Das ganz normale Leben

Seit meinem „Missbrauchs Coming-out“ sind genau zwei Monate vergangen. Zwei Monate, in denen ich angenehm satt war und spielend leicht auf Facebook verzichten konnte. Ich war erfüllt von den, durch und durch wohlwollenden Reaktionen und habe mich entspannt meinem Alltag gewidmet. Ich war so ausgeglichen, dass ich das Wort „Ommmmm“ gar nicht auszusprechen brauchte. Es begleitete mich täglich so verlässlich als Summen in meinem Hinterkopf, wie Schmetterlinge vor meinen Augen tanzten und Hummeln in meine Ohren brummten. Meine kleine Welt war ein friedlicher Ort. Dann begann das bekannte, ja vertraute Herzrasen wieder. Obwohl ich konsequent fast täglich einen Kilometer schwimme (es fällt mir nicht schwer, denn ich habe ein Schwimmbad) verwandelte mein Körper die aufgebaute Muskulatur, zum Teil wieder in Fettgewebe. Irgendwann war ich wieder so vergesslich, dass ich mir sicher war, mir „Kreutzfeld-Jakob“ eingefangen zu haben. Es dämmerte mir, dass mein Immunsystem wieder sein Eigenleben führt und ungebeten meine Schilddrüse attackiert. Die Entspannung wich der bekannten Abgeschlagenheit und ich recherchierte, was ich dieses Mal falsch gemacht hatte. Ich habe unendlich viel Wasser getrunken und ein zufälliger Blick auf die Inhaltsangabe, ließ mich wissen, dass das Heilwasser „Staatlich Fachinger“, eine beträchtliche Menge an Jodid aufweist. Jod feuert den Autoimmunprozess an. Ich trinke nun ein anderes Wasser, nehme das homöopathische Mittel, das mich seit Jahren begleitet und spüre, wie wieder Energie durch mich hindurchströmt.

Ich schrieb zwischenzeitlich Kurzgeschichten für vier Literaturwettbewerbe, um mir einen Namen zu machen. Eine fünfte Geschichte entsteht gerade und ich hoffe, dass sie brillant wird, eine sechste Geschichte fordert mich heraus, denn das Thema heißt „Aber“. Ein „Aber“ äußert sich in sozialen Netzwerken an jeder Ecke und inspiriert mich. Es findet auch gerne Verwendung im Zusammenhang mit dem vorangestellten Wort „Ja“. Dieses „Ja aber“ ist verwirrend, weil es zunächst Zustimmung suggeriert und dann doch widerspricht. Im Grunde ist dieses „Ja aber“ nichts anderes als eine Aufforderung zum Spielen, es stellt in Frage, zeigt Diskussionsbereitschaft und relativiert. Ich habe erst kürzlich auf Facebook einen Menschen verloren, den ich liebgewonnen hatte, weil ich dieses Spiel nicht spielen wollte. Dieses Spiel, der nicht enden wollenden Diskussionsbereitschaft reizt mich wieder. Ich spüre, wie Adrenalin jede meiner Muskelfasern durchströmt, wie sich dieses warme Gefühl im Bauch ausbreitet und mir zu Kopfe steigt. Ich fühle mich lebendig, lebendig und stark, unverwundbar. Die Lethargie, die mich umhüllte, weicht meiner Lust zu kämpfen.

Es gibt so viele wichtige Themen auf dieser Welt. Dramen, die untergehen, weil sie nicht zum Mainstream passen. Es scheint wichtiger, was „Attila der Hunnenkönig“, oder „Xaviar Naidoo“ für geistige Ergüsse von sich geben, denn man gibt ihnen eine Bühne und teilt das ausgiebig, um sich darüber zu echauffieren. Es gibt so viele Fragen: „Kennt jemand die neuesten Fallzahlen aus Berlin, nachdem 17.000 Menschen „Nackt“ auf die Straße gegangen sind, Nein? Warum nicht?“ Mir ist schnurz, ob „Jens Spahn“ für seine Villa 4,1 Millionen auf den Tisch gelegt hat. Mich interessiert eher, dass er sich mittlerweile unter dem Tisch so viel Macht geschenkt hat, dass es ein föderalistisches System Lügen straft.

Ich habe eine Idee, es ist mir egal, ob es jemandem gefällt oder nicht. Ich mache wieder von meinem astrologischen Recht Gebrauch, im Jahre 1969, als Hahn geboren worden zu sein. Ich steige morgens um 7 Uhr auf meinen Misthaufen und krähe was das Zeug hält. Ich hacke auf denen herum, die sexistisch, rassistisch, faschistisch, intolerant und egoistisch sind. Und ich werde nicht spielen. Ich werde was ich bin.

Marion Decker