Nicht wissend,

wie ich anfange, das hier zu schreiben, setze ich mich auf die Terrasse und lasse mich von einem unserer Hunde inspirieren. Es ist der Hund, der stets jammert. Dieser Unmut hat sich eingeschlichen, er kam nicht über Nacht. Wir ließen ihn darin gewähren und unterbanden es einfach nicht. Die Gründe für seine Unzufriedenheit sind vielzählig und mittlerweile wurde daraus Gewohnheit.

Unsere Gesellschaft hat sich entwickelt und verändert. Das soziale Gefüge ist ein anderes geworden. Wir grenzen uns ab, lassen andere nicht mehr so nah an uns heran, wie es in einer schönen Gemeinschaft möglich wäre. Das, was wir von uns preiszugeben, bereit sind, ist ein Bild, dem wir gerne entsprechen möchten, vielleicht, weil wir glauben, dass es von uns erwartet wird.

Täglich bekommen wir auf dem Präsentierteller angerichtet, was richtig und falsch ist. Irgendwer erklärt uns, warum gesunde Ernährung, die einzig Richtige ist und warum, Antioxidantien den Alterungsprozess aufzuhalten vermögen. Ein paar (Power) Asanas pro Tag, schützen uns vor lebensbedrohlichen Herz,- Kreislauferkrankungen. Die Sonne gilt es zu meiden, und stattdessen sollten wir unseren Vitamin D Spiegel mit Vigantolvit heben. Führt die Prostata ihr Eigenleben, hilft Viagra zu mehr Stehvermögen. Vitalität scheint die Anforderung dieses Jahrhunderts zu sein. Wer dem Siechtum verfällt, trägt einfach selbst Schuld, zu bequem, zu undiszipliniert und seinen schlechten Gewohnheiten hilflos ausgeliefert …schwach.

Erfolg ist das Zauberwort in aller Köpfe. Wurden wir vor einigen Jahren noch an dem gemessen, was wir haben, liegt das Augenmerk heute darauf, was wir zu sein scheinen oder vorgeben zu sein. Es geht oft nur darum, wie mir jemand nützlich sein kann, wie ich an dem, was ein anderer augenscheinlich erreicht hat teilhaben kann.

Nach der großen Welle des Individualismus, sind wir nun dazu übergegangen, jeden auszugrenzen, der aus der Reihe tanzt. Aus dem schwarzen Schaf wurde der Anpassungsgestörte, der Eigenbrötler ist jetzt ein Soziopath und die Introvertierten haben eine autistische Persönlichkeitsstörung. Der asoziale Teil unserer Gesellschaft ist nun der, der nicht alles mitmachen möchte, nicht jeder Strömung folgt. Die großen Alltagshelden unserer Zeit sind die, die sich bestmöglich an das System anpassen.

Was stört wird eingeordnet und mit einem Aufdruck versehen, alles wird schwarz-weiß betrachtet, das spart Zeit. Kritiksucht ist riesig, die eigene Überheblichkeit unschlagbar. Den meisten Menschen gelingt es nicht mehr zuzuhören. Eine andere Meinung diskreditiert sie so sehr, dass sich Empörung breit macht. Einsicht oder Nachgeben, ist zu einer Schwäche geworden, die es zu vermeiden gilt, um tunlichst im Recht zu bleiben. Wir denken zu viel und fühlen zu wenig, reden zu oft ohne zu Handeln.

Empathie hat sich zu einem Phänomen entwickelt. Ein Attribut aus einer längst vergangenen Zeit. Die Gabe, sich in einen anderen hineinzuversetzen, seine Beweggründe zu verstehen versuchen, wurde verzichtbar, zu gefährlich sich berühren zu lassen. Stattdessen nimmt sich fast jeder als Mittelpunkt des Daseins wahr, mit eigenen Problemen, die so wichtig sind, eigenen Regeln und dem Recht auf Anerkennung all dessen. Aus dem ehemaligen Wunsch nach Individualismus wurde Egoismus. ICH, ist das Wort, das jeder Verständigung im Wege steht.

Aus, mein Haus, mein Auto, mein Feriendomizil, wurde meine Meinung, meine Befindlichkeiten, mein Lebensinhalt. Mir kommt das Wort Demut in den Sinn, dessen Bedeutung ebenso überfrachtet ist, wie die Bedeutung der Worte Liebe oder Glück. Viele Menschen sind auf der Suche danach, ohne zu wissen, was sie da eigentlich zu finden glauben. Es ist diese Haltung des Zurücknehmens, des Erkennens, nicht der Nabel der Welt zu sein, sondern ein winziger Teil des großen Ganzen. Atmen …Fühlen … Geschehen lassen, keinen Einfluss nehmen, nicht kontrollieren.

Ich habe diesen Wunsch, dass wir alle von unseren hohen Rössern hinabsteigen, einen Blick wagen, in die Gefühlswelten der Menschen, die uns umgeben, dass wir den Mut finden echte Verbundenheit herzustellen. Ich wünsche mir, dass wir diese Solidarität, die so plötzlich aus uns herausgebrochen ist, anderen, frei von Eigennutz zu helfen, kultivieren. Gemeinsam haben wir die Möglichkeit große Hürden zu nehmen, nur gemeinsam werden wir stark sein.

© Marion Decker

Pic: Geralt 23110 Pixabay

Die gesamtgesellschaftliche Tragik

In den letzten Tagen fühlte ich mich ein wenig verloren. Das Bedürfnis mich einzuigeln, entsprang der Verwirrung, die mich manchmal überfällt, wenn ich ein zu viel an Informationen aufnehme. Mir fehlt dann die Möglichkeit zeitnah zu sortieren, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich falle dann in eine Bewegungslosigkeit, die ich als Depression bezeichnen möchte. Es sind die Phasen, in denen ich mich ängstlich, hilflos und müde fühle. Die Momente des Rückzugs und der Trägheit, der Unentschlossenheit, der Sinnlosigkeit.

