Menschliche Verhaltensweisen in Zeiten von Covid-19, ein Erklärungsansatz und eine Kritik

Ich bin wieder einmal in mich gegangen, um meine Eindrücke, der letzten Tage zu ordnen und komme zu folgender erkenntnisreicher Einsicht. Covid-19 ist viel mehr als eine Infektionskrankheit. Dieses Virus bringt alle Charaktereigenschaften, die uns ausmachen, zum Tragen. Es weckt in uns unterschiedliche Bedürfnisse, je nachdem welche ganz eigenen Erfahrungen wir in unserer persönlichen Geschichte sammeln konnten. Eines der großen Bedürfnisse, die ich wahrnehme, ist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dicht gefolgt, von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, ebenso das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, aber auch nach Selbstbestimmung, oder einfach nur im Recht zu sein. Wie wir mit dem Thema umgehen ist abhängig von unserer Persönlichkeit.

Mir begegnen heute Charaktereigenschaften, die ich in dieser Intensität zuvor nicht wahrnehmen konnte. Ganz auffallend bewegen sich zur Zeit Menschen durchs Netz, die zu neurotischem Verhalten neigen, dazu gehört in erster Linie Angst. Diese Angst speist sich aus dem Bedürfnis nach Sicherheit. Die Angst kann so groß werden, dass Menschen sich mit Vehemenz bis hin zur Besessenheit, einzig nur noch auf dieses, uns alle bewegende Thema konzentrieren und am Ende in Hysterie ausufern, die uns förmlich anschreit. Bei den zu Hysterie neigenden Menschen ist ein großes Geltungsbedürfnis vorrangig.

Ich beobachte Zwanghaftigkeit, diese Menschen neigen zu ausgeprägter Genauigkeit und Eigensinn. Sie haben ein gesteigertes Bedürfnis nach Kontrolle und verbergen ihre Gefühle, indem sie rationalisieren.

Der narzisstisch geprägte Charakter, neigt zu einem übergroßen Selbstwertgefühl und hat den Hang dazu, andere zu entwerten. Er idealisiert eine Situation oder verleugnet sie.

Ich finde die depressiven, Nähe suchenden Persönlichkeiten, deren Angst, in der Angst vor Vereinsamung und Isolation gründet. Sie neigen eher dazu, zu vermitteln und dem Gemeinwohl zu dienen. Sie ziehen sich schnell gekränkt zurück und fühlen sich überfordert.

Bei meiner Beobachtung finde ich ebenso die schizoiden Persönlichkeiten, deren Angst vorrangig, die Angst vor emotionaler Nähe ist. Sie versuchen stets auf Distanz zu bleiben und suchen ebenfalls nach rationellen oder intellektuellen Erklärungen.

Diese Persönlichkeitsanteile kommen in der Regel nicht allein daher, sondern ein Charakter besteht aus mehreren dieser Anteile, wobei ein Anteil vorrangig sein kann. Covid-19 verstärkt diese einzelnen Eigenschaften und Menschen beginnen in Extreme zu fallen. Die zu beobachtenden Diskussionen werden jetzt zunehmend, selten sachlich geführt und sind gefärbt durch Emotionen und eigenen Erfahrungen.

Wer sein Leben in Wirklichkeit eher kleinlaut gestaltet hat, hat jetzt die Chance auch mal einen rauszuhauen. Wir beginnen alles und jeden zu bewerten, danach abzuwerten und zu verurteilen. Dann lesen wir einen Standpunkt nicht zu Ende, oder haben ihn schlicht, ohne es zu merken, nicht verstanden und fallen mit Haut und Haaren über den anderen her. Wir unterstellen dem anderen irgendwas, das uns nicht in den Kram passt, Hauptsache wir finden jemanden, durch den wir uns behaupten können. Wir beschimpfen Menschen als asozial, weil uns ihre Sichtweise nicht passt. Wir fühlen uns durch Menschen bedroht, die diese Situation einfach nicht mehr aushalten. Die Zartbesaiteten unter uns, trauen sich schon nicht mehr, sich einzubringen, es sabbeln nur noch die Hardliner, die die über jeden Einwand erhaben sind, das dickere Fell haben und sich einer Gruppe zugehörig fühlen, sich für jede Frechheit beklatschen lassen, um Punkte zu sammeln. Jeden Tag steht einer auf, der vehementer ist, der endlich in seinen ganz persönlichen Krieg ziehen kann, der Tempelritter, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Von einer Lösung sind wir alle meilenweit entfernt, weil es keine gibt. Wir diskutieren und debattieren, klatschen uns unter die Postings der anderen, um sie auflaufen zu lassen, sie bloßzustellen und einer Lächerlichkeit preiszugeben, die jeden Sinn für Humor entbehrt. Das, was ich jeden Tag beobachte, wie wir miteinander umzugehen imstande sind, ist von gesundem Menschenverstand sehr weit entfernt. In Zukunft werden Tier- und Blumenbilder zensiert, weil sie nichts zur Sache beitragen. Unser gesellschaftliches Gefüge wird nach Covid-19 ein völlig anderes sein. Wir spalten uns in drei Lager. Die Angepassten, die sich im Supermarkt darüber freuen, dass sie alles richtig gemacht haben. Die, die sich stets Vernunft auf die Fahne schreiben, sich moralisch unantastbar fühlen und in einem großen Akt der Gemeinschaftlichkeit und des Zusammenhalts, Einigkeit suggerieren. Und die Verlierer dieser Tragödie, die den Verlust ihrer Angehörigen betrauern, so wie die, die ihre Kernkompetenzen und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vermissen und noch viele Jahre versuchen werden, die entstandenen Schulden zurückzuzahlen.

Wir hatten die Chance zuzuhören, Empathie zu zeigen für die entstandenen Probleme aller, um festzustellen, dass wir eine große Gemeinschaft Betroffener sind, aber wir entschieden uns anders. Wir entschieden uns dafür, in postpubertären Ergüssen, die großen Unterschiede aufzuzeigen, um anzuprangern und zu bekämpfen, was von unserer dogmatischen Ansicht, die die einzig Richtige ist, abweicht. Es geht doch nicht darum, sein Ego, soweit als möglich aufzupolieren, nicht darum, was man für ’ne geile Sau ist, um sich dann von Gleichgesinnten feiern und abklatschen zu lassen. Es darf nicht zum Lebensinhalt werden, so viele wie möglich mundtot zu machen, die sich dann im Untergrund verkriechen. Das hier ist kein Krieg.

Covid-19 hat etwas geschafft, das die AFD sich zum Ziel gesetzt, jedoch nicht erreicht hatte, die gesellschaftliche Spaltung. Alle Achtung, dass wir das zugelassen haben.

© Marion Decker

Autor: Marion

Ich bin 1969 geboren und schreibe nun schon eine ganze Weile. Meine Gedanken in Worte zu fassen scheint mir eine Notwendigkeit, die zu unterlassen, mich schlicht unvergnüglich stimmt. Darüberhinaus betreue ich Klientinnen mit persönlichen Problemen in ihrem Bestreben sich weiterzuentwickeln. Also eigentlich ganz ähnlich wie ich selbst.

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