Halle in Sachsen-Anhalt

Der 27-jährige Neonazi Stephan Balliet erschoss gestern vor einer Synagoge zwei Menschen. Während er auf mehrere Menschen schoss, konnte man ihm im Livestream dabei zusehen und seinen Kommentaren folgen. Er hatte sich das Datum gut überlegt denn gestern war „Jom Kippur“, der Tag der Versöhnung oder das Versöhnungsfest, der höchste jüdische Feiertag. Der gestrige Anschlag grenzt an Perversion, kaltblütig verübt von einem irregeleiteten Einzelgänger, der keine Freundschaften zu pflegen vermochte und sich nach einsamen Allmachtsfantasien spinnend nun auf grausame Weise in Szene gesetzt hat. Zuerst dachte ich, nach Chemnitz nun Halle, dass wir ein echtes Problem in unseren „neuen Bundesländern“ haben, die, wie sich am 2. Oktober wieder zeigte, doch schon 30 Jahre zu uns gehören. Nach ein wenig Recherche stelle ich erschüttert fest, dass wir ein gesamtdeutsches Problem haben.

In ganz Deutschland entwickelt sich wachsender Antisemitismus.

Erst am 2. Juni 2019 wurde der Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus in Kassel hingerichtet. Der Tatverdächtige Stephan E. war seit den 90er-Jahren durch rechtsextreme Straftaten auffällig. Es ist anzunehmen, dass Walter Lübcke erschossen wurde, weil er sich für die Unterbringung von Flüchtlingen einsetzte.

2016 wurden bundesweit 995 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte registriert.

Die Gruppe „Freital“, zunächst als Bürgerwehr gegründet, verübte im Jahr 2015 Sprengstoffanschläge auf Asylsuchende und ihre Unterstützer. 2018 wurden 8 ihrer Mitglieder schuldig gesprochen, wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Die skurrile Geschichte, des Bundeswehrsoldaten Franco A., der sich als Kriegsflüchtling verkleidet registrieren ließ und Asyl beantragte. Ziel seines durchgeknallten Planes war es rechtsextremistische Anschläge zu verüben, darunter auch auf Heiko Maas und sie syrischen Flüchtlingen anzuhängen. Er wurde 2017 festgenommen.

Die Mordserie der Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ NSU. Die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verübten zwischen 2000 und 2007 Sprengstoffanschläge und erschossen 9 Migranten und 1 Polizistin und blieben 13 Jahre unerkannt. Nach einem missglückten Banküberfall 2011 nahmen sich beide das Leben und entzogen sich ihrer Verantwortung. Beate Zschäpe wurde 2018 als Mitwisserin und Mitplanerin zu lebenslanger Haft verurteilt.

Brandanschläge und Überfälle durch rechtsextreme Gewalt erreichten Anfang der 90er-Jahre ihren traurigen Höhepunkt. Bei den Ausschreitungen wurden immer wieder Asylsuchende und Ausländer verletzt, wie bei dem Pogrom „Rostock-Lichtenhagen“ 1992.

In Mölln starben 1992, 2 zehn und 14-jährige Mädchen und deren Großmutter, weil Neonazis Brandsätze auf das Haus geworfen hatten. In Solingen starben 1993 auf die gleiche Art fünf Frauen und Mädchen mit türkischer Migrationsgeschichte.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an Amadeu António Kiowa aus Angola? Er wurde 1990 von mehreren Neonazis durch die Straßen gejagt, brutal zusammengeschlagen und sie sprangen mit ihren Springerstiefeln auf seinen Kopf, obwohl er sich schon längst nicht mehr rührte.

Ein Asylgesuch ist die humanitäre Verpflichtung einer Gesellschaft darauf einzugehen. Als Schutzsuchende anzuerkennen, sind laut Art. 1 der Genfer UN Flüchtlingskonventionen von 1951, Menschen, die sich außerhalb ihres Heimatlandes befinden und berechtigte Furcht haben müssen, wegen ihrer Religion, Nationalität, politischen Gesinnung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden.

Krieg, Ohnmacht, Verfolgung, Todesangst, Verlust, Vertreibung, Armut Vergewaltigung, Mord, Horror

Waffenexporte. Trotz des von der Bundesregierung, gegen Saudi-Arabien verhängten Exportstopps von Waffen, wurden in 2018 Waffenexporte im Wert von 416 Mio. € genehmigt. Auch für Algerien und Pakistan wurden von der Bundesregierung 2018 Waffenexporte im dreistelligen Millionenbereich genehmigt, dadurch geraten Demokratiebewegungen besorgniserregend unter Druck. Die Hälfte aller US-Waffenexporte landet im Nahen Osten, dicht gefolgt von Frankreich, Russland und China. Donald Trump verabschiedet sich nun in aller Seelenruhe aus dem am Boden liegenden ausgebluteten Syrien und überlässt problemlos Erdoğan das Feld, der in den Kampf gegen seine verhassten Feinde, die Kurden zieht.

Ich fühle mich hilflos, machtlos und ohnmächtig in Anbetracht der Vielzahl der Ungerechtigkeiten und weltweiten Zusammenhänge. Wir unterstützen die Machthaber dieser Welt, um gegen Minderheiten vorzugehen. Wir profitieren wirtschaftlich von unserer Rüstungsindustrie, dadurch werden Menschen vertrieben. Diese Menschen suchen bei uns Schutz, aber wir können sie nicht schützen denn einige von ihnen werden durch irregeleitete Terrorisierende deutscher Herkunft bedroht und getötet. Ich verstehe das einfach nicht. Ich bin angewidert von den perfiden Ideen, von rechtem Gedankengut. Hier sehnen Menschen sich ernsthaft nach einer Diktatur, wie wir sie hatten, ignorieren unsere geschichtliche und gesellschaftliche Verantwortung, setzen sich knallhart über unsere Gesetze hinweg und die Hälfte der europäischen Machthaber leben es ihnen vor, weil sie sich nach einer Oligarchie sehnen. Wir haben wirklich Probleme und mir ist schlecht.

