Ein Tag am Wasser

Sie trafen sich am Samstag am See, so wie sie es seit einigen Monaten fast immer taten. Obwohl sie sich nicht ähnlich waren, teilten sie diese Gemeinsamkeit, am Wasser Entspannung zu finden. Der Himmel strahlte in diesem Azurblau, das er sonst nur an der Côte d´Azur sah. Die Sonne spiegelte tausend funkelnde Sterne auf die Wasseroberfläche, der Wind wehte sanft glucksende Wellen. Er mochte sie schon lange, ihre Art ihm zuzuhören ohne große Kommentare einzustreuen, wie ihre Zungenspitze beim Nachdenken zwischen den Vorderzähnen verweilte. Ihre Hände bewegten sich wie Schmetterlinge, wenn sie ihren Worten Nachdruck verleihen wollte und flogen hierher und dorthin. Ihre Haut war ebenmäßig und von zahlreichen Sommersprossen übersät. Sobald sie ins Wasser gingen, wickelte sie ihre Haare lässig mit einem Gummiband zusammen. Wenn sie dann in der Sonne getrocknet waren, ließ sie sie wieder frei, und sie ergossen sich in langen dunkelroten Strähnen über ihren Rücken, wie die schlangenförmigen Haare der Medusa.

Doch an diesem Samstag war alles anders. In dem Augenblick, als sich eine kleine Wolke vor die Sonne schob und das Licht sich fast unmerklich veränderte, änderte sich seine Perspektive.

Auf einer Fachtagung für Neurologie sah er sie zum ersten Mal. Sie trat verspätet durch die Tür, und obwohl sie höflich auf jedes Geräusch verzichtete, flogen ihr zahlreiche Blicke zu. Sie war diese Art Frau, deren Ausstrahlung, geprägt durch eine Aura von Geheimnis, Sinnlichkeit und Zartheit, fasziniert. Einmal in ihren Bann gezogen, können sich die Augen der Betrachter nur ganz schlecht wieder von ihr lösen. Als er während einer Pause das Gespräch mit ihr suchte, erfuhr er, dass sie Jasmina heißt und als Krankenschwester in Innsbruck arbeitet. Sie berichtete ihm von ihrem Wunsch, sich beruflich zu verändern und dass sie gerne in die Psychiatrie nach Lindau wechseln wollte. Da er dort als Stationsarzt auf einer Demenzstation arbeitete, bat er sie um ihre Bewerbungsunterlagen, die sie ihm kurz nach der Tagung zukommen ließ.

Er hatte von Kollegen gehört, dass ihre Vergangenheit es nicht gut mit ihr gemeint hatte. Sie soll während der Balkankrise Mitte der 1990er-Jahre, mit weiteren zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verlassen haben.     

Er selbst war in seinem sicheren Hafen aufgewachsen und hatte nach dem Studium als Assistenzarzt in der Neurologie gearbeitet. Später übernahm er die Demenzstation als Stationsarzt und war angekommen, ohne je die großen Hürden des Lebens nehmen zu müssen.  Für ihn war das, was sie möglicherweise erleben musste, schlecht vorstellbar.

Er hatte ihre Zurückhaltung und ihre besonnene Art immer als den in sich gekehrten Teil ihrer selbst gesehen, die sie umgebende Melancholie, als ihr Temperament interpretiert. Wie sie jetzt mit ihm am See saß, ihre schmalen Arme um die schlanken angewinkelten Beine gewickelt, den Blick in die Ferne schweifend, gab ihm eine Ahnung, wie zerbrechlich sie ist. Er nahm die Erfahrungen in ihren Augen wahr, die sich wie Schatten darin ausbreiteten und die Verteilung der Falten in ihrem Gesicht ließ ihn erkennen, wie tief ihr Schmerz saß.

