Emotionen, wie auch das heroische Gefühl zu mir zu stehen, mich selbst zu schätzen. Wir entwickeln keine Resilienz, das heißt das Vertrauen in die eigene Stärke und das eigene Leistungsvermögen. Wir verfeinern unsere empathischen Fähigkeiten einfach nicht und vergraben unser Gerechtigkeitsempfinden. Bleiben wir einfach wie wir sind, basta.

In diesem Sinne euch allen eine Entwicklungsreiche, liebevolle Zeit. ❤️🙏💋

© Marion Decker