Nicht wissend,

wie ich anfange, das hier zu schreiben, setze ich mich auf die Terrasse und lasse mich von einem unserer Hunde inspirieren. Es ist der Hund, der stets jammert. Dieser Unmut hat sich eingeschlichen, er kam nicht über Nacht. Wir ließen ihn darin gewähren und unterbanden es einfach nicht. Die Gründe für seine Unzufriedenheit sind vielzählig und mittlerweile wurde daraus Gewohnheit.

Unsere Gesellschaft hat sich entwickelt und verändert. Das soziale Gefüge ist ein anderes geworden. Wir grenzen uns ab, lassen andere nicht mehr so nah an uns heran, wie es in einer schönen Gemeinschaft möglich wäre. Das, was wir von uns preiszugeben, bereit sind, ist ein Bild, dem wir gerne entsprechen möchten, vielleicht, weil wir glauben, dass es von uns erwartet wird.

Täglich bekommen wir auf dem Präsentierteller angerichtet, was richtig und falsch ist. Irgendwer erklärt uns, warum gesunde Ernährung, die einzig Richtige ist und warum, Antioxidantien den Alterungsprozess aufzuhalten vermögen. Ein paar (Power) Asanas pro Tag, schützen uns vor lebensbedrohlichen Herz,- Kreislauferkrankungen. Die Sonne gilt es zu meiden, und stattdessen sollten wir unseren Vitamin D Spiegel mit Vigantolvit heben. Führt die Prostata ihr Eigenleben, hilft Viagra zu mehr Stehvermögen. Vitalität scheint die Anforderung dieses Jahrhunderts zu sein. Wer dem Siechtum verfällt, trägt einfach selbst Schuld, zu bequem, zu undiszipliniert und seinen schlechten Gewohnheiten hilflos ausgeliefert …schwach.

Erfolg ist das Zauberwort in aller Köpfe. Wurden wir vor einigen Jahren noch an dem gemessen, was wir haben, liegt das Augenmerk heute darauf, was wir zu sein scheinen oder vorgeben zu sein. Es geht oft nur darum, wie mir jemand nützlich sein kann, wie ich an dem, was ein anderer augenscheinlich erreicht hat teilhaben kann.

Nach der großen Welle des Individualismus, sind wir nun dazu übergegangen, jeden auszugrenzen, der aus der Reihe tanzt. Aus dem schwarzen Schaf wurde der Anpassungsgestörte, der Eigenbrötler ist jetzt ein Soziopath und die Introvertierten haben eine autistische Persönlichkeitsstörung. Der asoziale Teil unserer Gesellschaft ist nun der, der nicht alles mitmachen möchte, nicht jeder Strömung folgt. Die großen Alltagshelden unserer Zeit sind die, die sich bestmöglich an das System anpassen.

Was stört wird eingeordnet und mit einem Aufdruck versehen, alles wird schwarz-weiß betrachtet, das spart Zeit. Kritiksucht ist riesig, die eigene Überheblichkeit unschlagbar. Den meisten Menschen gelingt es nicht mehr zuzuhören. Eine andere Meinung diskreditiert sie so sehr, dass sich Empörung breit macht. Einsicht oder Nachgeben, ist zu einer Schwäche geworden, die es zu vermeiden gilt, um tunlichst im Recht zu bleiben. Wir denken zu viel und fühlen zu wenig, reden zu oft ohne zu Handeln.

Empathie hat sich zu einem Phänomen entwickelt. Ein Attribut aus einer längst vergangenen Zeit. Die Gabe, sich in einen anderen hineinzuversetzen, seine Beweggründe zu verstehen versuchen, wurde verzichtbar, zu gefährlich sich berühren zu lassen. Stattdessen nimmt sich fast jeder als Mittelpunkt des Daseins wahr, mit eigenen Problemen, die so wichtig sind, eigenen Regeln und dem Recht auf Anerkennung all dessen. Aus dem ehemaligen Wunsch nach Individualismus wurde Egoismus. ICH, ist das Wort, das jeder Verständigung im Wege steht.

Aus, mein Haus, mein Auto, mein Feriendomizil, wurde meine Meinung, meine Befindlichkeiten, mein Lebensinhalt. Mir kommt das Wort Demut in den Sinn, dessen Bedeutung ebenso überfrachtet ist, wie die Bedeutung der Worte Liebe oder Glück. Viele Menschen sind auf der Suche danach, ohne zu wissen, was sie da eigentlich zu finden glauben. Es ist diese Haltung des Zurücknehmens, des Erkennens, nicht der Nabel der Welt zu sein, sondern ein winziger Teil des großen Ganzen. Atmen …Fühlen … Geschehen lassen, keinen Einfluss nehmen, nicht kontrollieren.

