Vorurteil

Mein Mann erhielt eine Einladung, der wir folgten. Ich fand mich wieder, auf einer Veranstaltung, die einberufen wurde, um den Hauptakteur zu ehren und zu beglückwünschen. Ich, als normal Sterbliche, wäre niemals zu dieser Veranstaltung eingeladen worden und so bin ich dankbar, dass ich dabei sein durfte. Die Feierlichkeit wurde von einer Kanzlei ins Leben gerufen, die Juristen beherbergt, die Menschen verteidigen, die sich größerer Straftaten schuldig gemacht haben. Die Eingangsrede, auch Laudatio genannt, wurde von einem ehemaligen saarländischen Minister gehalten. Sie war ganz passend zum Anlass, tragend, langatmig und wenig informativ.

   Weil ich ungern fremde Menschen in meinem Rücken stehen habe -mein Kontrollbedürfnis möchte das nicht zulassen – platzierten mein Mann und ich uns in einer Ecke des großen Raumes, horchten und harrten der Dinge, die da kommen mochten. Vor mir stand ein gespanntes Publikum, zu dem in der Hauptzahl gut gekleidete Herren zählten. Sie trugen graue, dunkelblaue oder anthrazitfarbene Anzüge, Krawatten und gewienerte Schuhe. Alle waren tadellos frisiert und rasiert und verströmten eine Aura aus Seriosität, Erfahrung und akademischem Wissen. Es waren, größere und kleinere Männer, zumeist fortgeschrittenen Alters. Wie sie da so vor mir standen, aufrecht, geradlinig, die Arme vor der Brust verschränkt oder lässig, leicht vorgebeugt, die Ellenbogen auf den kleinen Stehtischchen aufgestützt, strahlten sie Wichtigkeit aus. Dringlichkeit, Erhabenheit und Erfolg, der ihnen ins Gesicht gebrannt war. In dieser von Ehrgeiz, Eloquenz und Männlichkeit wabernden Atmosphäre, die die Luft zum Atmen beschwerte, fühlte ich mich klein, nichtig und nutzlos. Meine Daseinsberechtigung schwand. Ich sah mich gezwungen mich zu demütigen und zu hinterfragen, was ich in meinem Leben erreicht hatte. Ich hatte keine Professur erlangt, keine Reichtümer erwirtschaftet, keinen gehobenen Posten ergattert, ja nicht einmal ein Kind geboren.

   Während ich in meinen Gedanken versank, brandete um mich herum Applaus auf. Nun kam der eigentliche Anlass der Ehrung zum Tragen. Der Hauptakteur stand auf der Bühne und begann aus einem Kinderbuch vorzulesen. Das leise Surren eines Monitors, der wundervolle Illustrationen auf eine Leinwand warf, begleitete seine Worte. Der Herr Professor Dr. Schlarz war im Geiste, ein Kinderbuchautor. Und wie wir ihm alle aufmerksam lauschten, waren wir im Herzen vereint, lächelten versonnen und ich begann mich wohlzufühlen.

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