© Marion Decker

Was wirklich wichtig ist

Ich surfe bei Zeiten durchs Netz und schaue, was meine Freunde, Bekannten und auch die vielen Menschen, die ich gar nicht kenne, die dennoch mein Interesse geweckt haben, so machen. So sehe ich euch fast täglich, nicht müde werdend gegen allerlei Hetzpostings aufbegehrend, mutig dagegen haltend, sich aufreibend in der Argumentation gegen die, die sich augenscheinlich nach einem anderen politischen System, als unserem demokratischen sehnen. Ich finde es immer noch richtig in den Diskurs zu gehen, mit denen, die die Verantwortung für ihr eigenes Leben abgeben, um die Schuld bei anderen zu finden und ihre Wut hinaus zu grölen. Ich finde es immer noch richtig, sich den Leugnern der Klimakatastrophe entgegenzustellen und Rückrat zu zeigen. Ich selbst bin müde geworden und fühle mich zunehmend unwohl, in diesem Kampf, bei dem es keine Gewinner gibt. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass alle diese Menschen, die deutlich erkennbare Unwahrheiten teilen, selbst glauben, dass sie der Wahrheitsfindung dienen. In der folgenden Diskussion dann, beharren sie einfach stur weiter darauf, werden am Ende frech und erreichen ein beschämendes Niveau, das ich eher in einem Kindergarten erwarten würde. Ich bin müde geworden, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie die Verantwortung für ihr eigenes Leben, bei anderen suchen, bei unseren Politikern, bei Greta, bei Asylsuchenden … Die den Disput ihres eigenen Lebens, ihre stete Unzufriedenheit und eigene Belanglosigkeit, jeden Tag, im Wettstreit mit anderen nach außen tragen.

Der Sommer atmet aus und ich beginne mich zu fragen, was wirklich wichtig ist und finde ein paar Antworten, die zuvor nicht so präsent waren. Mir ist enorm wichtig, dass ich den Menschen, die mir nahe stehen vertrauen kann. Mir ist wichtig, mich durch meine Sprache sauber auszudrücken und drohende Missverständnisse zu klären. Ich habe immer noch ein großes Bedürfnis nach Harmonie. Ich schätze Gleichklang und Sicherheit. Gesundheit ist mir wichtig, weil ich merke, wie mit ihrem Schwinden meine Lebensqualität abnimmt. Gute Beziehungen, zu den wenigen Menschen, von denen ich mich umgeben sehe sind mir sehr wichtig. Dann noch ein wenig Musik, etwas Gesang, ein bisschen Malerei und Handwerk und fruchtbare Gedanken. All das ist so wichtig für mich wie ein gutes Essen, ein schmackhafter Wein, küssen, Liebe, Umarmungen, Zuhören und gehört werden.

Marion Decker

Die üble Nachrede

Ich kenne niemanden, der davon verschont bleibt. Eines Tages erfährst du etwas über dich, was du bis zu dem Zeitpunkt selbst nicht über dich wusstest. Plötzlich schwirren Gerüchte über dich durch die Welt, die in dir das Bedürfnis entstehen lassen, deine Umwelt über dich aufzuklären, dass es nicht wahr ist, nicht stimmt, du so nicht bist wie behauptet wird. Als das soziale Wesen, das du eben bist, wünschst du dir gesellschaftliche Akzeptanz, Wertschätzung und Anerkennung. Du erlebst es als verletzend, wenn man Dinge über dich erzählt, die nicht deiner Wirklichkeit entsprechen. Diese Form der Geringschätzung kennst du aus deiner Jugend, wo es mit dem Beobachten deines Kleidungsstils begann. Du entwickeltest dich mit einem bestimmten Bewusstsein darüber was cool ist, was ankommt und was gar nicht geht. Du bekamst das Ergebnis deines Geschmacks oder dem Einkommen deiner Eltern direkt zu spüren und hattest, dementsprechend mehr oder weniger Freunde. Vielleicht neigst du heute dazu dich anzupassen, um nicht wieder zu missfallen. Die Gerüchte über dich, die dir als Erwachsener begegnen sind, so vielfältig wie verletzend. Nach der letzten Party verachtete man dein Kleid als eines von der Stange, läuft wohl nicht mehr so bei dir und deine Haare hätten auch mal eine neue Färbung gebraucht. Deine Nachbarn halten dich für unfähig deine Kinder zu erziehen, weil sie sonntags ungehalten durch den Garten toben. Deine Entscheidung als Single durch die Welt zu ziehen zeigt einfach, dass du beziehungsunfähig bist. Als deine Partnerin dich verlassen hat, wussten alle, dass du ein egoistischer Drecksack bist und als sie dir das Haus leer geräumt hat, hast du es nicht anders verdient. Du bist einfach nur dumm, wenn du nicht bemerkst, dass dein Partner dich betrügt. Arbeit findest du auch keine, weil du faul bist, du willst gar nicht. Du bist eine Schlampe, eine Nutte, einfach nur dumm, arrogant, ein Gauner und Betrüger und alle haben das gewusst, nur du nicht. So läuft dieses Spiel, das Menschen spielen, die nie erwachsen geworden sind, deren Horizont im Alter eines 14-Jährigen hängen geblieben ist. Diese Menschen geben vor alles über dich zu wissen aber nicht nur über dich, sondern auch über Peter, Inge, Gisela, die Frau Hinz und den Herrn Kunz. Sie brauchen diese Lästereien, weil es sie davon ablenkt ihre eigenen Schwächen, Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten wahrzunehmen. Dein Leben müssen sie einfach in ein Drama verwandeln, weil ihr eigenes so bedeutungslos und nichtig ist. Sie beneiden dich, weil sie sich mit dir messen und du bei ihrem Vergleich einfach besser abschneidest. Sie missgönnen dir alles, was sie nicht haben. Ihre Minderwertigkeit ist so groß, dass sie sich größer und wichtig machen müssen. Und manchmal zerstören sie Existenzen, wie selbstständige Unternehmer aber auch Familien erfahren mussten. Du kannst darüber traurig sein, dich verletzt zurückziehen, dich rechtfertigen, dagegen angehen, das wird nichts ändern. Du wirst diese Menschen nicht ändern. Lerne sie wahrzunehmen wie sie sind, als im Herzen hart, im Geiste arm, unglücklich, unfähig zu tiefer Liebe oder befriedigenden Beziehungen, nicht in der Lage Zufriedenheit zu erlangen und weit entfernt vom Glück. Lerne zu dir zu stehen, dir selbst zu vertrauen, nimm deine Stärken wahr und erkenne deine Schwächen an und nimm es nicht persönlich, es hat nichts mit dir zu tun oder damit wie du wirklich bist, das weiß auch niemand außer dir. Du wirst einzig und allein für ein übles Spiel benutzt. Für mich ist es hilfreich selbst einmal ganz unten gewesen zu sein und darauf zurückzublicken was ich trotzdem alles aus eigener Kraft geschafft habe. Für mich ist es heute unerheblich, wenn andere falsches über mich denken denn nur ich kenne meine Beweggründe. Ein guter und sicherer familiärer Hintergrund ist ebenso hilfreich wie der ehrliche Austausch in Beziehungen und Freundschaften, um das Spiel nicht weiter mitzuspielen.

