Mancher Anfang ist schwer

Da sitze ich nun, auf einem schmutzigen Bürgersteig in der Kiefernstraße in Düsseldorf und versuche, das eben erlebte Ereignis zu verdauen.

Ich hatte, am Ende meiner Frühschicht im Altenheim, einige Tropfen Ephedrin genommen, ein Kreislaufmittel, das den Blutdruck erhöht. Ich dachte, es könnte ein schwungvoller Nachmittag werden. Nach Dienstschluss besuchte ich einen Freund und wir rauchten Marihuana aus seiner großen Bambusbon. Das Zimmer, in dem wir saßen, war verdunkelt, er hatte die Vorhänge zugezogen, weil er im Erdgeschoss wohnte und fremde Blicke aussperren wollte. Seine drei Aquarien mit den Piranhas blubberten und glucksten, der Rauch, den wir ausstießen, waberte durch den Raum. Er fütterte die Fische mit Teilen von toten Mäusen und sie bewegten sich zielstrebig und majestätisch in schimmernden Goldtönen durch das Wasser, um satt zu werden. Er ging ins Bad, um Wäsche aufzuhängen und ich blieb allein zurück. Ich fühlte mich seltsam, anders als sonst, wenn ich gekifft hatte, was ich regelmäßig tat. Ich spürte, wie mein Herz zu rasen begann und beobachtete es zunächst unvoreingenommen. Als der Herzschlag jedoch an Tempo zunahm, geriet ich innerlich in Panik. Ich hatte keine Ahnung was ich machen sollte und saß ganz still. Es dauerte nicht lange und ich verspürte Todesangst, weil ich mir unmöglich vorstellen konnte, dass so ein Herz diesen Kraftakt noch lange durchhielt. Meine Gedanken bewegten sich zentriert in die Befürchtung, dass ich hier an Ort und Stelle sterben könnte. Die Vorstellung, dass ich in seiner Wohnung tot aufgefunden würde und er sich dadurch großen Ärger einhandeln könnte, ließ mich langsam unsicher aufstehen und auf die Straße hinausgehen. Draußen setzte ich mich auf den Bürgersteig und versuchte irgendeinen Einfluss auf dieses Organ zu nehmen, das als eines der best durchdachten, des Organismus galt. Eine ganze Weile später, regulierte sich mein Blutdruck runter und mein Herz fand seinen eigentlichen Rhythmus wieder. Ich atmete erleichtert tief ein und aus.

Die Kiefernstraße war für seine berüchtigten Bewohner bekannt. Die Häuser gehörten der Stadt, waren jedoch nicht vermietet, weil sie sanierungsbedürftig waren. Trotzdem wohnten wir hier und wurden geduldet. Wir, das waren die Autonomen, die sich bei Castortransporten schon mal an die Gleise ketteten, um den Atommüll aufzuhalten. Wir, das waren die Punks, die Penner, die Heroinsüchtigen, einige heimisch gewordene Türken und ein paar Menschen, die hier schon immer gelebt haben. Die Häuserseite mit den ungeraden Hausnummern war geziert durch schrille Graffitis und man traf immer jemanden, mit dem man quatschen konnte. Die Kiefernstraße schlief nie.

   Mich selbst hatte es vor drei Jahren hierher verschlagen, weil ich auf einem meiner nächtlichen Streifzüge durch die Altstadt einen Punk kennenlernte, in den ich mich verliebte. Ich war 17 ¾ Jahre alt und verstand mich nicht mit meinem Stiefvater Klaus. Klaus war Bäcker und ein unsympathischer, ernster Eigenbrötler, der alles besser wusste. Er träumte sentimental verklärt von seiner Zeit bei der Marine, trank jeden Abend Tee mit Rum und las Romane, die von Seewölfen handelten. Einmal im Quartal flippte er mächtig aus, weil ihm irgendwas an mir missfiel, was ihm die Halsschlagadern anschwellen ließ. Kurz darauf schien irgendetwas seine Augen aus dem Kopf zu drücken, so dass sie weit nach vorne traten und er brüllte so laut, dass ich sein Zäpfchen im Rachen beben sehen konnte. Für gewöhnlich waren wir kurz zuvor gemeinsam um den Wohnzimmertisch gerannt, ich voran, er hinter mir her. Wenn er mich eingeholt hatte, schlug er hart zu, nie ins Gesicht, sondern immer auf den Rücken, damit die Nachbarn nicht sehen konnten, was er da regelmäßig tat. 