Ich habe diesen Wunsch, dass wir alle von unseren hohen Rössern hinabsteigen, einen Blick wagen, in die Gefühlswelten der Menschen, die uns umgeben, dass wir den Mut finden echte Verbundenheit herzustellen. Ich wünsche mir, dass wir diese Solidarität, die so plötzlich aus uns herausgebrochen ist, anderen, frei von Eigennutz zu helfen, kultivieren. Gemeinsam haben wir die Möglichkeit große Hürden zu nehmen, nur gemeinsam werden wir stark sein.

© Marion Decker

Pic: Geralt 23110 Pixabay

Innenschau

Ich öffne die alte Fotokiste und lasse mich bewegen, reise rückwärts in mein bewegtes Leben. Was war ich auf der Suche, brauchte so viele intensive Gefühle und so unglaublich viel Zeit darüber nachzudenken. Wie oft ich mich verloren habe. Ich habe zutiefst geliebt und musste feststellen, dass ich weder mit diesem Menschen- noch ohne ihn konnte. Die ganzen Berg- und Talfahrten, die selbst gewählte Abhängigkeit. So viele Peinlichkeiten, in Situationen für die ich mich schämte. Gewissensbisse, weil ich mich selbst tadelte. Meine unbändige Wut, die sich stets gegen mich selbst wandte. Meine Unfähigkeit auszusprechen, wie ich fühle, oder meine Bedürfnisse wahrzunehmen. Trotz und Schmollen war meine Hauptreaktion. Dieses Gefühl nicht verstanden zu werden, mein Grundtenor. So oft ertrunken in einem Tränenmeer. Ich war ehrgeizig und perfektionistisch, wollte besser sein, als andere, erledigte Aufgaben lieber selbst, als sie zu delegieren, bis das Feuer ausging.

Heute bin ich der ruhige Fluss, an dem das Ufer voller Blumen ist. Ich neige dazu, zutiefst mitzufühlen, nicht wenn sich jemand gerne selbst reden hört, sondern wenn ein Mensch von einem seiner Schicksalsschläge getroffen wurde. Die abendliche halbe Stunde am Teich hilft mir, die Eindrücke des Tages von mir abzustreifen, mich zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Die Hunde haben mich zu dem besseren Menschen gemacht, der ich ohne sie niemals geworden wäre. Wenn mir ein Mensch imponiert vergleiche ich mich zuweilen immer noch, dann rüttle ich mich wach und finde wieder zu mir. Mein Aussehen ist mir immer noch wichtig, doch es bestimmt mich nicht mehr. Wenn es mir gut geht, fühle ich mich unwiderstehlich, wenn nicht, sorge ich dafür, dass es mir wieder gut geht. Es ist mir wichtig Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen, allerdings nicht mehr für das Handeln anderer. Ich rechtfertige mich nicht mehr, weil ich keine Schuldgefühle mehr habe. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, stehe ich dazu, weil ich weiß, dass es menschlich ist. Ich befürchte keine Konsequenzen, die ich nicht tragen würde. Von Zeit zu Zeit glaube ich immer noch, „Es“ besser zu wissen, lasse mich allerdings auch eines Besseren belehren. Trete ich jemandem zu nahe, versuche ich das in Zukunft zu vermeiden. Gelingt mir das nicht, akzeptiere ich diesen Teil von mir. Wenn mir jemand „Auf den Sack“ geht, kann ich das unverblümt sagen, mag man mich dann nicht mehr, lerne ich damit zu leben. Es ist mein Recht Menschen zurückzuweisen, die meine Grenze überschreiten. Ich bin ehrlich, auch zu mir selbst, was mich melancholisch stimmen kann. Niemand spannt mich mehr vor seinen Karren, wer mich benutzt, bekommt meinen Groll zu spüren. Was mir nicht guttut, darf weiterziehen, ich halte nichts mehr fest, um meine Dramen zu feiern. Je älter ich werde, umso zickiger werde ich, es sind die Momente, über die ich eifrig hinwegsehe. Es interessiert mich nicht mehr, was andere über mich denken, denn das einzige was zählt, ist wie ich selbst über mich denke. Die Traurigkeit, die mich mein Leben lang begleitete, weicht einer Gleichgültigkeit. Ich akzeptiere, dass alles was passiert ist, nicht zu ändern ist. Die Sorgen und Ängste, die mich ein Leben lang tyrannisierten, sind meinem Vertrauen gewichen, dass alles gut wird. Ich genieße bestimmte Momente im Leben intensiver, das Gespräch mit einem vertrauten Menschen, bereichert mich lange. Einem geschätzten Menschen eine Freude bereiten, empfinde ich als die größte Bereicherung. Ich war immer bestrebt besonders zu sein, das ist nicht mehr nötig, weil ich weiß, dass jeder Mensch besonders ist.