Heute bin ich wieder bei mir und kann in Worte fassen, was meine Wahrnehmung prägte. Wenn ich aus meinem Fenster in die Welt schaue, dann sehe ich ein emotionales Desaster. Ich sehe Unstimmigkeiten, die auf Meinungsverschiedenheiten und manchmal auch auf Missverständnissen beruhen. Der Grundtenor ist Angst. Die einen haben Angst vor einem Virus, der seit Monaten als todbringend beschrieben wird, als unberechenbare Seuche, die uns alle ausrotten wird, …wenn wir nicht …! Die anderen haben Angst davor, dass unsere Demokratie aus den Angeln gehoben wird. Ich stelle fest, dass ein gemeinsames Gefühl, wie die Angst, nicht vereint. Jeder bleibt mit seinem Gefühl allein. Angst macht einsam. Sie wird als so existenziell erlebt, dass wir nicht mehr klar denken können. Angst nimmt uns gefangen. Wie jeder einzelne damit umgeht, entscheidet sein Charakter. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen viele Menschen aggressiv nach außen schnauzen andere an und bedrohen diese. Beim Lesen einiger Kommentare, wird spürbar, wie die Worte in die Tastatur gehämmert werden. Wie gleich eine Sicherung durchbrennt und der nächstbeste Gegenstand an die Wand fliegt. Die unkontrollierte Emotion, die nicht mehr in Bahnen geleitet, nicht mehr kompensiert werden kann.

Mir ist klar, dass das die Realität ist. Doch es entspricht nicht meiner Wirklichkeit. Wenn ich mein Fenster wieder schließe und das Leben betrachte, das ich zu leben bereit bin, sehe ich einen Mann an meiner Seite, der ruhig und liebevoll ist, der mich respektiert, wie ich bin. Meine Wahrnehmung fokussiert sich auf drei Hunde, die jeden Tag voller ansteckender Lebensfreude sind. Einen Kater, der mich umgarnt und so charmant meine Aufmerksamkeit wünscht. Ich sehe einen Garten, der mich erfüllt und mit außergewöhnlichen Schönheiten beschenkt. Mein Beruf, der mir Menschen beschert, die bereit sind, sich zu verändern. Die liebevollen Beziehungen zu lieb gewonnen Menschen, die geprägt sind von Empathie und Verständnis und von einem, den anderen so sein lassen, wie er ist. Ich fühle mich reich, in meiner Welt voller Wunder.

Ich merke, dass in der Realität etwas wirklich Wichtiges verloren geht, etwas von großer Tragweite, das Entscheidende.

Es ist die Liebe.

© Marion Decker

Das ganz normale Leben

Seit meinem „Missbrauchs Coming-out“ sind genau zwei Monate vergangen. Zwei Monate, in denen ich angenehm satt war und spielend leicht auf Facebook verzichten konnte. Ich war erfüllt von den, durch und durch wohlwollenden Reaktionen und habe mich entspannt meinem Alltag gewidmet. Ich war so ausgeglichen, dass ich das Wort „Ommmmm“ gar nicht auszusprechen brauchte. Es begleitete mich täglich so verlässlich als Summen in meinem Hinterkopf, wie Schmetterlinge vor meinen Augen tanzten und Hummeln in meine Ohren brummten. Meine kleine Welt war ein friedlicher Ort. Dann begann das bekannte, ja vertraute Herzrasen wieder. Obwohl ich konsequent fast täglich einen Kilometer schwimme (es fällt mir nicht schwer, denn ich habe ein Schwimmbad) verwandelte mein Körper die aufgebaute Muskulatur, zum Teil wieder in Fettgewebe. Irgendwann war ich wieder so vergesslich, dass ich mir sicher war, mir „Kreutzfeld-Jakob“ eingefangen zu haben. Es dämmerte mir, dass mein Immunsystem wieder sein Eigenleben führt und ungebeten meine Schilddrüse attackiert. Die Entspannung wich der bekannten Abgeschlagenheit und ich recherchierte, was ich dieses Mal falsch gemacht hatte. Ich habe unendlich viel Wasser getrunken und ein zufälliger Blick auf die Inhaltsangabe, ließ mich wissen, dass das Heilwasser „Staatlich Fachinger“, eine beträchtliche Menge an Jodid aufweist. Jod feuert den Autoimmunprozess an. Ich trinke nun ein anderes Wasser, nehme das homöopathische Mittel, das mich seit Jahren begleitet und spüre, wie wieder Energie durch mich hindurchströmt.

Ich schrieb zwischenzeitlich Kurzgeschichten für vier Literaturwettbewerbe, um mir einen Namen zu machen. Eine fünfte Geschichte entsteht gerade und ich hoffe, dass sie brillant wird, eine sechste Geschichte fordert mich heraus, denn das Thema heißt „Aber“. Ein „Aber“ äußert sich in sozialen Netzwerken an jeder Ecke und inspiriert mich. Es findet auch gerne Verwendung im Zusammenhang mit dem vorangestellten Wort „Ja“. Dieses „Ja aber“ ist verwirrend, weil es zunächst Zustimmung suggeriert und dann doch widerspricht. Im Grunde ist dieses „Ja aber“ nichts anderes als eine Aufforderung zum Spielen, es stellt in Frage, zeigt Diskussionsbereitschaft und relativiert. Ich habe erst kürzlich auf Facebook einen Menschen verloren, den ich liebgewonnen hatte, weil ich dieses Spiel nicht spielen wollte. Dieses Spiel, der nicht enden wollenden Diskussionsbereitschaft reizt mich wieder. Ich spüre, wie Adrenalin jede meiner Muskelfasern durchströmt, wie sich dieses warme Gefühl im Bauch ausbreitet und mir zu Kopfe steigt. Ich fühle mich lebendig, lebendig und stark, unverwundbar. Die Lethargie, die mich umhüllte, weicht meiner Lust zu kämpfen.

Es gibt so viele wichtige Themen auf dieser Welt. Dramen, die untergehen, weil sie nicht zum Mainstream passen. Es scheint wichtiger, was „Attila der Hunnenkönig“, oder „Xaviar Naidoo“ für geistige Ergüsse von sich geben, denn man gibt ihnen eine Bühne und teilt das ausgiebig, um sich darüber zu echauffieren. Es gibt so viele Fragen: „Kennt jemand die neuesten Fallzahlen aus Berlin, nachdem 17.000 Menschen „Nackt“ auf die Straße gegangen sind, Nein? Warum nicht?“ Mir ist schnurz, ob „Jens Spahn“ für seine Villa 4,1 Millionen auf den Tisch gelegt hat. Mich interessiert eher, dass er sich mittlerweile unter dem Tisch so viel Macht geschenkt hat, dass es ein föderalistisches System Lügen straft.

