Die gesamtgesellschaftliche Tragik

In den letzten Tagen fühlte ich mich ein wenig verloren. Das Bedürfnis mich einzuigeln, entsprang der Verwirrung, die mich manchmal überfällt, wenn ich ein zu viel an Informationen aufnehme. Mir fehlt dann die Möglichkeit zeitnah zu sortieren, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich falle dann in eine Bewegungslosigkeit, die ich als Depression bezeichnen möchte. Es sind die Phasen, in denen ich mich ängstlich, hilflos und müde fühle. Die Momente des Rückzugs und der Trägheit, der Unentschlossenheit, der Sinnlosigkeit.

Heute bin ich wieder bei mir und kann in Worte fassen, was meine Wahrnehmung prägte. Wenn ich aus meinem Fenster in die Welt schaue, dann sehe ich ein emotionales Desaster. Ich sehe Unstimmigkeiten, die auf Meinungsverschiedenheiten und manchmal auch auf Missverständnissen beruhen. Der Grundtenor ist Angst. Die einen haben Angst vor einem Virus, der seit Monaten als todbringend beschrieben wird, als unberechenbare Seuche, die uns alle ausrotten wird, …wenn wir nicht …! Die anderen haben Angst davor, dass unsere Demokratie aus den Angeln gehoben wird. Ich stelle fest, dass ein gemeinsames Gefühl, wie die Angst, nicht vereint. Jeder bleibt mit seinem Gefühl allein. Angst macht einsam. Sie wird als so existenziell erlebt, dass wir nicht mehr klar denken können. Angst nimmt uns gefangen. Wie jeder einzelne damit umgeht, entscheidet sein Charakter. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen viele Menschen aggressiv nach außen schnauzen andere an und bedrohen diese. Beim Lesen einiger Kommentare, wird spürbar, wie die Worte in die Tastatur gehämmert werden. Wie gleich eine Sicherung durchbrennt und der nächstbeste Gegenstand an die Wand fliegt. Die unkontrollierte Emotion, die nicht mehr in Bahnen geleitet, nicht mehr kompensiert werden kann.

Mir ist klar, dass das die Realität ist. Doch es entspricht nicht meiner Wirklichkeit. Wenn ich mein Fenster wieder schließe und das Leben betrachte, das ich zu leben bereit bin, sehe ich einen Mann an meiner Seite, der ruhig und liebevoll ist, der mich respektiert, wie ich bin. Meine Wahrnehmung fokussiert sich auf drei Hunde, die jeden Tag voller ansteckender Lebensfreude sind. Einen Kater, der mich umgarnt und so charmant meine Aufmerksamkeit wünscht. Ich sehe einen Garten, der mich erfüllt und mit außergewöhnlichen Schönheiten beschenkt. Mein Beruf, der mir Menschen beschert, die bereit sind, sich zu verändern. Die liebevollen Beziehungen zu lieb gewonnen Menschen, die geprägt sind von Empathie und Verständnis und von einem, den anderen so sein lassen, wie er ist. Ich fühle mich reich, in meiner Welt voller Wunder.

Ich merke, dass in der Realität etwas wirklich Wichtiges verloren geht, etwas von großer Tragweite, das Entscheidende.

Es ist die Liebe.

© Marion Decker

Vollmond

Da liege ich, neben mir der Mann, den ich geheiratet habe. Er hat die Decke zurückgeschlagen und liegt auf der Seite, mir zugewandt. Sein Mund ist leicht geöffnet, er atmet leise ein und aus. Die helle Haut seines Körpers glänzt geschmeidig im Mondlicht. Er ist schön, wirkt zart, fast zerbrechlich. Ich sehe ihn so wie er ist, so wie sonst niemand ihn sieht. Einer unserer Hunde liegt hinter dem Bett, er atmet sich mühsam in den Schlaf. Der Andere liegt vor dem Bett, lautlos. Sein schwarzes Fell wirkt, als habe ihn jemand dahin gegossen. Unser dritter Hund, der weiße, ist wie immer unten im Hausflur und bellt leise vor sich hin. Ich weiß, dass er träumt und die Erlebnisse des Tages verarbeitet.