   Meine Mutter feierte ihren 38. Geburtstag. Sie hatte Käsehäppchen, Frikadellen, Kartoffelsalat, Wiener Würstchen und Gulaschsuppe gemacht. Ihre Gäste und sie waren ausgelassener Stimmung, es wurde getanzt, gelacht und getrunken. Klaus und ich schlichen umeinander herum, ich wollte mit ihm reden, er wich mir aus. Kurz nach 24 Uhr, als ich selbst 18 Jahre alt wurde und meine Glückwünsche entgegengenommen hatte, packte ich ein paar Sachen und ging. Ich traf meinen Freund Toby, an der Deutschen Bank, in der Altstadt und wir gingen gemeinsam Hand in Hand zu ihm nach Hause.

   Die „Wohnung“, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, war ein etwa 20 Quadratmeter großer Raum, ohne fließendes Wasser, ohne Toilette und ohne Dusche unter dem Dach. Der eigentliche Dachstuhl des Hauses war vor wenigen Jahren abgebrannt, weil Neonazis Molotowcocktails hochgeworfen hatten und die Feuerwehr zu spät kam. Den Dachstuhl hatten einige Bewohner des Hauses wieder aufgebaut und mit Teerpappe gedeckt. Es regnete an vielen Stellen durch die nackten Sparren herein. Jedes Mal, wenn ich kochte und mit einem Metalllöffel im Metalltopf rührte, während ich auf dem regennassen Teppich stand, bekam ich einen Stromschlag. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass der Herd nicht geerdet war.

   Toby hatte eine schlechte Angewohnheit. Er war sehr eifersüchtig und wenn ihn sein Misstrauen überkam, schlug er zu. An einem Abend, als ich ihn nicht mehr ertrug, flüchtete ich in eine leere Wohnung, eine Etage tiefer und legte mich auf das Hochbett, um einmal in Ruhe schlafen zu können. Als er mich fand, zerrte er mich von dem Bett und trat mir mit seinen Springerstiefeln in die Rippen und die Brust.

   Wir saßen jeden Tag mit anderen Punks in der Altstadt und schnorrten die Passanten an: „Haste mal ’ne Mark?“ Zu Anfang, als ich noch frisch und unverbraucht aussah, erbettelte ich 20–30 Mark am Tag, davon kauften wir Dope und Bier. Nach drei Jahren trennte ich mich von ihm und zog in eine unbewohnte Wohnung, in der ersten Etage. Dort erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Freiheit, die ich in multiplen Drogenexzessen auslebte.

   Damals, als ich geboren wurde, war das für meine Mutter schwierig. Sie fühlte sich den ständigen Eskalationen meines Vaters ausgesetzt. Er war Alkoholiker, verlor immer wieder seine Arbeit und vertrank das Geld, das sie mit Putzen verdiente. Ich war fünf Jahre alt, als meine Mutter sich auf dramatische Weise, von meinem Vater trennte. Sie hatte mittlerweile ein Büdchen eröffnet, ein kleines Geschäft, in dem man Süßigkeiten, Zigaretten, Getränke und manchmal auch Schnürsenkel kaufen konnte. Durch ihre aufgeschlossene, humorvolle Art, gewann sie einige Stammkunden, die regelmäßig zu ihr kamen, um Bier zu trinken und die sie ihre Freunde nannte. Eines Nachmittags verprügelten zwei dieser Freunde, meinen Vater auf offener Straße. Er versuchte vor ihnen wegzulaufen, aber sie holten ihn ein. Sie warfen ihn zu Boden und traten auf ihn ein, bis sein Oberarm brach. Ich hörte es krachen und schrie und weinte, weil ich nicht verstand, warum sie das machten. Danach ging er nach Westberlin und ich sah ihn nie wieder. Ich war 20 Jahre alt, als ich erfuhr, dass er an einem Herzinfarkt und gleichzeitigem Schlaganfall verstorben war, er hatte bis zum Ende weitergetrunken.

   Die Freunde meiner Mutter, zahlten ihre Getränke, die sie am Büdchen verzehrten, nicht regelmäßig und so ging sie Pleite. Am Ende stand sie mit 60.000 Mark Schulden da und die Mutter meines Vaters wollte das Geld zurück, dass sie ihr geliehen hatte.