Ich habe eine Idee, es ist mir egal, ob es jemandem gefällt oder nicht. Ich mache wieder von meinem astrologischen Recht Gebrauch, im Jahre 1969, als Hahn geboren worden zu sein. Ich steige morgens um 7 Uhr auf meinen Misthaufen und krähe was das Zeug hält. Ich hacke auf denen herum, die sexistisch, rassistisch, faschistisch, intolerant und egoistisch sind. Und ich werde nicht spielen. Ich werde was ich bin.

Marion Decker

Menschliche Verhaltensweisen in Zeiten von Covid-19, ein Erklärungsansatz und eine Kritik

Ich bin wieder einmal in mich gegangen, um meine Eindrücke, der letzten Tage zu ordnen und komme zu folgender erkenntnisreicher Einsicht. Covid-19 ist viel mehr als eine Infektionskrankheit. Dieses Virus bringt alle Charaktereigenschaften, die uns ausmachen, zum Tragen. Es weckt in uns unterschiedliche Bedürfnisse, je nachdem welche ganz eigenen Erfahrungen wir in unserer persönlichen Geschichte sammeln konnten. Eines der großen Bedürfnisse, die ich wahrnehme, ist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dicht gefolgt, von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, ebenso das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, aber auch nach Selbstbestimmung, oder einfach nur im Recht zu sein. Wie wir mit dem Thema umgehen ist abhängig von unserer Persönlichkeit.

Mir begegnen heute Charaktereigenschaften, die ich in dieser Intensität zuvor nicht wahrnehmen konnte. Ganz auffallend bewegen sich zur Zeit Menschen durchs Netz, die zu neurotischem Verhalten neigen, dazu gehört in erster Linie Angst. Diese Angst speist sich aus dem Bedürfnis nach Sicherheit. Die Angst kann so groß werden, dass Menschen sich mit Vehemenz bis hin zur Besessenheit, einzig nur noch auf dieses, uns alle bewegende Thema konzentrieren und am Ende in Hysterie ausufern, die uns förmlich anschreit. Bei den zu Hysterie neigenden Menschen ist ein großes Geltungsbedürfnis vorrangig.

Ich beobachte Zwanghaftigkeit, diese Menschen neigen zu ausgeprägter Genauigkeit und Eigensinn. Sie haben ein gesteigertes Bedürfnis nach Kontrolle und verbergen ihre Gefühle, indem sie rationalisieren.

Der narzisstisch geprägte Charakter, neigt zu einem übergroßen Selbstwertgefühl und hat den Hang dazu, andere zu entwerten. Er idealisiert eine Situation oder verleugnet sie.

Ich finde die depressiven, Nähe suchenden Persönlichkeiten, deren Angst, in der Angst vor Vereinsamung und Isolation gründet. Sie neigen eher dazu, zu vermitteln und dem Gemeinwohl zu dienen. Sie ziehen sich schnell gekränkt zurück und fühlen sich überfordert.

Bei meiner Beobachtung finde ich ebenso die schizoiden Persönlichkeiten, deren Angst vorrangig, die Angst vor emotionaler Nähe ist. Sie versuchen stets auf Distanz zu bleiben und suchen ebenfalls nach rationellen oder intellektuellen Erklärungen.

Diese Persönlichkeitsanteile kommen in der Regel nicht allein daher, sondern ein Charakter besteht aus mehreren dieser Anteile, wobei ein Anteil vorrangig sein kann. Covid-19 verstärkt diese einzelnen Eigenschaften und Menschen beginnen in Extreme zu fallen. Die zu beobachtenden Diskussionen werden jetzt zunehmend, selten sachlich geführt und sind gefärbt durch Emotionen und eigenen Erfahrungen.

Wer sein Leben in Wirklichkeit eher kleinlaut gestaltet hat, hat jetzt die Chance auch mal einen rauszuhauen. Wir beginnen alles und jeden zu bewerten, danach abzuwerten und zu verurteilen. Dann lesen wir einen Standpunkt nicht zu Ende, oder haben ihn schlicht, ohne es zu merken, nicht verstanden und fallen mit Haut und Haaren über den anderen her. Wir unterstellen dem anderen irgendwas, das uns nicht in den Kram passt, Hauptsache wir finden jemanden, durch den wir uns behaupten können. Wir beschimpfen Menschen als asozial, weil uns ihre Sichtweise nicht passt. Wir fühlen uns durch Menschen bedroht, die diese Situation einfach nicht mehr aushalten. Die Zartbesaiteten unter uns, trauen sich schon nicht mehr, sich einzubringen, es sabbeln nur noch die Hardliner, die die über jeden Einwand erhaben sind, das dickere Fell haben und sich einer Gruppe zugehörig fühlen, sich für jede Frechheit beklatschen lassen, um Punkte zu sammeln. Jeden Tag steht einer auf, der vehementer ist, der endlich in seinen ganz persönlichen Krieg ziehen kann, der Tempelritter, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Von einer Lösung sind wir alle meilenweit entfernt, weil es keine gibt. Wir diskutieren und debattieren, klatschen uns unter die Postings der anderen, um sie auflaufen zu lassen, sie bloßzustellen und einer Lächerlichkeit preiszugeben, die jeden Sinn für Humor entbehrt. Das, was ich jeden Tag beobachte, wie wir miteinander umzugehen imstande sind, ist von gesundem Menschenverstand sehr weit entfernt. In Zukunft werden Tier- und Blumenbilder zensiert, weil sie nichts zur Sache beitragen. Unser gesellschaftliches Gefüge wird nach Covid-19 ein völlig anderes sein. Wir spalten uns in drei Lager. Die Angepassten, die sich im Supermarkt darüber freuen, dass sie alles richtig gemacht haben. Die, die sich stets Vernunft auf die Fahne schreiben, sich moralisch unantastbar fühlen und in einem großen Akt der Gemeinschaftlichkeit und des Zusammenhalts, Einigkeit suggerieren. Und die Verlierer dieser Tragödie, die den Verlust ihrer Angehörigen betrauern, so wie die, die ihre Kernkompetenzen und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vermissen und noch viele Jahre versuchen werden, die entstandenen Schulden zurückzuzahlen.