Als er sie direkt auf das anspricht, was sie erlebt hat, erzählt sie ihm von Kindertagen, die sie im Schutz ihrer Familie friedlich verbrachte, von wunderschönen Landschaften und der Adria. Sie spricht von dem kleinen Ort Vučevo in Bosnien-Herzegowina, an der Grenze zu Montenegro, wo sie aufgewachsen ist. Sie verbrachte die meiste Zeit bei den Großeltern, während ihre Eltern in Sarajevo arbeiteten. Ihre Großeltern pflegten die alten Traditionen. So war das hohe Haus aus Holz, in dem sie gelebt haben, in den Wintermonaten erfüllt vom Duft des Lebkuchens, den ihre Oma buk. Ihre Brüder schnitzten mit Opa Holzspielzeug. Sie haben viel gesungen, die alten Erzählungen von Liebe und dem harten Landleben. In den Sommermonaten übte sie mit anderen Kindern die Volkstänze, die sie an Dorffesten den erfreuten, neugierigen Zuschauern vorgetragen haben. Er hört, wie sie tief einatmet, bevor sie weiterspricht.                                                

Sie wusste nichts von Slobodan Milošević, dem serbischen Machthaber, der den ruhigeren Sozialismus Titos mit aller Macht, in eine faschistische Diktatur verwandeln wollte. Sie konnte noch nicht wissen, dass es von jetzt an ein Unglück war, als Kroatin geboren worden zu sein. Woher hätte sie wissen sollen, dass dieser Krieg durch eine Lüge begann, durch falsche Behauptungen darüber, wer den Anfang verursachte. Sie hatte von unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten gehört und von sehr altem, lang andauerndem Zorn. Sie ahnte nicht, dass serbische Soldaten, muslimische Frauen und Kinder von einer Brücke stürzten und solange auf sie schossen, bis sie sicher gehen konnten, dass sie tot waren.        

Ihr fehlte das Wissen darüber, dass Soldaten Männern Hände und Füße abschnitten und sie verminten, um die, die ihnen zu Hilfe eilen wollten, mit in die Luft zu sprengen. Sie zerbombten Krankenhäuser und schossen während der vereinbarten Waffenstillstände immer wieder auf die Zivilbevölkerung und einmal sogar auf am Strand spielende Kinder. Sie spricht vom Krieg, wie sie ihn kommen sahen und doch nicht verhindern konnten. Die Tage seien geprägt gewesen vom Geheul der Sirenen, die sie in Luftschutzbunker rennen oder übereilt in Nachbars Vorratskeller stolpern ließ. Sie sagt, dass sie oft stundenlang im Halbdunkeln gesessen haben und den Detonationen zuhörten. Frauen saßen auf Pritschen, wiegten den Oberkörper vor und zurück und wimmerten, nicht wissend, was da draußen passierte oder was noch da sein würde, wenn sie den Bunker wieder verließen, und wen sie draußen zurücklassen mussten. Sie sah, wie Männer ihren Frauen den Hals durchschnitten, weil sie es nicht ertragen hätten, wären diese von mehreren Soldaten vergewaltigt worden. Sie musste erleben, wie man ihren Landsleuten die Gliedmaße abtrennte und Kreuze in ihre Brustkörper ritzte, bis der Feind, diese halb toten Männer von ihren Brüdern erlösen ließ. Diese Brüder töteten sich nach dem Krieg selbst, weil sie die Last dessen, zu was sie gezwungen wurden, nicht mehr ertragen konnten. Sie hat gesehen, wie ihre gefangen genommenen Schwestern von Schäferhunden gehetzt und später durch sie gedemütigt wurden. Sie spricht von Scham, Pein, Schuld, von Hunger, Todesangst und Ohnmacht. Als sie 17 Jahre alt war, klammerten sich in Tuzla verzweifelte Menschen an UNO Lastwagen. Der Bürgerkrieg hatte alles zerstört, es gab kein Haus, das noch bewohnbar war, viele Menschen hatten ihre Heimat schon verlassen. Einige alte Frauen standen noch mit den wenigen Dingen, die ihnen geblieben waren am Straßenrand und warteten, dass jemand sie mitnahm. Sie packte den Rest ihres früheren Lebens in zwei Plastiktüten und machte sich auf den Weg, weg von den Bomben, Minen und am Straßenrand aufgetürmten Leichen, möglichst weit weg.

