Besonnenheit

Ich sitze noch ein paar Minuten auf der Terrasse, bevor ich mich schlafen lege, über mir eine sternklare Vollmondnacht. Ich lasse die Eindrücke der letzten Tage auf mich wirken und weiß noch nicht, dass übermorgen, das Sturmtief Sabine über Deutschland hinwegfegen wird. Sabine wird gewaltigen Wind bringen, der die Bäume ebenso schütteln und verbiegen wird, wie uns. Sabine wird Unmengen Wasser über uns niederprasseln lassen und auch Hagel.

Heute, da Sabine tobt, fühlt es sich ganz ähnlich an, wie der Sturm der nach der Landtagswahl in Thüringen, über uns hereinbrach, dessen Ergebnis viele von uns erschütterte. Das Wahlergebnis ließ uns spüren, wie fragil unsere Demokratie ist. Seit der Wahl vor fünf Tagen, werden täglich neue Entscheidungen getroffen und Konsequenzen gezogen, um den Schaden, das verlorene Ansehen, zu minimieren. Politiker wurden sich ihrer Verantwortung bewusst und traten zurück, oder wurden zurück getreten. Die Presse überschlägt sich, mit ihrer täglich mehrfachen Berichterstattung, im Kampf um Quote und wir?

Wir zerfleischen uns gegenseitig. Wir lassen uns auf schier endlose Diskussionen mit unseren Mitmenschen ein. Mitmenschen, die wir noch gestern vielleicht, für eine ihrer Äußerungen sympathisch gefunden hätten. Heute jedoch, haben sie sich zu eigen gemacht, eine Meinung zu vertreten, die unserer nicht entspricht. Wir wissen das, weil wir angefangen haben, alles im Netz zu lesen und die anderen zu beobachten. Wir sind hellhörig geworden, dünnhäutig und wütend. Wir diskutieren darüber, wie links die Linke wirklich ist und befürchten, dass ihr einziges Ziel sein kann, uns still und heimlich die SED wieder unterzujubeln. Diese Idee resultiert daraus, dass die AFD uns, gerissen wie sie ist, ins dunkle Tal des Faschismus führen wird. Auch wenn ich die zweite Variante für wahrscheinlich halte, tut das jetzt nichts zur Sache. Wir polarisieren und interpretieren, unsere Antennen laufen auf Hochtouren. Die derzeitigen Regeln im Umgang miteinander, in den sozialen Netzwerken sind klar. Wenn du nicht links bist, musst du rechts sein, und umgekehrt. Bist du nicht meiner Meinung, bist du mein Feind und ich stelle dich bloß, du kannst nur verlieren. Es kann doch vorstellbar sein, dass Jemand einige Standpunkte, der Partei der Linken gut findet, ohne dass er sich nach einem kommunistischen System sehnt. Die große Koalition macht es uns vor, entweder, die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, oder man versucht sich gegenseitig tot zu diskutieren und der Wortgewandtere, geht erstmal als Sieger hervor. In der Politik geht es um politische Interessen. Es geht um Macht, Entscheidungsmehrheiten, darum, gewonnene Ressentiments zu schützen und um Wählerstimmen. Warum machen wir da mit und sind gespaltener denn je. Die einzige Partei, die von unserer Zerrissenheit profitiert, ist die AFD, der wir auf diese Art Wähler in die Hände spielen.

Ich sitze vor meinem Rechner, die Ellebogen auf den Schreibtisch, den Kopf in meine Hände gestützt und sehe uns dabei zu, wie wir schnauben, uns echauffieren. Wir nehmen uns nicht die Zeit, das Gelesene, sich setzen zu lassen, sondern schießen sofort. Ich sehe uns dabei zu, wie wir uns vom Wesentlichen ablenken lassen und streitend miteinander beschäftigen. Wie wir uns gegenseitig bevormunden, belehren und in andere hineininterpretieren, statt zuzuhören. Das zu sehen macht mich traurig und es beunruhigt mich. Ich wünsche mir ein größeres Miteinander, mehr Deeskalation, ein besseres Gespür, Vernunft, Nachsicht und Fairness für uns alle.

Marion Decker

Autor: Marion

Ich bin 1969 geboren und schreibe nun schon eine ganze Weile. Meine Gedanken in Worte zu fassen scheint mir eine Notwendigkeit, die zu unterlassen, mich schlicht unvergnüglich stimmt. Darüberhinaus betreue ich Klientinnen mit persönlichen Problemen in ihrem Bestreben sich weiterzuentwickeln. Also eigentlich ganz ähnlich wie ich selbst.

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