Wir hatten die Chance zuzuhören, Empathie zu zeigen für die entstandenen Probleme aller, um festzustellen, dass wir eine große Gemeinschaft Betroffener sind, aber wir entschieden uns anders. Wir entschieden uns dafür, in postpubertären Ergüssen, die großen Unterschiede aufzuzeigen, um anzuprangern und zu bekämpfen, was von unserer dogmatischen Ansicht, die die einzig Richtige ist, abweicht. Es geht doch nicht darum, sein Ego, soweit als möglich aufzupolieren, nicht darum, was man für ’ne geile Sau ist, um sich dann von Gleichgesinnten feiern und abklatschen zu lassen. Es darf nicht zum Lebensinhalt werden, so viele wie möglich mundtot zu machen, die sich dann im Untergrund verkriechen. Das hier ist kein Krieg.

Covid-19 hat etwas geschafft, das die AFD sich zum Ziel gesetzt, jedoch nicht erreicht hatte, die gesellschaftliche Spaltung. Alle Achtung, dass wir das zugelassen haben.

© Marion Decker

Was uns bleibt, ist Meinungsfreiheit, sollte man meinen

Eine Meinung ist die Aneinanderreihung von Informationen. Sie entsteht meist, aus der Aneignung, der Erkenntnisse, die andere längst gewonnen haben. Sie wird gerne, als die Eigene ausgegeben, aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Eine Meinung ist nicht statisch, oder universell, sondern ein Gedankenkonstrukt, das manchmal durchtränkt ist mit Gefühlen. Im Moment nehme ich so viele Meinungen wahr, dass mir ganz schwummrig wird.

Es gibt Menschen, die von der Corona-Krise, nicht ganz so hart getroffen sind. Sie haben ihre Rente, die einfach weiterfließt, dürfen ein Häuschen mit Garten ihr Eigen nennen und können sich mit ihrem Partner austauschen. Sie bangen um ihr Leben, weil sie allein durch ihr Alter zur Risikogruppe gehören. Nur um die nötigsten Besorgungen zu machen, gehen sie vor die Tür und tragen ihre Atemschutzmasken, um nicht angesteckt zu werden. Ihr Leben läuft nahezu unverändert weiter. Es gibt Menschen, die haben ihren sicheren Job und ihr festes Einkommen, halten sich an die Regeln und müssen sich auch keine allzu großen Sorgen machen. Einige von ihnen haben ihre Aufgabe darin gefunden, uns, von ihrem hohen Ross herunter, wissen zu lassen, was richtig oder falsch ist. Sie ziehen täglich ins Feld, um uns ihre Einsichten zu verkünden, die sie für die Wahrheit halten. Sie ermangeln uns zur Vernunft und Mäßigung und lassen uns mit großer Vehemenz und manchmal auch Besessenheit wissen, dass sie es besser wissen als wir.

Wir, das sind die Menschen, die derzeit vor einem Amt Katzbuckeln, um in den Besitz, lächerlicher 200 € zu kommen, weil sie als Freischaffende, längst aus dem sozialen System herausgefallen sind. Wir sind die, deren Nerven beim Unterrichten unserer Kinder flattern, weil uns die Geduld verlässt. Diejenigen, die sich mit ihrem Partner die Köpfe einschlagen, weil sie sich auf engstem Raum, mit kreischenden Kindern, die sich schon lange langweilen, derart überfordert sehen, dass sie die Kontrolle über sich selbst verlieren. Wir sind die Kinder, die dieser häuslichen Gewalt täglich ausgeliefert sind und die zuvor während der Schulzeit, wenigstens eine Auszeit von ihren Eltern hatten. Wir, die nicht wissen, ob sie nach all dem hier, noch einen Job haben, weil es immer unwahrscheinlicher wird, dass die Firma, die sie in Kurzarbeit geschickt hat, das hier überstehen wird, oder ob die Zulieferer aus Frankreich und China noch solvent sein werden. Wir, denen das alles so suspekt ist, dass wir anfangen, vor uns hin zu schwurbeln, die, die sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen, ebenso wie die, die einsam zu Hause sitzen und anfangen, mit ihren Blumen zu sprechen.

Wir alle haben eine Daseinsberechtigung und wir haben Meinungen, deren Ursprung auf unseren ganz persönlichen Erfahrungen basiert. In einem demokratischen System und einer pluralistischen Gesellschaft, sollte Platz für andere Meinungen sein, auch wenn wir sie selbst noch so abwegig finden. Es scheint mir gar nicht sinnvoll, dem anderen stets seine eigene Meinung aufzuzwingen, als sei die eigene Meinung das Allheilmittel, das uns aus dieser Krise führen wird. Mäßigen wir uns doch einfach auch hier, so selbstgerecht und selbstherrlich, auf den anderen ein zu quatschen. Zeigen wir uns doch einfach bereit, dem anderen das zukommen zu lassen, was wir uns selbst wünschen, Empathie.

© Marion Decker

Wir glauben, was wir sehn‘

Am 27. Januar 2020, begann für uns in Deutschland eine neue Zeitrechnung, die Zeit der Angst. Die Presse ließ uns wissen, dass nach Wuhan, ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt wird. Kliniken in Italien, Spanien, Frankreich und Österreich wurden mit Menschen geflutet, die so schwer an Covid-19 erkrankt waren, dass Betten und Beatmungsgeräte ausgingen. Unserer Regierung sah es ebenfalls und entwickelte das Bedürfnis, die Ansteckungsrate so gering zu halten, dass unsere Kapazitäten ausreichen und die Versorgung der Dringlichkeitsfälle gedeckt ist. Man appellierte an unsere Vernunft Abstand zu halten und nur die dringendsten Besorgungen außer Haus zu erledigen. Wir wurden in unserer Bewegungsfreiheit beschränkt, ebenso in unserer Versammlungsfreiheit und unserem Bedürfnis nach sozialem Kontakt. Seit gestern sind wir gezwungen einen Mundschutz zu tragen, oder zu Hause zu bleiben. Heute sehen wir uns umgeben, von Menschen mit Schutzmasken und unser Unterbewusstsein, das sowieso überfordert ist, mit all den Einschnitten und Reizsignalen schlägt Alarm. Wir sind angespannt.