Seine Augen auf den See gerichtet, ihren leisen Worten folgend, entstehen in ihm Bilder von Stürmen, die Wellen schlugen und manchmal so hoch waren, dass sie darunter verschwunden ist, dass sie froh war, abzutauchen und unsichtbar zu werden und doch gleichzeitig die Angst verspürte darin zu ertrinken. Er sieht ruhigere Fahrwasser, in denen sie  sich sicher fühlte, bis die Sicherheit nachgab und sie sich an ein Floß klammerte, um gefühlte Ewigkeiten auf dem seichten Meer zu treiben, von der Sonne gewärmt, bis sie sie verbrannte.                                                                                                                       Vor seinem geistigen Auge erscheinen Augenblicke, in denen sie strandete, auf dem Trockenen lag, fernab von jeder Nahrungsquelle. Momente, in denen nur noch Dunkelheit herrschte, die in sie hochkroch, sie einnahm und sich allein auf dieser Welt fühlen ließ. Er erahnte Orte, die so kalt waren, dass ihre Muskeln fast ihr Skelett brachen, spürte wie sie selbst zu Wasser wurde, weich fließend, sich der Strömung hingab. Bei harter Brandung wich sie geschickt zurück, ihren Blick nach vorn gerichtet, geradeaus, immer weiter. Ihr war klar, dass sie versumpft, wenn sie stehen bleibt, alles um sie herum würde trüb und modrig.

Während sie ihn mit ihrer Sanftheit in ihre Geschichte eintauchen lässt, ihn mitnimmt und führt, als würde sie seinen Kopf über dem Wasser halten, spürt er das Leid, das sie umgibt mit aller Kraft, bis es zu seinem eigenen wird und sie eins werden.

Als sie ihre Erzählungen beendet, weint er eine ganze Weile, trockene, heiße, stille Tränen, die hart in sein Herz tropfen und es anschwellen lassen, bis er wieder ruhiger wird. Er hat das Bedürfnis sie in den Arm zu nehmen. Doch als er sie so von der Seite betrachtet, sieht er, wie ihr Blick in die Ferne gerichtet ist, weit weg, vermutlich hin zu dem kleinen Örtchen Vučevo in Bosnien und Herzegowina. Wahrscheinlich wurde ihre Heimat wiederaufgebaut und der Tourismus boomt. Aber sie wird es nie wiedersehen, nie erleben, denn es gibt dort niemanden mehr, der sich an sie erinnern würde. Die wenigen Menschen, die zurückgegangen sind, haben sich verändert, das, was sie erleben mussten, hat sie verändert und all die anderen Menschen gibt es nicht mehr.

Er versinkt in seine eigene Geschichte, seine Kindheit, die wie ein schmaler Gebirgsbach dahinplätscherte, denkt an die Geborgenheit, die er erleben durfte. Seine Mutter, die stets ein offenes Ohr für ihn hatte und sein Vater, der ihn mit milder Stärke führte, um ihm seine Werte nahezubringen. Nach dem Abitur bekam er das erste Auto, dann das bestandene Studium, der Stolz seiner Eltern, der ihn für immer begleiten wird.

Als der Himmel über dem See sich an diesem Tag langsam rötlich verfärbt, ist er erfüllt von einer Dankbarkeit, die er in sich bewahren wird.

© Marion Decker

Bild: Alexas Fotos auf Pixabay

Ein Tag am Wasser audio

Wieder liest die fabelhafte Sabine König (Sängerin und Sprecherin), mit ihrer wolklingenden Stimme und ihrem Charisma eine meiner Geschichten und macht sie damit zu etwas ganz Besonderem. Es geht um Krieg, Verfolgung und Flucht, um das was Menschen weltweit erleiden müssen und um die heilsame Wirkung des Mitgefühls.

Wer mehr über Sabine König wissen möchte: www.sabinekoenig.info

Ein Tag am Wasser von Marion Decker

Bild: janeb 13 auf pixabay

Lesbos

Während wir uns mehr oder weniger an einer Infektionskrankheit, namens Corona abarbeiten, haben sich in Europa echte Probleme entwickelt, ich spreche von Lesbos. Die schöne griechische Insel, die 10 km Meeresweg von der Türkei entfernt liegt, kollabiert. Schön war sie bis 2015, als der Tourismus dort boomte. Seit 2015 nimmt die Insel flüchtende Menschen in ihren Auffanglagern auf und platzt aus allen Nähten.