© Marion Decker

Geschichten, die das Leben schreibt

Es ist Samstag, früh am morgen. Mein Mann und ich haben einen Schwimmteich für die Hunde geplant. Der Grund ist ausgehoben und die Folie verlegt. Wir befinden uns in Phase zwei unseres Projekts und möchten die Technik installieren. Er hatte wohl wissend, dass er einen 3 Zoll (ca. 8 cm) Schlauch nicht ohne technische Hilfsmittel mit einem 1,5 Zoll (ca. 4 cm) Anschluss verbinden kann, gestern bei einer Firma einige Überbrückungen bestellt. Die freundliche Firma nahm unsere Bestellungen auf und gab die Ware zum Versenden an ein Transportunternehmen. Für einen Transportkostenaufschlag von 18 €, einem Drittel des eigentlichen Warenwertes, sollten wir die Ware per Expressversand am nächsten Morgen erhalten. Wir bekamen eine Trackingnummer, anhand derer wir den Verlauf unseres Paketes verfolgen konnten.

Guter Dinge machten wir uns an die Arbeit, bis unsere Hunde auf eine Unstimmigkeit am Eingangstor reagierten und uns lautstark darauf aufmerksam machten. Ich rannte ums Haus herum nach vorne und sah einen allseits lädierten dunkelblauen VW Kombi mit SB Kennzeichen. Als ich mich auf das Tor zubewegte, setzte er langsam zurück. Ich brachte die Hunde ins Haus, damit sie nicht verloren gehen, öffnete das Tor und winkte den Pkw herein. Daraufhin fuhr er langsam in den Hof und blieb stehen. Ich bat ihn, das Fenster herunterzukurbeln, weil das die Kommunikation ungemein vereinfachen kann. Danach sah ich einen etwa 25-jährigen jungen Mann mit lässiger Kleidung. Der Innenraum des Kombis sah vermüllt aus, am Rückspiegel hing ein Würger. Ein Hundehalsband aus metallenen Kettengliedern, die in Metallspitzen enden. Der Hund kann es mit den Spitzen nach innen tragen, was schlecht für den Hund ist, oder mit den Spitzen nach außen, was schlecht für die anderen Hunde ist. Ich betrachte den jungen Mann nicht vorurteilsfrei und frage ihn, wie ich ihm weiterhelfen kann. Er lässt mich wissen, dass er die Jugendherberge sucht. Jugendherberge und Reiterhof sind um die Ecke und als ich zu einer Wegbeschreibung ansetze, beginnt er, das Haus in dem wir leben genauer zu betrachten. Es sei ein schönes Haus, dass er hier noch nie gesehen habe. Ich denke in mich hinein, dass er es schnell wieder vergessen sollte, als mein Mann kommt, ihm den Weg erklärt und wieder nach draußen begleitet. Wir konzentrieren uns erneut auf den Teich und vergessen die Zeit. Um 14 Uhr sind wir uns sicher, dass der Express Service nicht mehr kommen wird, denn er hatte sich zwischen 8 und 12 Uhr angekündigt.

Am Montagmorgen schickt mein Mann mir den Trackingcode, dem ich entnehme, dass unser Paket am Samstag 11,40 Uhr nicht ausgeliefert werden konnte, weil der Empfänger nicht angetroffen wurde. Ich bin überrascht und versuche herauszufinden, wo sich unser Paket befindet. Ich investiere zwei Stunden, um nichts über den Verbleib zu erfahren. Die Hotline des Transportunternehmens erklärt mir per Bandaufnahme, dass das Paket keinen Empfänger fand. Ein privater Franchisenehmer des Transportunternehmens in der Nähe lässt mich wissen, dass ich bei ihm völlig falsch bin, die Hotline mich aber auskunftsfreudig und kenntnisreich weiterbringen wird. Meine halbstündigen Klicks auf die Trackingnummer bringen mich nicht weiter, die Aussage: „Paket konnte nicht zugestellt werden!“ bleibt unumstößlich. Ich schreibe dem Transportunternehmen über das angebotene Kontaktformular, dass ich den Verlust unseres Paketes betrauere und sachkundige Hilfe benötige. Gegen Nachmittag bekomme ich tatsächlich eine Antwort auf meine Kontaktaufnahme, mit der Auskunft, dass ich mich an die Firma wenden muss, die die Ware versandt hat. Ich erkenne nun leicht panisch, dass ich meinen Hang zu neurotischem Verhalten längst nicht abgelegt habe und beginne auf meinem Stuhl vor und zurück zu wippen. Ich folge der Empfehlung des Transportunternehmens und rufe die Firma an, bei der wir die Ware bestellt haben. Die Frage der freundlichen Sachbearbeiterin, ob wir denn wirklich alle beide zu Hause gewesen seien, beantworte ich wahrheitsgemäß mit Ja und frage mich gleichzeitig, warum alle beide? Scheinbar sieht sie mich nicht in der Lage ein Paket in Empfang zu nehmen. Sie informiert mich darüber, dass hier Aussage gegen Aussage stehen könnte. Sie fragt mich, ob denn unser Briefkasten ausreichend gekennzeichnet sei und ich erkläre ihr, dass mein Praxisschild genau darunter hänge. Diese Information reicht ihr nicht, sie gibt zu bedenken, dass wir ein Privatgeschäft getätigt haben und so müsse eben aus der Briefkastenaufschrift erkennbar sein, dass der Auftraggeber hier wohnhaft ist. Ich denke an den unfreundlichen Mitmenschen, der uns jahrelang das Schild mit der Aufschrift Familie Decker vom Briefkasten riss, bis ich es aufgab, ein neues anzubringen. Sie erwähnt, dass das Transportunternehmen im Falle von Expresslieferungen einen Kurier schickt und ich denke an den Fahrer des VWs Kombi mit dem Würger am Rückspiegel. Sie sichert mir zu, sich mit dem Transportunternehmen zu besprechen und das weitere Vorgehen zu planen. Ich gehe duschen. Während ich dusche, ruft sie mich noch zweimal vergeblich an, denn ich kann sie nicht hören. Sie erreicht meinen Mann, um ihm mitzuteilen, dass das Transportunternehmen es morgen noch einmal versucht. Es scheint unerheblich, ob morgen irgendjemand Zuhause ist, niemand kann mir sagen, wann sie kommen und so sage ich meine ersten beiden Außentermine aus familiären Gründen ab, das klingt einfach glaubwürdiger, als auf ein Transportunternehmen zu warten. Eigentlich wollte ich morgen noch den Wocheneinkauf regeln, Hundefutter, Essen für uns u.s.w. aber das verschiebe ich in Gedanken. Ich kann das Hundefutter strecken, wenn ich ein paar Kartöffelchen untermische, wird schon.

