Alles wird anders werden …

Ich sah dieser Tage den Film „Bohemian Rhapsody“, die Geschichte über die Rockband Queen und vor allem über deren außerordentlich begabten Leadsänger, Freddie Mercury. Ich durfte noch einmal in eine andere Zeit abtauchen. Zum Ende des Films sieht man Live Aufnahmen des Queen Auftritts bei Live Aid, von Bob Geldof ins Leben gerufen. Die Idee war, die Erlöse der Konzerte, für die hungernden Menschen in Äthiopien zu spenden. Durch den Auftritt der Band „Queen“ waren die Einnahmen auf 1 Millionen Dollar gestiegen und insgesamt erzielte das Event 102,3 Millionen Dollar. Freddy Mercury, war zu dem Zeitpunkt schon an Aids, wie man es damals nannte, erkrankt und starb kurz darauf, im Alter von 41 Jahren. Das Virus HIV, so nennen wir es heute, ist eine Immunschwäche, die über das Blut übertragen wird, Zwischen 2001 – 2018 infizierten sich 37,9 Millionen Menschen damit. Weltweit starben zwischen 2001 – 2018, 2,3 Millionen Menschen daran. Es gibt mittlerweile Medikamente, die die Lebenszeit- und Qualität verlängern und verbessern, aber nicht heilen. Seit 2001 – 2018 infizieren sich weltweit 1,7 Millionen Menschen erneut mit HIV.

Seit 2019 haben wir es mit einem Virus zu tun, der nicht nur über den Blutweg übertragen wird, sondern über den Speichel. Covid-19, hat dadurch einen Übertragungsvorteil, der nicht mehr nur Randgruppen oder Minderheiten und die armen Menschen in Afrika trifft, sondern uns alle. Das Virus lässt und erkennen, dass wir verletzbar sind, verwundbar und sterblich. Wir stellen fest, dass Covid-19, uns mehr denn je, enger zusammenrücken lässt, nicht körperlich, aber im Geiste. Wir erkennen plötzlich eine Ähnlichkeit, die uns zuvor gar nicht bewusst war, wir erkennen jetzt, dass wir alle sterblich sind. Plötzlich finden wir Gemeinsamkeiten, die wir vorher nicht sahen. Wir sorgen uns alle um unsere Angehörigen. Fast alle bleiben zu Hause, viele von uns befinden sich in Kurzarbeit und müssen nun mit 60  – 67 % ihres zuvor verdienten Einkommens auskommen. Wir erleben eine Einschränkung unserer vorherigen finanziellen Leistungsfähigkeit, von 40 %, eine Einschränkung, die bei einer Verkäuferin im Einzelhandel, sehr viel Bedeuten kann. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir chirurgischer Orthopäde sind und unsere lukrativen Hüft- und Kniegelenksoperationen nun, den an Corona erkrankten weichen müssen, weil wir alle Betten brauchen. Es ist egal geworden, ob wir Multimillionär sind, der viel Geld in Aktienpapiere investiert hat. Unwichtig, ob wir eine kleinere Firma haben, die sich die betriebliche Schließung gerade nicht leisten kann. Selbst wenn wir uns in unserer wohlverdienten Altersruhe befinden und unsere Schäfchen, mehr oder minder im Trockenen haben, wird uns klar, dass wir uns in einem Alter befinden, das uns automatisch zur Risikogruppe werden lässt und wir nicht wissen, ob wir das hier überleben werden. Die existentielle Bedrohung wird von uns allen gleich erlebt, sowohl körperlich, als auch wirtschaftlich.

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die keiner von uns in dieser Intensität und Dauer erlebt hat. Wir haben eine Notstandssituation, ohne dass der Notstand ausgerufen wurde. Wir beugen uns keinen Verboten, sondern Empfehlungen. Wir machen jede dieser Empfehlungen mit, weil sie vernünftig klingen. Wer nicht mitmacht, wird gesellschaftlich geächtet, nicht per Gesetzgeber. Die Presse füttert uns mit stündlich neuen Informationen über statistische Zahlen, Ratschläge für das richtige Verhalten, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, zeigen sie uns auf 20 verschiedenen Sendern, menschenleere Plätze und intonieren gebetsmühlenartig:“ Hier ist alles menschenleer, keine Menschen mehr …“!  Unsere Verunsicherung wächst verständlicherweise, denn die Informationsflut ist von so unterschiedlicher Bedeutung und Tragweite, dass wir gar nicht mehr erkennen, wem wir Glauben schenken können. 