Der türkische Diktator und Machthaber Erdogan erzürnte sich darüber, dass die Europäische Union sich nicht an das 2016 geschlossene Abkommen halte und nur unzureichende Zahlungen an die Türkei leiste, die diese Gelder für ihre eigenen Auffanglager zu nutzen vorgibt. Seit Samstag fühlte er sich dazu bewogen, verbreiten zu lassen, dass die Europäischen Grenzen nun geöffnet seien und so machten sich wieder vermehrt Menschen auf den Weg, die vor Terror in ihren Heimatländern flüchten. Zu den derzeit flüchtenden zählt man Menschen aus Afghanistan, Afrika, aber allen voran Menschen aus Syrien. Die Menschen aus Syrien müssen ihr Land verlassen, weil Putin und Erdogan sich dort austoben, als würden sie ein Computerspiel spielen. Zwei riesige Egos, die Syrien entschlossen in einen Kriegsschauplatz verwandeln, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Putin unterstützt den syrischen Machthaber Assat bei Kämpfen um die Provinz Idlib und das türkische Militär die Rebellen, die gegen Assat kämpfen.

In Lesbos entstand 2015 unter anderem das Auffanglager Moria, das für 3.000 Menschen gedacht war. Mittlerweile sind dort 17.000 Menschen untergebracht. 2015 strandeten dort 500.000 Menschen pro Jahr, 2019 waren es nur noch 3.000 und seit Samstag suchten schon 1.400 Menschen dort Schutz. Nun kollabiert Lesbos. Seit 2015 hielten sich dort noch 5 private Hilfsorganisationen wie „Sea Watch“ und „Ärzte ohne Grenzen“ auf, um humanitäre Hilfe zu leisten, die haben die Insel mittlerweile verlassen, weil nationalistische Schlägertrupps ihnen die Arbeit zunehmend erschwerten und sie bedrohten. Sie mussten das Feld, der europäischen Agentur für Grenzschutz „Frontex“ und der Küstenwache überlassen, die die flüchtenden Menschen, in den Schlauchboten jetzt zunehmend, per „Push Backs“ in nicht europäische Gewässer zurückdrängen, was rechtswidrig ist. Einen Rechtsweg gibt es auf Lesbos allerdings schon lange nicht mehr. Dort halten sich noch ein paar freiwillige Helfer auf, die „NGOs“, oder „Medical Volunteers“, die ebenfalls zunehmend bedroht werden. Es gab einige Einwohner auf Lesbos, die sich für Flüchtlinge einsetzten und sie unterstützten, sie sind jetzt allerdings verärgert, weil sie zunehmend bestohlen wurden. Jetzt sehen wir griechische Einheimische, die vehement versuchen, die Flüchtenden zurückzudrängen und zu vermeiden suchen, dass die Menschen an Land kommen.

Die Zustände im Auffanglager Moria sind unbeschreiblich. Menschen leben in Zelten und versuchen sich mit kleinen Gasbrennern warmzuhalten. Dadurch geraten immer wieder Zelte in Brand und erfassen andere, oder die Menschen sterben an Kohlendioxidvergiftung. In Containern leben, bis zu vier Familien , in jeder Ecke des Containers eine. Viele Menschen leben dort schon seit 5 Jahren, weil Asylanträge nicht bearbeitet werden. Die Situation ist aussichtslos. Alles ist nass, es stinkt, Müllberge türmen sich auf. Die sanitären Anlagen sind in katastrophalen Zuständen. Frauen werden vergewaltigt, es kommt immer wieder zu Schlägereien. Über tausend unbegleitete Kinder und Jugendliche sind diesen ständigen Eskalationen schutzlos ausgeliefert. Frustrierte Menschen in Moria machen ihrem Unmut Luft und werden von griechischem Militär, mit Tränengas beschossen. Die griechische Zivilbevölkerung geht auf die Barrikaden, es ist ein absolut instabiler Hexenkessel entstanden, der jeder Zeit eskalieren kann.

Parwana ist ein 17 Jahre altes Mädchen aus Afghanistan, die ehr gut englisch spricht, deshalb gibt sie ehrenamtlich Schulunterricht. Eine Hilfsorganisation gab ihr ein Handy und eine Internetplattform, damit sie ihre Eindrücke in einem Blog in Worte fassen und in die Welt schicken kann, damit alle erfahren, was dort passiert. Sie schreibt:

„Wir sind hier allein und es gibt keine Liebe. Ich bin der einsamste Mensch der Welt. Wir haben niemanden, der uns beschützt, deswegen denken wir an Suizid oder landen in der Drogenabhängigkeit“.