Dienstagmorgen beschließe ich, mich nicht weiter als Opfer der Willkür eines Transportunternehmens zu fühlen und überlasse nichts mehr dem Zufall. Ich öffne das Tor und laufe strammen Schrittes die 800 Meter bis zu unserem Briefkasten herunter. Links und rechts vom Weg sehe ich die Spuren, die die Wildschweine seit Monaten in die Wiese fräsen, es sieht chaotisch aus. Sollte mir jetzt eins begegnen, versuche ich einfach in die richtige Richtung zu laufen. Unten angekommen, beklebe ich den Briefkasten mit der Aufschrift Chris und Marion Decker, um jeden Zweifel an unserer Zusammengehörigkeit zu zerstreuen. Ich befestige noch einen Anfahrtsplan für das Transportunternehmen und der Briefkasten ist jetzt so präpariert, dass er wirklich nicht mehr als solcher zu erkennen ist. Wieder oben am Tor angekommen, versäume ich nicht einen Zettel mit der Aufschrift, bitte hupen anzubringen. Ich gehe gelöst ins Haus, wissentlich in der Lage zu sein, mein Leben selbst zu bestreiten und siehe da 30 Minuten später hupt jemand und übergibt mir unser Express Paket.

Wir haben noch bei zwei weiteren Firmen Ware bestellt und obwohl mir bewusst ist, dass meine neuen Patienten mich ebenso finden, wie weitere andere Transportunternehmen, neue Postboten und Handwerker, lasse ich die Zettel einfach hängen, für immer.

© Marion Decker

Spielchen

Wer kennt sie nicht, unsere Mitmenschen, die nicht geradeheraus ansprechen, wie es um ihre Bedürfnisse steht. Die sich nicht trauen, weil sie zu glauben scheinen, dass es ihnen nicht zusteht, sich in den Vordergrund zu drängen. Sich möglicherweise vor den Konsequenzen, wie Zurückweisung fürchten, was sich noch bitterer anfühlt. Die, die dem anderen nicht zu nahe treten wollen und es stattdessen vorziehen unbefriedigt im Hintergrund zu bleiben. Es sind die Menschen, die mir ein Häppchen zuwerfen und mir die Deutungshoheit zuweisen, mit der ich mich manchmal in tagelangen Interpretationsversuchen selbst zermürbe.

Daneben stehen die Menschen, die ihre Bedürfnisse als grobe Masse spüren aber nicht namentlich benennen können. Sie leben mit der Überzeugung stets zu kurz zu kommen und vom anderen benachteiligt zu werden. Sie neigen dazu ihr Überbedürfnis an Aufmerksamkeit und Wertschätzung lauthals in die Welt zu schreien, weil das, was sie bekommen einfach nicht bei ihnen ankommt und sie mit einem Gefühl der Leere, des „Zu kurz Kommens“ zurücklässt. Sie lassen den anderen in einem verwirrten Zustand der Entrüstung zurück. Mit beiden Bedürfnisvertretern ist der Umgang schwierig.

Die Bereicherung, sich in sozialen Netzwerken unpersönlich darstellen zu können, wird gerne dazu genutzt ein Posting zu teilen, das einen anderen direkt mit seinem emotionalen Fehltritt konfrontiert und den Betroffenen sich schuldig fühlen lässt. Der anschließende Beifall außenstehender Beobachter, kann dem Posting teilenden, das fälschliche Gefühl geben, im Recht zu sein, weil der außenstehenden Gemeinschaft, der echte Sinn verborgen bleibt. Die Zwischenmenschlichkeit bietet allerlei Fallstricke einem anderen etwas mitzuteilen, ohne die eigentliche Botschaft zu verraten, die dahintersteckt. Es ist ein hochkompliziertes strategisches Spiel, das uns dazu bewegt zwischen den Zeilen zu lesen, wenn wir die Aufforderung annehmen. Ob wir das Angebot zu einem Spiel, dessen Regeln eigentlich keiner kennt annehmen, ist in erster Linie davon abhängig wie wichtig uns der Andere ist. Ich kenne verschiedene Varianten von Spielen, die alle keinen Spaß machen.

Du kannst deinem Partner jahrelang aufs Butterbrot schmieren, welcher Verfehlungen er sich schuldig gemacht hat und ihm einen Mangel an Verlässlichkeit oder Rückhalt vorwerfen. Damit bleibst du das Opfer des Fehlverhaltens des anderen, das augenscheinlich frei von Schuld, in dieses miese Gefühl der Wertlosigkeit hinein manövriert wurde. Dein Partner wird garantiert bis in alle Ewigkeit in deiner Schuld stehen. Du kannst dich zutiefst verletzt in dein Schneckenhaus zurückziehen und dich an deinem Gefühl der Minderwertigkeit laben. Du kannst deinen tiefen Kummer so obsessiv ausweiten, dass du dich mit dem anderen vergleichst und ihn als soviel besser begütert siehst als dich selbst, bis du so viel Neid verspürst, dass dein Gefühl deiner eigenen Daseinsberechtigung schwindet. Du kannst das Bisschen, das du ehrlich bereit bist, deinem Partner zu geben, dreifach lauthals zurückfordern, weil du dich einfach wichtiger fühlst und mit weniger nicht zufrieden bist. Du kannst deine narzisstischen Charakterzüge kultivieren und dich mit oberflächlichen Menschen umgeben, die dein wahres ich weder erkennen können, noch wollen, das ist ungefährlich und unverbindlich.