Ich bin in meinem Lebensherbst angekommen und habe mich mit mir versöhnt, das empfinde ich als sehr tröstlich und entspannend.

© Marion Decker

Alles wird anders werden …

Ich sah dieser Tage den Film „Bohemian Rhapsody“, die Geschichte über die Rockband Queen und vor allem über deren außerordentlich begabten Leadsänger, Freddie Mercury. Ich durfte noch einmal in eine andere Zeit abtauchen. Zum Ende des Films sieht man Live Aufnahmen des Queen Auftritts bei Live Aid, von Bob Geldof ins Leben gerufen. Die Idee war, die Erlöse der Konzerte, für die hungernden Menschen in Äthiopien zu spenden. Durch den Auftritt der Band „Queen“ waren die Einnahmen auf 1 Millionen Dollar gestiegen und insgesamt erzielte das Event 102,3 Millionen Dollar. Freddy Mercury, war zu dem Zeitpunkt schon an Aids, wie man es damals nannte, erkrankt und starb kurz darauf, im Alter von 41 Jahren. Das Virus HIV, so nennen wir es heute, ist eine Immunschwäche, die über das Blut übertragen wird, Zwischen 2001 – 2018 infizierten sich 37,9 Millionen Menschen damit. Weltweit starben zwischen 2001 – 2018, 2,3 Millionen Menschen daran. Es gibt mittlerweile Medikamente, die die Lebenszeit- und Qualität verlängern und verbessern, aber nicht heilen. Seit 2001 – 2018 infizieren sich weltweit 1,7 Millionen Menschen erneut mit HIV.

Seit 2019 haben wir es mit einem Virus zu tun, der nicht nur über den Blutweg übertragen wird, sondern über den Speichel. Covid-19, hat dadurch einen Übertragungsvorteil, der nicht mehr nur Randgruppen oder Minderheiten und die armen Menschen in Afrika trifft, sondern uns alle. Das Virus lässt und erkennen, dass wir verletzbar sind, verwundbar und sterblich. Wir stellen fest, dass Covid-19, uns mehr denn je, enger zusammenrücken lässt, nicht körperlich, aber im Geiste. Wir erkennen plötzlich eine Ähnlichkeit, die uns zuvor gar nicht bewusst war, wir erkennen jetzt, dass wir alle sterblich sind. Plötzlich finden wir Gemeinsamkeiten, die wir vorher nicht sahen. Wir sorgen uns alle um unsere Angehörigen. Fast alle bleiben zu Hause, viele von uns befinden sich in Kurzarbeit und müssen nun mit 60  – 67 % ihres zuvor verdienten Einkommens auskommen. Wir erleben eine Einschränkung unserer vorherigen finanziellen Leistungsfähigkeit, von 40 %, eine Einschränkung, die bei einer Verkäuferin im Einzelhandel, sehr viel Bedeuten kann. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir chirurgischer Orthopäde sind und unsere lukrativen Hüft- und Kniegelenksoperationen nun, den an Corona erkrankten weichen müssen, weil wir alle Betten brauchen. Es ist egal geworden, ob wir Multimillionär sind, der viel Geld in Aktienpapiere investiert hat. Unwichtig, ob wir eine kleinere Firma haben, die sich die betriebliche Schließung gerade nicht leisten kann. Selbst wenn wir uns in unserer wohlverdienten Altersruhe befinden und unsere Schäfchen, mehr oder minder im Trockenen haben, wird uns klar, dass wir uns in einem Alter befinden, das uns automatisch zur Risikogruppe werden lässt und wir nicht wissen, ob wir das hier überleben werden. Die existentielle Bedrohung wird von uns allen gleich erlebt, sowohl körperlich, als auch wirtschaftlich.