Annegret Kramp Karrenbauer denkt an wirtschaftliche Sanktionen gegen Putin und Erdogan. Horst Seehofer plädiert dafür, Kinder und Jugendliche aufzunehmen und Ursula von der Leyen will 7.000.000 Euro aus EU Ländern bereitstellen. Es muss dringend etwas passieren, die Menschen brauchen Hilfe und unsere griechischen Nachbarn müssen entlastet werden, jetzt reichen allerdings keine homöopathischen Dosen mehr.

Marion Decker

Foto von Skeeze auf Pixabay

Der traumatisierte Balkan

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft nur einfach keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt…

30. Dezember 2018

Ich hörte dieser Tage ein Buch. Die Geschichte von Ismet Prcic, der mir auf seine eindrucksvolle Art beschreibt, was während der Balkankrise passierte. Wie aus Jugoslawien, Bosnien – Herzegowina, Serbien und Kroatien wurde. Er beschreibt, was er selbst erlebte und was das Erlebte mit ihm gemacht hat. Wie er und seine Landsleute über Generationen traumatisiert wurden und zu was Menschen fähig sind. Ich las früher schon einen Spiegel Artikel über diesen Krieg, daher hatte ich schon eine Vorstellung von dem unerträglichen Leid, das dort passierte, aber Ismets Geschichte treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine leise für eine sehr lange Zeit vor mich hin.

Ismet schreibt vom Krieg, von Sirenen und Luftschutzbunkern, von nächtlichen Angriffen und übereilten Treffen in Kellern. Er beschreibt Frauen, die auf Pritschen sitzen und weinend ihren Oberkörper hin und her wiegen, nicht wissend was da draußen passiert, oder was noch da ist, wenn sie den Bunker wieder verlassen. Er schreibt über näher kommende Detonationen. Er erzählt mir von unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, von sehr altem, lange währenden Zorn. Ismet lässt mich wissen, wie manche Männer ihren Frauen den Hals durchschnitten, weil sie nicht ertragen hätten, wären diese von mehreren Männern vergewaltigt worden. Ismet schildert mir, wie die Gegner dem Feind Gliedmaße abtrennten und Kreutze in ihre Körper ritzten, bis sie den Feind von seinem Bruder erlösen ließen. Er sagte mir, dass diese Brüder sich nach dem Krieg selbst töteten, weil sie die Last dessen, zu was sie gezwungen wurden, nicht mehr ertragen konnten. Ismet spricht darüber, wie gefangen genommene Feindinnen sich Schäferhunden hingeben mussten. Er spricht von Scham, Pein, Schuld, Zorn, von Hunger, Todesangst und Verzweiflung.

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft einfach nur keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf, weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt. Die Geschichte von Ismet ist austauschbar. Es ist die gleiche Geschichte, die auch Menschen in Libyen, Syrien, Iran, Irak, Afghanistan und Afrika erleben. Es ist die Geschichte, wenn uralte Glaubenskonflikte, uralte Überzeugungen, die Einzig richtigen sind und Toleranz ein Fremdwort ist. Eine Geschichte, die auf dem Boden kapitalistischer Mächte wächst, die den Hals nicht voll kriegen und das Drama durch Waffenlieferungen am Laufen halten.

Die Macht dieser tiefen traumatischen Einschnitte, wie Ismet oder viele andere Menschen sie erleben müssen, macht mich betroffen und traurig. Manch einer bezeichnet mich als „Gutmensch“, weil ich befürworte, dass Menschen, die in ihrem Heimatland massiv bedroht werden, die Zuflucht und Sicherheit bei uns suchen, diese auch erhalten sollten. Mit immer größer werdender Abscheu betrachte ich die Mitmenschen, die gegen Flüchtlinge wettern, und unsere Verantwortung und unsere eigene Geschichte verdrängen. Sie verwirken für mich heute ganz klar die Berechtigung in unserer schönen Demokratie zu leben.

In diesem Sinne, ein gesundes, sattes, zufriedenes und friedliches neues Jahr Euch allen. ❤️🙏

Frollein Rottenmeier