All das kannst du weiter ausleben, wenn du deine eigene Verantwortung abgeben möchtest, um dich in der besseren Position zu fühlen. Es ist einfacher, mit dem anderen abzurechnen, als seine ganz eigenen wahren Beweggründe zu verstehen, aber wisse, dass dein Verhalten Spuren hinterlässt, die den anderen prägen werden. Ich persönlich liebe Klarheit und bin bereit dafür die Ehrlichkeit des anderen auszuhalten. In der Ehrlichkeit meines Gegenübers öffnet sich mir die Möglichkeit eine Entscheidung zu treffen. Ich kann mich mit dem auseinandersetzen, was wirklich ist und mich damit anfreunden, es verstehen und damit Frieden schließen. Saubere Kommunikation ist, lern bar, in der aufrichtigen Auseinandersetzung mit dir selbst. Der Weg dahin mag steinig sein, aber auch wichtig und lohnend.

© Marion Decker

Der youtuber Rezo

Der 26 jährige Influencer, der sich Rezo nennt, veröffentlichte kurz vor der Europawahl ein Video, worin er mit den Volksparteien, CDU, SPD und den Rechtspopulisten der AFD abrechnete. Sein Video wurde bis heute 4,8 Mio. mal aufgerufen. Er ist Produzent von Webvideos und geht mit zwei Youtube Kanälen seit 2012 viral, auf denen er hauptsächlich Musik- und Comedyvideos hochläd. Er gehört zum Influenzer Netzwerk Tube one, das zu Ströer Media gehört. Rezo studierte nach eigenen Angaben Informatik und machte 2016 den Master of Science. Seit September 2012 folgen ihm zunehmend Menschen. Er hat bis heute 1,6 Mio. Follower und ist einer der erfolgreichsten Musik Youtuber Deutschlands. Auf seinem 2. Kanal „Rezo ja lol ey“ folgen ihm 670.000 Menschen. Er betreibt eine Firma mit Produktionsleiter, Manager und Fanshop.

„Viele Influencer erreichen auf Plattformen wie Youtube mehr Menschen als Journalisten. Problematisch wird das, wenn sie finanzielle Interessen verfolgen, aber wie authentische Nachbarsjungen von nebenan wirken“. Frankfurter allgemeine Zeitung, Justus Bender und Constantin van Lijnden

Das Wort influence kommt aus dem englischen und bedeutet beeinflussen. Es wird auch Multiplikatoren Marketing genannt. Online Marketing Unternehmen bedienen sich gezielt Meinungsmachern (Influencern) und damit Personen mit Ansehen, Einfluss und Reichweite. Erfolgreiche Beeinflusser, verfügen über soziale Autorität und Vertrauenswürdigkeit. Sie zeigen Hingabe, wirken konsistent, engagiert und fachlich kompetent. Sie werden von ihren Followern als Experten angesehen und gelten als vertrauenswürdige Vorbilder, deren Meinungen und Empfehlungen beachtet werden. Dadurch können sie die Wahrnehmung und den Abverkauf von Waren und Dienstleistungen beeinflussen.

Mit einem Foto bei Instagram verdienen z.B. Caroline Daur, Xenia von der Woodsen oder Leonie Hahne von OhhCouture Hunderte, wenn nicht tausende Euro. Sie sind Bloggerinnen, Youtuberinnen oder Instagramerinnen, haben sich tausende Follower erarbeitet und eine Reichweite, die Unternehmen für sich entdeckt haben. Im Tausch gegen Werbung und Produktplatzierung auf ihren Kanälen, finanzieren die Firmen den Top-Influencerinnen einen Luxus Lifestyle.

Mir gefällt sein Video! Es ist bis auf etliche Schnitte gut gemacht, einzig sein Rumgefuchtel macht mich nervös und die Information leidet ein wenig, aber das scheint Teil seines Ausdrucks zu sein. Ich sehe einen intelligenten, aufgeschlossenen jungen Mann, der eine Meinung hat. Die statistischen Werte, die er liefert mögen nicht immer ganz genau stimmen, weil nicht alle Fakten einbezogen wurden, aber im großen und ganzen hat er Tatsachen angesprochen, die nicht von der Hand zu weisen sind. Zuerst dachte ich, schon wieder so ein Zeitgenosse, geboren aus unserer neueren Empörungsgesellschaft, aber dann bekam auch ich mit, dass er sich Gedanken über Lösungsansätze gemacht hatte und ansprach.

Es scheint tatsächlich schwierig für die großen Volksparteien, realistisch und glaubhaft Stellung zu nehmen. Die parlamentarische Demokratie im digitalen Zeitalter läuft langsamer, oder besser, hat eine andere Zeitrechnung. So sehen wir auf der einen Seite, den staatstragenden Apparat, der alle Kritik diskreditiert, verschleppt, verhöhnt, verschweigt und aussitzt. Auf der anderen Seite scheinbar einen Einzelnen.

Ich gönne Rezo den Traffic, den Zugewinn seiner Reichweite quasi über Nacht. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und seine Idee war gut. Gleichwohl macht mir etwas daran Sorge und beschäftigt mich. Es ist das Problem der Meinungsmache, der Beeinflussung aus der viralen Welt, dort wo sich eine Idee ausbreiten kann wie eine Krankheit. Wenn charismatische junge Menschen, gegen entsprechendes Entgeld benutzt werden können, Dienstleistungen, Waren oder Meinungen dorthin zu transportieren, wo genug gutgläubige Menschen sitzen, dann möchte ich auf eine nicht zu unterschätzende Gefahr hinweisen.

Marion Decker

Stalking ist kein Kavaliersdelikt

An manchen Tagen fühle ich mich hilflos. An anderen Tagen habe ich Angst vor dem, was dir noch alles einfällt.