   Meine Mutter fand Arbeit, in der Brotfabrik Müllejans und einen neuen Freund, den Werner. Wir lebten jetzt in einem kleinen Appartement in der Innenstadt und Werner und seine Schwester waren unsere Nachbarn. Wenn Werner und meine Mutter Sex machten, dann machten sie das in unserem Zimmer. Meine Mutter überlegte sich dazu einen ausgetüftelten Plan. Sie stellte zwei Sessel vor ihr Bett, die wohl als Sichtschutz dienen sollten, dann löschte sie alle Lichter, außer den Fernseher. Weil das alles sehr geheimnisvoll auf mich wirkte, versuchte ich so viel wie möglich von dem mitzubekommen, was sie da machten.

   Ich weiß heute nicht mehr, warum das so war, aber meine Mutter ging regelmäßig arbeiten, Werner nicht. Als Werner mich zum ersten Mal wusch, als ich unter der Dusche stand, fragte er mich, ob mir das gefällt, wenn er mit dem Waschlappen ganz oben zwischen meinen Beinen rieb. Es fühlte sich unangenehm an, aber ich sagte ja, weil ich ihm gefallen wollte. Als Werner mich dann zum ersten Mal in Netzstrümpfen, vor sich auf und ab laufen ließ, fand ich das lustig. Es machte mir Spaß vor ihm zu posieren, ich hielt das für ein Spiel.

   Ich begann nachts wieder regelmäßig, das Bett zu nässen, sehr zum Ärger meiner Mutter und gewöhnte mir einige Ticks an. In der Schule nahm ich kaum noch am Unterricht teil und sah meistens aus dem Fenster. Meine Oma organisierte einen Kinderpsychologen, aber das änderte nichts.

   Zwei Jahre später hatte meine Mutter einen neuen Freund, der nicht arbeitete und den ganzen Tag mit einem Freund bei uns saß und Bier trank, der Kalla. An einem Samstagvormittag ermunterten die beiden mich Wein zu trinken. Sie zerstreuten meine Bedenken damit, dass die Mama ja auch Wein trinke, dass das ganz normal sei und Spaß machen würde. Es war ein süßer Weißwein, namens Mädchentraube und ich trank, bis die Flasche leer war …

   In außergewöhnlichen Augenblicken, die geprägt sind von dem Wunsch nach Sinn, frage ich mich heute manchmal, was gewesen wäre, wenn ich in eine andere Familie hineingeboren worden wäre und finde ein paar Antworten. Die Mama, die ich dann gehabt hätte, hätte sich auf mich gefreut. Sie hätte mir, während ich in ihrem Bauch herangewachsen wäre, schöne Lieder vorgesungen und heitere Geschichten erzählt. Mein Papa hätte ihren Bauch gestreichelt und gelächelt. Während meiner Geburt wäre er dabei gewesen. Man hätte mich in seine starken Arme gelegt und er hätte mich mit einem Handtuch zärtlich sauber gewischt. Danach hätte er mich Mama an die Brust gelegt und sie hätte mich erschöpft, aber glücklich angelächelt. Ich hätte an ihrer Brust getrunken und ihre leicht süßliche Muttermilch in mich aufgenommen, wie eine Biene, die den süßesten Nektar findet.

   Während ich die ersten Schritte gemacht hätte, hätte Mama mich wissen lassen, dass ich das Beste bin, das ihr je passiert ist, dass sie mich liebt und dass ich schön bin. Sie hätte mich behütet und mir die liebevolle Aufmerksamkeit gegeben, die Mütter ihren Kindern manchmal zukommen lassen. Papa hätte mich beschützt und sanft geführt und mir die Werte vermittelt, die so wichtig sind, um ein guter Mensch zu werden.

   Ich hätte in der Schule gerne gelernt und Unterstützung bei den Hausaufgaben erfahren. Nach einem hervorragenden Abitur hätte ich Anthropologie studiert. Danach wäre ich durch die Welt gereist und hätte verschiedene Ethnien beobachtet, von ihrer Kultur gelernt und dieses Wissen nach außen getragen. Meine Eltern wären bis zu ihrem Lebensende immer für mich da gewesen und hätten voller Stolz, an meinen abenteuerlichen Erlebnissen teilgenommen. Ich hätte ein erfülltes Leben voller Dankbarkeit gelebt und die tiefe Zuneigung, Liebe und Wertschätzung, die ich erfahren durfte, mit meiner eigenen Familie geteilt.

Edition Paashaas Verlag Herausgeberin Manuela Klumjan EPV

ISBN 978-3-96174-090-1

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