Spürbar, wird nun dieser Tage, eine große Solidarität. Menschen gehen für ihre, sich in Quarantäne befindenden Nachbarn, oder die alte Dame nebenan einkaufen und stellen ihnen die Einkäufe vor die Tür. Man organisiert sich im Netz und bildet Koalitionen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Wir beginnen den sozialsten Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen, unsere Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Wir hören deren Forderungen nach einem verdient höheren Einkommen, endlich zu und sehen das genauso. Es kristallisiert sich derzeit ein Zusammenhalt, der sich zunehmend entfernt von dem früheren, sich selbst der Nächste zu sein. Wir beginnen zusammenzuwachsen, es wird wärmer in unserem Land und wer weiß, vielleicht können wir etwas lernen aus dieser Situation. Vielleicht führt die erzwungene Entschleunigung, das Besinnen, auf das was wirklich wichtig ist, langfristig, zu mehr Miteinander und gegenseitiger Unterstützung, zu Nächstenliebe, Wertschätzung, Achtung und Aufmerksamkeit.

Marion Decker

Was wirklich wichtig ist

Ich surfe bei Zeiten durchs Netz und schaue, was meine Freunde, Bekannten und auch die vielen Menschen, die ich gar nicht kenne, die dennoch mein Interesse geweckt haben, so machen. So sehe ich euch fast täglich, nicht müde werdend gegen allerlei Hetzpostings aufbegehrend, mutig dagegen haltend, sich aufreibend in der Argumentation gegen die, die sich augenscheinlich nach einem anderen politischen System, als unserem demokratischen sehnen. Ich finde es immer noch richtig in den Diskurs zu gehen, mit denen, die die Verantwortung für ihr eigenes Leben abgeben, um die Schuld bei anderen zu finden und ihre Wut hinaus zu grölen. Ich finde es immer noch richtig, sich den Leugnern der Klimakatastrophe entgegenzustellen und Rückrat zu zeigen. Ich selbst bin müde geworden und fühle mich zunehmend unwohl, in diesem Kampf, bei dem es keine Gewinner gibt. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass alle diese Menschen, die deutlich erkennbare Unwahrheiten teilen, selbst glauben, dass sie der Wahrheitsfindung dienen. In der folgenden Diskussion dann, beharren sie einfach stur weiter darauf, werden am Ende frech und erreichen ein beschämendes Niveau, das ich eher in einem Kindergarten erwarten würde. Ich bin müde geworden, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie die Verantwortung für ihr eigenes Leben, bei anderen suchen, bei unseren Politikern, bei Greta, bei Asylsuchenden … Die den Disput ihres eigenen Lebens, ihre stete Unzufriedenheit und eigene Belanglosigkeit, jeden Tag, im Wettstreit mit anderen nach außen tragen.

Der Sommer atmet aus und ich beginne mich zu fragen, was wirklich wichtig ist und finde ein paar Antworten, die zuvor nicht so präsent waren. Mir ist enorm wichtig, dass ich den Menschen, die mir nahe stehen vertrauen kann. Mir ist wichtig, mich durch meine Sprache sauber auszudrücken und drohende Missverständnisse zu klären. Ich habe immer noch ein großes Bedürfnis nach Harmonie. Ich schätze Gleichklang und Sicherheit. Gesundheit ist mir wichtig, weil ich merke, wie mit ihrem Schwinden meine Lebensqualität abnimmt. Gute Beziehungen, zu den wenigen Menschen, von denen ich mich umgeben sehe sind mir sehr wichtig. Dann noch ein wenig Musik, etwas Gesang, ein bisschen Malerei und Handwerk und fruchtbare Gedanken. All das ist so wichtig für mich wie ein gutes Essen, ein schmackhafter Wein, küssen, Liebe, Umarmungen, Zuhören und gehört werden.

Marion Decker