Rückblick auf ein unvergessenes Jahr 2013

Du schreibst mir anonyme Briefe und schickst mir Nachrichten aus öffentlichen Telefonzellen. Du weißt, dass ich dich noch nicht stoppen kann, aber ich weiß, wer du bist. Ich habe deine Freundschaft zurückgewiesen und nun möchtest du dich rächen. Dein übergroßes verletztes Ego gepaart mit deinem Mangel an Selbstwert war schon immer eine explosive Mischung. Mir war nicht klar, welch kranken Geistes Kind du bist. Du schreibst mir, dass alle über mich lachen. Verstreust Häme und weidest dich an meinem Unglück, weil du deine eigenen miesen Gefühle verdrängst, statt sie ehrlich zu durchleben. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben, darum bleibe ich einfach im Hintergrund und warte ab. Du schreibst mir, dass ich dir leid tue und ich weiß, dass Mitleid ein Gedankenkonstrukt ist. Es fehlt dir an Empathie, weil du ein Psychopath bist. Du haderst mit deiner eigenen Persönlichkeit und weißt, dass du nicht ganz sauber bist, deshalb hast du so viele Selbsthilfebücher gelesen. Leider kam der Inhalt nicht bei dir an und du hast reine Zeit verschwendet. Jetzt läufst du durch die Gegend und wirfst mit hohlen, leeren Phrasen um dich. Zu allem äußerst du ungefragt deine Meinung, prahlst und protzt, plusterst dich auf und machst dich wichtig, um ganz tief in deinem Inneren das nagende Gefühl der Wertlosigkeit nicht zu spüren, das so schwer auszuhalten ist. Du glaubst, du bist charismatisch und bist tatsächlich nichts anderes, als ein schlechter Manipulator. Du findest es erstrebenswert da oben mitzuschwimmen. Du sehnst dich nach Ruhm, Ehre und Anerkennung und planst ständig großes, damit die Stimmen deiner Vergangenheit endlich still sind. Du willst es allen zeigen und versagst dabei täglich kläglich.

Du glaubst, dass ich etwas habe, das eigentlich dir zusteht. Du verzehrst dich so sehr danach, dass du voller Zorn, voller Groll und Missgunst bist. Dein Leben ist ein täglicher Kampf, das muss hart für dich sein, ich fühle mit dir. Diese Werte von denen du mich, aus deiner Sicht unangemessen, umgeben siehst sind für mich keine. Es sind Annehmlichkeiten, die ich zu schätzen weiß. Meiner Wertvorstellung entspricht es, einen liebevollen, respektvollen und toleranten Umgang mit meinen Mitmenschen zu pflegen und mein Leben emotional erfüllt durch Liebe, Dankbarkeit, Hingabe und Demut zu leben. Ich erwarte nicht, dass du verstehst was mir wichtig und wertvoll ist, denn du trägst keine Liebe in dir. Ich will ehrlich zu dir sein, ich kann es mir leisten. Ich möchte dir erzählen, was dein Verhalten mit mir macht:

An manchen Tagen fühle ich mich hilflos.

An anderen Tagen habe ich Angst vor dem, was dir noch alles einfällt.

Oft weinte ich einfach, weil ich nicht verstehe, warum du das mit mir machst.

Ich komme schlecht aus dem Bett, bin gerädert und fühle mich den ganzen Tag müde und ausgelaugt.

Mittlerweile gehe ich mit einem mulmigen Gefühl in meine Praxis, weil ich nicht weiß, was mich erwartet, wenn ich den Briefkasten öffne oder den Anrufbeantworter abhöre.

Regelmäßig erschrecke ich, wenn mein Handy mir ein Signal für einen SMS-Eingang gibt.

Jeden Tag bin ich einfach unendlich genervt von dir.

Manchmal gelingt es mir einfach amüsiert zu sein, wenn ich deine Zeilen lese, weil es doch immer die gleiche Leier ist.

Aber ich habe auch Grund dir zu danken denn du hast mich in kurzer Zeit Fähigkeiten gelehrt, die mir zuvor nicht bewusst waren. Ich habe gelernt die Spreu vom Weizen zu trennen und den wenigen Menschen zu vertrauen von denen ich weiß, dass sie mich achten und schätzen so wie ich bin. Dazu kann ich nur wenige zählen aber dafür sind sie umso präsenter. Ich habe gelernt, dass ich nicht alles verstehen muss. Ich habe gelernt mich emotional zu distanzieren, wenn es nötig ist. Ich habe gelernt, dass ein Problem aufhört ein Problem zu sein, sobald ich es nicht mehr als solches betrachte.

Und nun möchte ich dich gerne ein letztes Mal, dafür jedoch ganz offiziell zurückweisen. Ich stehe nicht mehr zur Verfügung!

© Marion Decker

Es liegt was in der Luft

Sein System der Sanktionierung führt bei mir stets dazu, dass ich irgendwann in meinen unnötigen Gedankengängen, wer nun die größere Schuld am Schlamassel trägt, mich infrage stelle…

Einige sehr warme Osterfeiertage liegen hinter mir und der Frühling hat gerade erst begonnen. Während ich mit meinem Mann auf einem Baugerüst stand, um unsere Hausfassade fertig zu Schindeln, gelang es mir ungewollt, rückblickend fast ohne mein Zutun, uns die Feiertage zu vermiesen. Wir reichten einander ein paar wenige Worte an, die dazu führten, dass ich mich hin- und hergerissen fühlte, auf meiner Vorstellung von „recht haben“ zu beharren oder mich durchs Nachgeben klein zu fühlen. Schließlich bin ich auch wer. Ich muss an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass Nachgeben je älter ich werde, eine immer weniger gute Option ist. Mir ist noch völlig unklar, ob diese Bockigkeit meinerseits nun Eigensinn oder Altersstarrsinn ist, wobei mir ersterer besser gefallen würde. Nun gehört mein Mann zu den Menschen, die recht nachtragend sind. Mir ist diese fiese Angewohnheit ziemlich fremd. Ich weiß zwar noch in zehn Jahren, wer mir was vor den Latz geknallt hat, aber ich bin deswegen nicht zehn Jahre sauer. Sein System der Sanktionierung führt bei mir stets dazu, dass ich irgendwann in meinen unnötigen Gedankengängen, wer nun die größere Schuld am Schlamassel trägt, mich infrage stelle. Ich relativiere dann sein Verhalten so, dass er bleiben darf wie er ist, während ich mich vor mir selbst rechtfertige. Ich sehe, dass es vielen meiner Leidensgenossinnen ganz ähnlich geht und das, macht es ein ganz klitzekleines Bisschen leichter für mich.

Heute im Netz umschauend beginne ich eine Ahnung zu entwickeln, dass es nicht nur bei mir gerade knackt und knistert. Meine Timeline ist gespickt mit Missverständnissen. Ich sehe eine liebe Bekannte, Anika, die ich immer als intelligent, intuitiv, belesen und friedfertig erlebt habe. Sie kommentiert ein Posting kurz und knapp, in für sie ungewohnter Heftigkeit und schon bald finden sich einige, die sich auf die andere Seite schlagen, um sich zusammenzurotten und in Diskussionen zu verfallen. Ich bitte euch nehmt es Anika nicht übel, sie ist sonst umgänglich und ganz knorke, vielleicht hatte sie ein unerfreuliches Osterfest.