Nun äußern sich vehement Krankenschwestern unflätig im Netz und halten Schimpftiraden über die Unvernunft und den Egoismus ihrer Mitbürger. Der Teil von uns, der sich über die zunehmenden Beschneidungen zu beschweren weiß und diejenigen unter uns, die nicht angeschnauzt zu werden wünschen, gehen in Konfrontation. Die wütende Auseinandersetzung, scheint sowieso ein probates Mittel geworden zu sein, seiner Wut den nötigen Ausdruck zu verschaffen, um die eigene Angst zu kompensieren.

Tatsächlich mag ein Jeder von uns doch einmal in sich gehen und sich imaginär vorzustellen versuchen, wie die derzeitigen Zustände in unseren Krankenhäusern sich anfühlen müssen. Das Pflegepersonal kämpft jeden Tag um den Erhalt von Leben, die Zeit und das Virus jedoch arbeiten gegen sie. Die Hygieneauflagen erfordern ein Höchstmaß an Konzentration, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, selbst zu erkranken. Sie gehen nach einem Überstundenreichen Tag, nach dem täglichen Kampf um Leben und Tod, frustriert nach Hause und die Nerven liegen blank. Es ist unangemessen, sie dann noch wissen zu lassen, dass sie bei ihrem Aggressionspotential, das sie nach Außen tragen, vielleicht den falschen Beruf gewählt haben, nur weil es ihnen nicht mehr gelingt, die Mutter Theresa raushängen zu lassen.

Es ist doch so, das, was uns alle eint, ist die Angst und ein jeder findet für sich, ganz eigene Mechanismen, damit umzugehen, und hat auch das Recht dazu, unabhängig davon, ob das alle gutheißen, oder nicht?

Unsere Augen sehen Fallzahlen, schwer Erkrankte, Menschen in Quarantäne, Notstandssituationen wie Hamsterkäufe und menschenleere Straßen. Sehen Politiker, die uns zur Vernunft mahnen und zu Mäßigung und Ordnung aufrufen. Wir sahen Italiener, in Quarantäne, die auf ihren Balkonen Freiheitslieder intonierten und waren ergriffen. Das Alles saugt unser Unterbewusstsein auf, wie ein nasser Schwamm und wir alle haben Angst.

Ich persönlich glaube immer noch nicht, dass ich an Covid-19 sterben werde. Mir ist allerdings klar, dass es viele Menschen gibt, denen das tatsächlich passieren kann. Es reicht ein geschwächtes Immunsystem, den Zenit der Jugend weit überschritten zu haben, eine Gefäßerkrankung, eine Autoimmunerkrankung, ebenso wie das jahrelange Rauchen und die chronischen Bronchitiden, die damit einhergehen. Und wegen ebendiesen Menschen, trage ich meine Atemschutzmaske mit Würde. Nicht, weil man mir sagt, dass ich es muss, oder weil ich besonders vernünftig bin, sondern weil ich niemanden verletzen möchte. Weil ich nicht wirklich wissen kann, ob ich es schon habe, denn es gibt sie, die milden Verläufe, bei denen eine Übertragung trotzdem stattfindet. Die Inkubation beträgt 14 Tage, in denen ich mich nicht krank fühle und dennoch das Virus weitergeben kann. Das Risiko, einem anderen Menschen, nachhaltig zu schaden, ist einfach zu groß.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, Einsicht und Zuversicht. Achtet eure Mitmenschen.

© Marion Decker

Differenzen

Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke in die Ferne. Durch die Pollen verstaubten Fenster fällt mein verschleierter Blick auf die riesige Thuja, im parkähnlichen Garten. Ich habe nun alles gegeben die letzten Tage, Zeit investiert in den Nutzgarten, das Teich Umfeld und den Vorgarten. Auf allen Vieren bin ich ums Haus gerutscht, um hier noch ein verirrtes Pflänzchen zu zupfen und dort noch ein wenig Moos zu beseitigen. Eigentlich wie jedes Jahr …eigentlich.                                                                                                                                            So gezielt ich mich im Garten tummle, so verwirrt irre ich von Zeit zu Zeit durch Facebook und finde mich voller erstaunen, ob all dieses eskalierenden Gedankenaustausches, wieder. Ich sehe so viele Meinungen kursieren, die ich einfach nur auf mich wirken lasse, würde ich sie alle bewerten wollen, ich wäre lange aussichtslos beschäftigt.

Ein Bekannter wagt die Behauptung aufzustellen, dass „Das Ganze“ vielleicht etwas überzogen ist. Er bekommt ein wenig Bestätigung, bis sich die Befürworter des derzeitigen Wissensstandes zu Wort melden und ihn als verantwortungslos bezeichnen. Es hagelt einige Bevormundungen und am Ende, als die Riege der Vernunft groß genug ist, prasseln Beleidigungen auf ihn hernieder.

Wir blicken nun wachen Auges in die Welt und erkennen sofort, wer die 2 Meter Grenze unterschreitet und wer zu einer Familie gehört. Wir bringen uns ein und kehren wieder vermehrt vor anderen Türen, weil uns schließlich unsere Verantwortung bewusst ist. Eine Verantwortung, die ich bei anderen brisanten Themen wie, Umweltschutz, Massentierhaltung, Flüchtlingskrisen und weltweite Hungersnöte vermisse, denn hier braucht es etwas mehr Einsatz, als den Zeigefinger zu heben.

Viele behaupten, dass die Wirtschaft nie besser an die Wand gefahren wurde als dieser Tage, sie haben zwar auch keine Lösung parat, sehen sich aber auch nicht in der Position, die Dinge zu lösen, sondern sehen ihre Aufgabe darin, angemessen Kritik zu üben.