Ich reise in meine Welt der Vergangenheit, Gesichter tauchen auf und wieder ab. Ereignisse holen mich ein, die ich nicht erleben wollte, zeigen sich mir noch einmal ganz deutlich. Ich sehe Menschen, die ich lieber nicht getroffen hätte, Ungerechtigkeiten, Verletzungen, fühle mich benutzter als damals, als mir die Erfahrung fehlte.

Ich liege auf dem Rücken und wische mit der Hand über mein Gesicht, so als wolle ich die Dämonen vertreiben. Ich drehe mich nach rechts und sehe wieder den Mann, den ich geheiratet habe, streife mit meinen Augen über seinen Körper und zeichne seine Silhouette nach, er ist vollkommen. In meinem täglichen Leben vergesse ich oft, wie vollkommen er ist.

Wir haben so viel erlebt und erreicht, in den Jahren, die wir gemeinsam durchs Leben ziehen, dass ich es unmöglich aufzählen kann. Er tut alles für mich, keiner meiner Wünsche ist ihm zu groß, sodass er ihn ablehnen würde. Er stellt mich infrage, wenn es angebracht scheint, ist nachtragend, wenn ich zu streng bin. Große Worte liegen ihm nicht, die Welt da draußen behagt ihm nicht. Seinen Erfolg verdankt er seiner Klugheit, Beharrlichkeit und Besonnenheit. Mein Fels in der Brandung, der, der mich aufrichtet, wenn ich am Boden bin. Er zeigt mir seinen stillen Kummer, seinen leisen Ärger, wenn Platzhirsche ihm sein Revier streitig machen, ebenso, wie seine kindliche Freude. Er ist so echt und lebendig, dass ich ihn spüren kann. Ich liege neben ihm und betrachte ihn, atme ihn ein, bis ich erfüllt bin und den Mond weiterziehen lassen kann. Ich wünsche mir, dass wir noch viele Vollmonde nebeneinander liegen können und schlafe dankbar ein.

© Marion Decker

Meine Ode an die Liebe

Die wahre Liebe ist erwachsen geworden, sie hat den dunklen Unrat hinter sich gelassen…

Die Liebe beschützt, nährt, hegt und pflegt. Sie toleriert, ist friedvoll und ruhig. Die Liebe lässt uns strahlen, umgibt uns mit einer Aura aus hellem Licht. Sie wärmt uns, erfüllt uns, sodass wir überfließen. Sie freut sich mit, fühlt mit, macht uns mutig und öffnet uns. Die Liebe gibt uns Reife und Vernunft, lässt uns wie wir sind, lehrt uns vertrauen. Sie inspiriert uns, macht uns schön, erstaunlich und wundervoll. Sie ist Hingabe und Demut zugleich. Die Liebe weiß, dass alles, was sie gibt, zu ihr zurückkommt, ohne dass sie es erwartet. Sie kennt keinen Mangel, weil sie sicher ist, dass es genug für alle gibt. Liebe fließt, ist Energie, Austausch, ein Tanz der Gefühle. Sie hat keine Angst zu kurz zu kommen, zu wenig abzukriegen oder leer auszugehen. Die Liebe kennt Trauer, Verlust und Ohnmacht auch Wut, Zorn und Verzweiflung. Sie kennt Anspruch und Überforderung, Selbstzweifel und ebenso Einsamkeit. Sie weiß, um das Gefühl nicht zu genügen, das Gefühl schwach, hilflos und klein zu sein. Auch Eifersucht, Lug und Betrug, ist ihr bekannt. Die kalte Wut, die Missgunst mit sich bringt. Sie kennt das Bedürfnis zu prahlen und sich wichtigzumachen, das Gefühl, zu unterdrücken, um die Kontrolle zu behalten. Die wahre Liebe ist erwachsen geworden, sie hat den dunklen Unrat hinter sich gelassen. Sie versteht das alles und gibt uns alles zurück, was wir glaubten, verloren zu haben. Die wahre Liebe ist eine kluge, wohlwollende und loyale Innenschau, das Annehmen des zu Sehenden. Sie ist Wahrnehmen und Entdecken, Umarmung, Herzlichkeit, Freude und Traurigkeit. Jeder hat sie verdient und kann sie, finden wir, brauchen mehr davon.

Inspiriert durch die derzeitigen traurigen weltweiten Ereignisse und auch durch Karolina, Frank und meinen Mann. ❤️❤️❤️

© Marion Decker