Eine andere liebe Bekannte, Lisa, liebt Tiere über alles. Sie sieht in ihnen die guten Seelen, die sie sind. Und so setzt sie sich gerne im Netz für diese wundervollen Wesen ein und macht zurecht darauf aufmerksam, dass man nicht alles essen muss. Unglücklicherweise postet sie zur Veranschaulichung ein Video. Heute macht man ihr den Vorwurf, dass das von ihr gewählte Bildmaterial möglicherweise gefakt ist und die eigentliche Botschaft, die in guter Absicht erfolgte geht verloren. Im weiteren Verlauf verstrickt sie sich mit dem anklagenden Diskutanten in eine verbale Eskalation, in der sie übelst beschimpft wird. Ich bitte euch, Lisa ist eine herzensgute Frau, so mit ihr umzugehen hat sie nicht verdient.

Es liegt was in der Luft, etwas das uns reizt und stresst, das uns brackig sein lässt und übellaunig. Vielleicht ist es zu warm für einen Frühling, der gerade erst begonnen hat farblich zu explodieren. Vielleicht haben wir eine ungünstige Sternenkonstellation mit einem bockigen Saturn. Vielleicht hat uns Notre Dame zugesetzt und die Diskussionen darüber, ob es wirklich richtig ist, Unmengen Geld unklarer Herkunft in den Neubau eines Westturms zu stecken oder doch besser die ganze Welt zu retten. Vielleicht macht uns zu schaffen, dass in einem ohnehin gebeutelten Sri Lanka mittlerweile 320 Menschen durch Terroranschläge auf Gotteshäuser ihr Leben lassen mussten. Vielleicht beschwert uns, dass im Netz auch immer wieder unberechenbarer Weise Menschen sterben, deren Tod niemand hatte kommen sehen und wir betrauern Verluste. Wie dem auch sei, wir haben alle immer auch einmal persönliche Gründe uns fragwürdig zu verhalten. Ich wünsche mir, dass uns das nicht weniger liebenswert macht.

In diesem Sinne, eine friedliche Zeit euch allen.

© Marion Decker


Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ich sah das, was viele meiner Mitmenschen täglich machen, sie vergleichen sich mit anderen und das beschäftigt sie so sehr, dass nicht mehr zu erkennen ist, wer sie selbst sind…

11. April um 18:27 ·

Neulich auf dem Schauplatz der Eitelkeiten… Mein Mann erhielt eine Einladung, der wir folgten. Ich fand mich wieder, auf einer Veranstaltung, die einberufen wurde, um den Hauptakteur zu ehren und zu beglückwünschen. Ich normal sterbliche wäre niemals zu dieser Veranstaltung eingeladen worden und so bin ich dankbar, dass ich dabei sein durfte. Die Feierlichkeit wurde von einer Kanzlei ins Leben gerufen, die Juristen beherbergt, die Menschen verteidigen, die sich größerer Straftaten schuldig gemacht haben. Die Eingangsrede, auch Laudatio genannt, wurde von einem ehemaligen saarländischen Minister gehalten. Sie war ganz passend zum Anlass, tragend, langatmig und wenig informativ.

Weil ich stets ungern fremde Menschen in meinem Rücken stehen habe, mein Kontrollbedürfnis lässt das nicht zu, platzierten mein Mann und ich uns in einer Ecke des großen Raumes, lauschten und harrten der Dinge, die da kommen mochten. Vor mir stand ein gespanntes Publikum, zu dem in der Hauptzahl gut gekleidete Herren zählten. Sie trugen graue, dunkelblaue oder anthrazitfarbene Anzüge, Krawatten, gewienerte Schuhe, waren tadellos frisiert und rasiert und verströmten eine Aura aus Seriosität, Erfahrung und akademischem Wissen. Es waren äußerlich, größere und kleinere Männer, zumeist fortgeschrittenen Alters. Wie sie da so vor mir standen aufrecht, geradlinig, die Arme vor der Brust verschränkt oder lässig, leicht vorgebeugt, die Ellenbogen auf den kleinen Stehtischchen aufgestützt, strahlten sie Wichtigkeit aus, Dringlichkeit, Erhabenheit und Erfolg, der ihnen ins Gesicht gebrannt war. In dieser vor Ehrgeiz, Eloquenz und Männlichkeit wabernden Atmosphäre, die die Luft zum Atmen beschwerte, begann ich mich klein, nichtig und nutzlos zu fühlen. Meine Daseinsberechtigung schwand. Ich sah mich gezwungen mich zu demütigen und zu hinterfragen, was ich in meinem Leben erreicht hatte. Ich hatte keine Professur erlangt, keine Reichtümer erwirtschaftet, keinen gehobenen Posten ergattert, ja nicht einmal ein Kind geboren.

Heute, nachdem ich diesen Abend in meiner dankbaren Erinnerung Revue passieren lasse, frage ich mich was an deren Dasein erstrebenswert ist. Das Thema, das sie verband, war Erfolg. Der Weg des Erfolgs ist in der Regel ein steiniger, der Disziplin erfordert und Fleiß. Ihn zu gehen heißt einen Plan zu haben, um sein Ziel zu erreichen. Es bedeutet, über sich selbst hinauswachsen zu wollen, nicht durchschnittlich sein zu wollen, viel besser als gut zu sein. Synonyme für Erfolg sind: „gelungen, siegreich, begünstigt, effektiv, vielversprechend und ergebnisreich“. Ich kann mir vorstellen, dass in all diesem Streben vieles auf der Strecke bleibt. So was wie Leichtigkeit, Echtheit, Entspannung und Achtsamkeit. Ich sah das, was viele meiner Mitmenschen täglich machen, sie vergleichen sich mit anderen und das beschäftigt sie so sehr, dass nicht mehr zu erkennen ist, wer sie selbst sind, weil sie alle eins werden. Ich sehe mich im Alltag umgeben von verbissenen Perfektionisten, die einem anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnen, unzufriedene Nörgler, nach Plapperer, Besserwisser und Schuld-Zuweiser.