Es entsteht verblüffend viel verrücktes Denken, darüber in welchem Labor „Das Alles“ entstanden ist, um die Weltwirtschaft zu stürzen, was uns ablenken soll, von der Unterwanderung durch Fremde und damit den Überfremdangstgedanken wieder aufgreift, der neue Ängste schürt.

Behauptungen werden in den Raum geworfen, darüber, dass die „Moslems“ in ihren Moscheen beten „dürfen“ und „wir“ Christen nicht. Man vergleicht sich und sieht andere im Vorteil und bemängelt, dass das eine Kind vorgezogen wird und das andere benachteiligt. Man vermeidet nun einfach die Aussage „wir Deutschen“, das macht einen komischen Eindruck, nein wir nennen uns „Christen“, dann sind wir auf der sicheren Seite.

„Ich weiß ganz genau!“, ist der Grundton, der sich flächendeckend ausbreitet und die Besonneneren unter uns überrollt. Im Grunde wissen die meisten von uns, dass sie nichts wissen. Die Stimmen der Vernunft, schenken unseren Volksvertretern ihr Vertrauen, versuchen, das Ganze auszusitzen und hoffen auf das Beste.

Meine ganz eigene Wahrnehmung, realisiert eine Wirklichkeit, die völlig frei von all diesem enormen Wissen geworden ist und dabei springt mir etwas ins Auge. Es geht nicht um die Infektionskrankheit und die dadurch entstandenen Probleme, wie Beschränkungen. Es geht den Marktschreiern nicht darum, nach Lösungen zu suchen, sondern nach Fehlern. Wir pflegen eine Beschwerdekultur der latenten Unzufriedenheit. In aufwendigen, zeitintensiven Manövern schauen wir auf das, was schief zu laufen scheint, das bietet sich an, davon gibt es vieles. Wir bemängeln vehement und unnachgiebig, wie wir das eigentlich bei jedem Thema machen, geben vor es besser zu wissen und ziehen mit der Flagge der Wahrheit durchs Dorf. Dabei treiben wir die eine oder andere Sau vor uns her, denn das macht Spaß, das ist uns ein Anreiz.

Mir fällt auf, dass die Menschen, deren Existenz wirklich bedroht ist, still geworden sind. Von ihnen hört man nichts mehr, weil sie fieberhaft nach Ideen suchen, ihr Konzept zu verändern, um im Rahmen des Möglichen und Erlaubten Markt-beständig zu bleiben und nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

Auch mir fehlt die Möglichkeit meinen Frust zu kompensieren und so krieche ich weiter durch meinen Garten, lausche den Vögeln, bei ihren schönen Brautschaugesängen, bewundere mein Werk, das nun Blüten treibt und freue mich schon jetzt, auf den bevorstehenden Erwerb eines Paares neuer Schuhe.

In diesem Sinne, eine gute Zeit Euch allen.

© Marion Decker

Alles wird anders werden …

Ich sah dieser Tage den Film „Bohemian Rhapsody“, die Geschichte über die Rockband Queen und vor allem über deren außerordentlich begabten Leadsänger, Freddie Mercury. Ich durfte noch einmal in eine andere Zeit abtauchen. Zum Ende des Films sieht man Live Aufnahmen des Queen Auftritts bei Live Aid, von Bob Geldof ins Leben gerufen. Die Idee war, die Erlöse der Konzerte, für die hungernden Menschen in Äthiopien zu spenden. Durch den Auftritt der Band „Queen“ waren die Einnahmen auf 1 Millionen Dollar gestiegen und insgesamt erzielte das Event 102,3 Millionen Dollar. Freddy Mercury, war zu dem Zeitpunkt schon an Aids, wie man es damals nannte, erkrankt und starb kurz darauf, im Alter von 41 Jahren. Das Virus HIV, so nennen wir es heute, ist eine Immunschwäche, die über das Blut übertragen wird, Zwischen 2001 – 2018 infizierten sich 37,9 Millionen Menschen damit. Weltweit starben zwischen 2001 – 2018, 2,3 Millionen Menschen daran. Es gibt mittlerweile Medikamente, die die Lebenszeit- und Qualität verlängern und verbessern, aber nicht heilen. Seit 2001 – 2018 infizieren sich weltweit 1,7 Millionen Menschen erneut mit HIV.

Seit 2019 haben wir es mit einem Virus zu tun, der nicht nur über den Blutweg übertragen wird, sondern über den Speichel. Covid-19, hat dadurch einen Übertragungsvorteil, der nicht mehr nur Randgruppen oder Minderheiten und die armen Menschen in Afrika trifft, sondern uns alle. Das Virus lässt und erkennen, dass wir verletzbar sind, verwundbar und sterblich. Wir stellen fest, dass Covid-19, uns mehr denn je, enger zusammenrücken lässt, nicht körperlich, aber im Geiste. Wir erkennen plötzlich eine Ähnlichkeit, die uns zuvor gar nicht bewusst war, wir erkennen jetzt, dass wir alle sterblich sind. Plötzlich finden wir Gemeinsamkeiten, die wir vorher nicht sahen. Wir sorgen uns alle um unsere Angehörigen. Fast alle bleiben zu Hause, viele von uns befinden sich in Kurzarbeit und müssen nun mit 60  – 67 % ihres zuvor verdienten Einkommens auskommen. Wir erleben eine Einschränkung unserer vorherigen finanziellen Leistungsfähigkeit, von 40 %, eine Einschränkung, die bei einer Verkäuferin im Einzelhandel, sehr viel Bedeuten kann. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir chirurgischer Orthopäde sind und unsere lukrativen Hüft- und Kniegelenksoperationen nun, den an Corona erkrankten weichen müssen, weil wir alle Betten brauchen. Es ist egal geworden, ob wir Multimillionär sind, der viel Geld in Aktienpapiere investiert hat. Unwichtig, ob wir eine kleinere Firma haben, die sich die betriebliche Schließung gerade nicht leisten kann. Selbst wenn wir uns in unserer wohlverdienten Altersruhe befinden und unsere Schäfchen, mehr oder minder im Trockenen haben, wird uns klar, dass wir uns in einem Alter befinden, das uns automatisch zur Risikogruppe werden lässt und wir nicht wissen, ob wir das hier überleben werden. Die existentielle Bedrohung wird von uns allen gleich erlebt, sowohl körperlich, als auch wirtschaftlich.