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die keiner von uns in dieser Intensität und Dauer erlebt hat. Wir haben eine Notstandssituation, ohne dass der Notstand ausgerufen wurde. Wir beugen uns keinen Verboten, sondern Empfehlungen. Wir machen jede dieser Empfehlungen mit, weil sie vernünftig klingen. Wer nicht mitmacht, wird gesellschaftlich geächtet, nicht per Gesetzgeber. Die Presse füttert uns mit stündlich neuen Informationen über statistische Zahlen, Ratschläge für das richtige Verhalten, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, zeigen sie uns auf 20 verschiedenen Sendern, menschenleere Plätze und intonieren gebetsmühlenartig:“ Hier ist alles menschenleer, keine Menschen mehr …“!  Unsere Verunsicherung wächst verständlicherweise, denn die Informationsflut ist von so unterschiedlicher Bedeutung und Tragweite, dass wir gar nicht mehr erkennen, wem wir Glauben schenken können. 

Spürbar, wird nun dieser Tage, eine große Solidarität. Menschen gehen für ihre, sich in Quarantäne befindenden Nachbarn, oder die alte Dame nebenan einkaufen und stellen ihnen die Einkäufe vor die Tür. Man organisiert sich im Netz und bildet Koalitionen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Wir beginnen den sozialsten Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen, unsere Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Wir hören deren Forderungen nach einem verdient höheren Einkommen, endlich zu und sehen das genauso. Es kristallisiert sich derzeit ein Zusammenhalt, der sich zunehmend entfernt von dem früheren, sich selbst der Nächste zu sein. Wir beginnen zusammenzuwachsen, es wird wärmer in unserem Land und wer weiß, vielleicht können wir etwas lernen aus dieser Situation. Vielleicht führt die erzwungene Entschleunigung, das Besinnen, auf das was wirklich wichtig ist, langfristig, zu mehr Miteinander und gegenseitiger Unterstützung, zu Nächstenliebe, Wertschätzung, Achtung und Aufmerksamkeit.

Marion Decker

Was wirklich wichtig ist

Ich surfe bei Zeiten durchs Netz und schaue, was meine Freunde, Bekannten und auch die vielen Menschen, die ich gar nicht kenne, die dennoch mein Interesse geweckt haben, so machen. So sehe ich euch fast täglich, nicht müde werdend gegen allerlei Hetzpostings aufbegehrend, mutig dagegen haltend, sich aufreibend in der Argumentation gegen die, die sich augenscheinlich nach einem anderen politischen System, als unserem demokratischen sehnen. Ich finde es immer noch richtig in den Diskurs zu gehen, mit denen, die die Verantwortung für ihr eigenes Leben abgeben, um die Schuld bei anderen zu finden und ihre Wut hinaus zu grölen. Ich finde es immer noch richtig, sich den Leugnern der Klimakatastrophe entgegenzustellen und Rückrat zu zeigen. Ich selbst bin müde geworden und fühle mich zunehmend unwohl, in diesem Kampf, bei dem es keine Gewinner gibt. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass alle diese Menschen, die deutlich erkennbare Unwahrheiten teilen, selbst glauben, dass sie der Wahrheitsfindung dienen. In der folgenden Diskussion dann, beharren sie einfach stur weiter darauf, werden am Ende frech und erreichen ein beschämendes Niveau, das ich eher in einem Kindergarten erwarten würde. Ich bin müde geworden, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie die Verantwortung für ihr eigenes Leben, bei anderen suchen, bei unseren Politikern, bei Greta, bei Asylsuchenden … Die den Disput ihres eigenen Lebens, ihre stete Unzufriedenheit und eigene Belanglosigkeit, jeden Tag, im Wettstreit mit anderen nach außen tragen.

Der Sommer atmet aus und ich beginne mich zu fragen, was wirklich wichtig ist und finde ein paar Antworten, die zuvor nicht so präsent waren. Mir ist enorm wichtig, dass ich den Menschen, die mir nahe stehen vertrauen kann. Mir ist wichtig, mich durch meine Sprache sauber auszudrücken und drohende Missverständnisse zu klären. Ich habe immer noch ein großes Bedürfnis nach Harmonie. Ich schätze Gleichklang und Sicherheit. Gesundheit ist mir wichtig, weil ich merke, wie mit ihrem Schwinden meine Lebensqualität abnimmt. Gute Beziehungen, zu den wenigen Menschen, von denen ich mich umgeben sehe sind mir sehr wichtig. Dann noch ein wenig Musik, etwas Gesang, ein bisschen Malerei und Handwerk und fruchtbare Gedanken. All das ist so wichtig für mich wie ein gutes Essen, ein schmackhafter Wein, küssen, Liebe, Umarmungen, Zuhören und gehört werden.

Marion Decker