Ich darf mich glücklich schätzen meinen eigenen Perfektionismus hinter mir gelassen zu haben. Und ganz plötzlich reihen sich um mich Menschen, die kreativ sind, ihre eigene Meinung haben, ihr eigenes Glück schmieden, aus allem das Beste machen, ermutigen und wertschätzen und ich freue mich so weit gekommen zu sein.

In diesem Sinne macht was euch gefällt. ❤️🍀☀️

© Marion Decker

Schuld zu sein macht auch nicht froh

Manche moralische Verfehlungen werden in unserer Gesellschaft schwer geahndet, weil sie als verletzend empfunden werden. Verfehlungen derer auch ich mich schuldig gemacht habe, weil ich ein Mensch bin…

9. April um 12:10 ·

… Gedanken machen über Schuld, Schwere, Gewicht und Belastung

„Es reist sich besser mit leichtem Gepäck“ Silbermond

Es ist vollkommen irrelevant was andere über dich denken, du kannst es ohnehin kaum beeinflussen. Daher lohnt sich auch die Mühe nicht, dich anzupassen. Das absolut Einzige was zählt ist das, was du über dich selbst denkst. Machst du dich verantwortlich für irgendetwas, das du in deiner Vergangenheit getan hast? Für etwas, das du falsch gemacht hast? Du bist ein Mensch, du darfst Fehler machen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir genau aus diesem Grund hier sind, um Fehler zu machen und daraus zu lernen, um uns weiterzuentwickeln. Ich habe Menschen kennengelernt, die verurteilten sich ein Leben lang für einen Fehler, den sie mal begangen haben. Aber selbst nach einem Strafvollzug ist eine Tat irgendwann gebüßt, gehe also bitte nicht so hart mit dir ins Gericht. Es ist auch völlig unerheblich, ob ein anderer dir verzeiht, warte also nicht darauf, es ist Zeitverschwendung. Das Einzige was zählt ist, dass du dir selbst verzeihst, um mit dir ins Reine zu kommen.

Wenn du einen Fehler machst, etwas dass du hinterher bereust, dann ist dein schlechtes Gewissen zwar sozial konform und irgendwie angemessen, aber es bringt niemandem etwas, am wenigsten dir. Siehe einen Fehler an, als das was er ist, eine Entscheidung. Es gibt keine richtigen oder falschen Entscheidungen. Es gibt wertungsfrei betrachtet einfach nur Entscheidungen. Du kannst nicht wissen wie es gewesen wäre sich anders zu entscheiden. Dieses Wissen liegt in der Vergangenheit und du hast es nicht erlebt. Außerdem, wenn du es besser gewusst hättest, die Konsequenzen voll gekannt hättest, dann hättest du doch sicher eine andere Entscheidung getroffen. Du wusstest es nicht besser und das ist menschlich. Manchmal ist eine falsche Entscheidung auch besser als gar keine. Ich habe Menschen kennengelernt, die zu gar keiner Entscheidung fähig sind und stets in der Angst leben, etwas falsch zu machen. Sie traben ihr Leben lang auf der Stelle und erleben nichts. Stagnation ist auch keine Option.

Manche moralischen Verfehlungen werden in unserer Gesellschaft schwer geahndet, weil sie als verletzend empfunden werden. Verfehlungen derer auch ich mich schuldig gemacht habe, weil ich ein Mensch bin. Ich habe gelogen oder verschwiegen, was im Grunde auf das Gleiche hinaus läuft. Lügen ist unbeliebt und doch lügen so viele. Ich verzeihe mir, dass ich gelogen habe, weil ich weiß, dass ich den anderen mit meiner Wahrheit nicht verletzen wollte oder die Konsequenzen des ehrlich seins nicht ertragen konnte. Warum auch immer, ich hatte zahlreiche Gründe. Heute kann ich ehrlich sein, weil ich gelernt habe mich auszudrücken und es sich besser anfühlt, mir treu zu bleiben. Ich werde auch belogen und verzeihe mir, dass ich nicht vertrauenswürdig genug bin. Ich kenne nun aus eigener Erfahrung die Motivation, die dahintersteht und brauche mich nicht mehr zu ärgern, wenn es passiert.

Ich habe betrogen. Den Partner betrügen ist schwer verpönt und wird mit Missachtung geahndet und doch tun es so viele. Ich verzeihe mir, dass ich einen anderen Menschen dazu benutzt habe, aus einer Beziehung herauszufinden, die mir nicht guttat. Heute habe ich kein Interesse mehr zu betrügen, weil es mich viel zu sehr durcheinander bringt und von mir selbst entfernt. Ich wurde auch betrogen und verzeihe mir, dass ich meinem Partner nicht das geben konnte, was er sich gewünscht hat und sehe ein, dass er nicht mein Eigentum war. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass er zahlreiche Gründe hatte.

Ich habe über andere Menschen gerichtet und sie verurteilt, nicht obwohl, sondern gerade weil ich sie gar nicht kannte. Ich verzeihe mir, dass ich durch den Vergleich besser dastehen wollte. Jetzt darf jeder bleiben, wie er ist und seine eigenen Erfahrungen machen. Ich habe dieses Verhalten heute nicht mehr nötig, weil mein Selbstwert groß genug ist. Ich weiß, dass andere über mich richten, mich verurteilen. Ich verzeihe mir, dass ich nicht genug Interesse geweckt habe, mich wirklich kennen, lernen zu wollen.

Ich habe geprahlt und über andere gelästert. Ich verzeihe mir, dass ich glaubte, ich hätte es nötig, mich größer zu machen, weil ich mich so klein fühlte. Ich brauche das heute nicht mehr, weil ich schon ein großes Mädchen bin.

Ich habe verinnerlicht, dass hinter jeder Verfehlung Bedürfnisse stehen. Aus meiner Erfahrung fühlt es sich nicht gut an, um so zu handeln und das schlechte Gewissen auszuhalten und schon gar nicht lohnt es sich, mich mit Schuldgefühlen zu belasten. Ich beobachte mich heute sehr genau, gehe achtsam und behutsam mit mir um und kenne meine Bedürfnisse und Beweggründe. Meine Prinzipien gelten nur für mich, das ist der Weg, den ich bereit bin zu gehen. Ich bin mir sicher, auch du wirst deinen finden.

In diesem Sinne eine schwungvolle Leichtigkeit euch allen. ❤️🌞

© Marion Decker

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