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die keiner von uns in dieser Intensität und Dauer erlebt hat. Wir haben eine Notstandssituation, ohne dass der Notstand ausgerufen wurde. Wir beugen uns keinen Verboten, sondern Empfehlungen. Wir machen jede dieser Empfehlungen mit, weil sie vernünftig klingen. Wer nicht mitmacht, wird gesellschaftlich geächtet, nicht per Gesetzgeber. Die Presse füttert uns mit stündlich neuen Informationen über statistische Zahlen, Ratschläge für das richtige Verhalten, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, zeigen sie uns auf 20 verschiedenen Sendern, menschenleere Plätze und intonieren gebetsmühlenartig:“ Hier ist alles menschenleer, keine Menschen mehr …“!  Unsere Verunsicherung wächst verständlicherweise, denn die Informationsflut ist von so unterschiedlicher Bedeutung und Tragweite, dass wir gar nicht mehr erkennen, wem wir Glauben schenken können. 

Spürbar, wird nun dieser Tage, eine große Solidarität. Menschen gehen für ihre, sich in Quarantäne befindenden Nachbarn, oder die alte Dame nebenan einkaufen und stellen ihnen die Einkäufe vor die Tür. Man organisiert sich im Netz und bildet Koalitionen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Wir beginnen den sozialsten Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen, unsere Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Wir hören deren Forderungen nach einem verdient höheren Einkommen, endlich zu und sehen das genauso. Es kristallisiert sich derzeit ein Zusammenhalt, der sich zunehmend entfernt von dem früheren, sich selbst der Nächste zu sein. Wir beginnen zusammenzuwachsen, es wird wärmer in unserem Land und wer weiß, vielleicht können wir etwas lernen aus dieser Situation. Vielleicht führt die erzwungene Entschleunigung, das Besinnen, auf das was wirklich wichtig ist, langfristig, zu mehr Miteinander und gegenseitiger Unterstützung, zu Nächstenliebe, Wertschätzung, Achtung und Aufmerksamkeit.

Marion Decker

Besonnenheit

Ich sitze noch ein paar Minuten auf der Terrasse, bevor ich mich schlafen lege, über mir eine sternklare Vollmondnacht. Ich lasse die Eindrücke der letzten Tage auf mich wirken und weiß noch nicht, dass übermorgen, das Sturmtief Sabine über Deutschland hinwegfegen wird. Sabine wird gewaltigen Wind bringen, der die Bäume ebenso schütteln und verbiegen wird, wie uns. Sabine wird Unmengen Wasser über uns niederprasseln lassen und auch Hagel.

Heute, da Sabine tobt, fühlt es sich ganz ähnlich an, wie der Sturm der nach der Landtagswahl in Thüringen, über uns hereinbrach, dessen Ergebnis viele von uns erschütterte. Das Wahlergebnis ließ uns spüren, wie fragil unsere Demokratie ist. Seit der Wahl vor fünf Tagen, werden täglich neue Entscheidungen getroffen und Konsequenzen gezogen, um den Schaden, das verlorene Ansehen, zu minimieren. Politiker wurden sich ihrer Verantwortung bewusst und traten zurück, oder wurden zurückgetreten. Die Presse überschlägt sich, mit ihrer täglich mehrfachen Berichterstattung, im Kampf um Quote und wir?

Wir zerfleischen uns gegenseitig. Wir lassen uns auf schier endlose Diskussionen mit unseren Mitmenschen ein. Mitmenschen, die wir noch gestern vielleicht, für eine ihrer Äußerungen sympathisch gefunden hätten. Heute jedoch, haben sie sich zu eigen gemacht, eine Meinung zu vertreten, die unserer nicht entspricht. Wir wissen das, weil wir angefangen haben, alles im Netz zu lesen und die anderen zu beobachten. Wir sind hellhörig geworden, dünnhäutig und wütend. In Diskussionen verlieren wir uns darüber, wie links die Linke wirklich ist und befürchten, dass ihr einziges Ziel sein kann, uns still und heimlich die SED wieder unterzujubeln. Diese Idee resultiert daraus, dass die AFD uns, gerissen wie sie ist, ins dunkle Tal des Faschismus führen wird. Auch wenn ich die zweite Variante für wahrscheinlich halte, tut das jetzt nichts zur Sache. Wir polarisieren und interpretieren, unsere Antennen laufen auf Hochtouren. Die derzeitigen Regeln im Umgang miteinander, in den sozialen Netzwerken sind klar. Wenn du nicht links bist, musst du rechts sein und umgekehrt. Bist du nicht meiner Meinung, bist du mein Feind und ich stelle dich bloß, du kannst nur verlieren. Es kann doch vorstellbar sein, dass Jemand einige Standpunkte, der Partei der Linken gut findet, ohne dass er sich nach einem kommunistischen System sehnt. Die Große Koalition macht es uns vor, entweder, die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, oder man versucht sich gegenseitig tot zu diskutieren und der Wortgewandtere, geht erst mal als Sieger hervor. In der Politik geht es um politische Interessen. Es geht um Macht, Entscheidungsmehrheiten, darum, gewonnene Ressentiments zu schützen und um Wählerstimmen. Warum machen wir da mit und sind gespaltener denn je? Die einzige Partei, die von unserer Zerrissenheit profitiert, ist die AFD, der wir auf diese Art Wähler in die Hände spielen.

Ich sitze vor meinem Rechner, die Ellenbogen auf den Schreibtisch, den Kopf in meine Hände gestützt und sehe uns dabei zu, wie wir schnauben, uns echauffieren. Wir nehmen uns nicht die Zeit, das Gelesene, sich setzen zu lassen, sondern schießen sofort. Ich sehe uns dabei zu, wie wir uns vom Wesentlichen ablenken lassen und streitend miteinander beschäftigen. Wie wir uns gegenseitig bevormunden, belehren und in andere hineininterpretieren, statt zuzuhören. Das zu sehen macht mich traurig und es beunruhigt mich. Ich wünsche mir ein größeres Miteinander, mehr Deeskalation, ein besseres Gespür, Vernunft, Nachsicht und Fairness für uns alle.

© Marion Decker

Die Hassprediger

Die Wütenden unter uns, sind die, die am meisten auffallen. Menschen, die Gift und Galle spucken. Die Themen, derer sie sich bedienen sind vielfältig, ob Politik, Asylsuchende, Greta Thunberg, ein Gedenktag, oder Du und ich. Es sind die, die Hackfresse in die Kamera grölen und ebenso die, die daneben stehen und Beifall klatschen. Das verbindende Motiv, ist das Unvermögen, sich weiter zu entwickeln. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass die wutauslösenden Themen dabei kaum relevant sind. Die Themen dienen oft nur als Kathalysator, als Mittel zum Zweck, um der Wut Luft zu verschaffen. Wenn der Wütende genug Sympathisanten findet, die ihn mit ihrem Applaus oder ihrer Beachtung positiv verstärken, wird die Wut zum Selbstläufer. Je unflätiger der Wütende andere beschimpft, desto größer wird die Schar seiner Anhänger, die zu glauben scheinen, der traue sich was.

Was steckt hinter der Wut? Der Wütende ist unzufrieden, in erster Linie mit sich selbst, aber das weiß er nicht. Er vergleicht sich mit anderen, die alle mehr in ihrem Leben erreicht haben und augenscheinlich deutlicher wahrgenommen werden. Unser Unterbewusstsein hat uns ein paar Mechanismen an die Hand gegeben, die dafür Sorge tragen, dass wir nicht gleich alle unsere Mängel erkennen, weil diese Erkenntnisse uns in eine tiefe Krise stürzen können. Der Wütende, trägt das nicht Wahrnehmen wollen dieser Mängel nach außen und findet dort allerlei Anlässe, die zu einer lautstarken Beschwerde tauglich scheinen. Die Unzufriedenheit sitzt so tief, dass der Selbstwert leidet. Je größer die Unzufriedenheit, umso größer die Wut, desto lauter sein Gezeter … ihr könnt mir folgen? Wenn der Wütende nun die Tendenz hat, sich nach außen darzustellen, kann er in Sozialen Netzwerken eine gute Bühne für seine Selbstdarstellung finden. Wenn er jetzt in diesen Netzwerken lange und laut genug kreischt, wird er zwangsläufig Anhänger finden, denn es gibt viele Wütende. In dem Augenblick, in dem sie ihm die nötige Beachtung schenken und sogar Beifall klatschen, nimmt sein Selbstwert wieder Fahrt auf. Er wird in seinem Handeln positiv verstärkt und wird diese gute Erfahrung dazu zu nutzen wissen, weiter zu schimpfen. Da Wut auch der Motor für Suchterkrankungen ist und der Applaus sein Belohnungszentrum anregt, wird er irgendwann nicht mehr damit aufhören können. Um noch mehr Applaus zu erzielen, der sich so gut anfühlt, wird er sich reinsteigern müssen, bis er sich so sehr in seinen Hasstiraden verliert, dass er seine Wut rauskotzen muss. Er wird immer mehr Gegner finden, die er diffamieren kann. Es kann sein, dass der Wütende große, tief sitzende Ängste hat, von denen er natürlich nichts weiß, weil sie sich einfach nur als Bluthochdruck verschleiert bemerkbar machen. Vielleicht hat der Wütende einmal eine Frau sehr gemocht, die ihn enttäuschte, weil sie ihn verließ und er erlebte einen großen Verlust. Dadurch kann er ein ziemlich dunkles Frauenbild gewonnen haben, das er dazu nutzen wird, sich übelst vulgär, in Fäkaliensprache über Frauen auzuslassen. Diverse eigene Gewaltfantasien, die sich mit Hilfe einschlägiger Pornofilme bereichern lassen, werden sein Vokabular, in diesem Sinne erweitern.

Der Wütende hat verschiedene Verhaltensweisen nicht gelernt, die sich in erster Linie auf die emotionale Ebene beziehen. Es mangelt ihm an der Toleranz, seine Frustrationen auszuhalten. Wenn er sich enttäuscht fühlt, bleibt ihm die Luft weg und aus der irrationalen Angst heraus zu ersticken, beginnt er zu schreien. Er hat nicht gelernt seine Bedürfnisse wahrzunehmen und daher fehlt ihm auch die Fähigkeit, diese sachlich und gelassen zu kommunizieren. Durch den bewussten, oder unbewussten Vergleich mit anderen, fühlt er sich minderwertig. Er lernte nicht, seine Gefühle zu kontrollieren und unterliegt einer Affektlabilität, die ihn wie ein Schiff auf hoher rauer See, ordentlich durchschüttelt und straucheln lässt.

Der Wütende neigt dazu, nicht nur seinen Kontrahentinnen, die sich von ihm angesprochen fühlen, das Leben zu beschweren, sondern auch sich selbst. Er schreit uns an, damit wir ihn wahrnehmen. Und obwohl er nicht weiß, wie sich liebevolle Wertschätzung und Anerkennung anfühlen, weil er das nie erlebt hat, verzehrt er sich danach. Wenn er jedoch nichts anderes bekommen kann, reicht ihm die positive oder negative Aufmerksamkeit, die er erhält.

Facebook eignet sich auch deswegen so hervorragend für all die Wütenden, weil sie den Algorithmus unwissentlich für sich zu nutzen wissen. Ein bekannter Wütender erzielte neulich, mit sexistischen, fremdenfeindlichen, geschichtsleugnenden Hasstiraden 200 Emoji Reaktionen in kurzer Zeit, außerdem wurde sein, in Kürze hingerotztes Posting, mehrfach geteilt und natürlich kommentiert. Mit dieser Reaktionsfreudigkeit erreicht man bei Facebook die nötige Relevanz, damit das selbe Posting immer wieder im Newsfeed erscheint. Mit dieser Tatsache wird es selbsterklärend, warum Facebook den Meldungen verärgerter Mitmenschen, das Posting zu löschen, nicht nachkommt. Es ist interessant für Facebook, weil es Menschen zu Reaktionen bewegt. Und so bekommen die Schreihälse, genau die Aufmerksamkeit, die sie unaufhaltsam weiter machen lässt.

Marion Decker