Lyrik

Sexueller Missbrauch

Gestern Abend bei Maybrit Illner ging es um ein Thema, das sich derzeit des Größten medialen Interesse erfreut und das freut mich. Es ist Zeit über Kindesmissbrauch zu sprechen. Für die meisten Menschen ein Thema, bei dem sie verständlicherweise auf der Stelle kotzen müssen, für die Betroffenen, eine lebenslange Aufgabe. Am besten gefiel mir der NRW Innenminister Herbert Reul, der vollkommen konsequent die Ansicht vertrat, dass spätestens jetzt, nachdem sich die Ereignisse, in denen Kinder zu Opfern von sexuellem Missbrauch werden überschlagen, der Zeitpunkt ist hinzusehen und zu handeln. Überhaupt nicht, gefiel mir in der nachfolgenden Sendung bei Markus Lanz, die Justizministerin Christine Lambrecht, die noch kürzlich der Auffassung war, dass das derzeitige Strafmaß bei Kinderpornografie nicht verhandelbar sei und die in der Sendung darauf angesprochen, versuchte zurückzurudern und zu erklären, was nicht verständlich ist.

Der NRW Innenminister hat ein Glasauge, genau wie die Schwester von Werner damals, sie hieß Anita. Anita lebte in dem Appartement neben meiner Mutter und mir. Gegenüber von ihr lebte Werner, in seinem eigenen Appartement. Bei Anita fand ich immer Unterschlupf, wenn mir alles zu viel wurde. Sie hatte einen Schallplattenspieler und ich hatte Schallplatten mit den Erzählungen der Gebrüder Grimm, das passte. Bei Anita konnte ich abtauchen, in meine Welt der Märchen, die irgendwie auch grausam waren, aber hier war ich nicht Teil der Geschichte. Werner und meine Mutter wurden ein Paar. Wenn sie miteinander Sex hatten, war ich dabei, weil sie das nicht in seinem Appartement machten, sondern bei uns, ich war fünf Jahre alt. Ich erinnere mich noch daran, dass er den Fernseher ausschaltete und neben meinem Bett stand, dass er nackt war und sein riesiger erigierter Penis im Dunkeln leuchtete. Meine Mutter rief dann für gewöhnlich: „Mach die Augen zu und schlaf!“ CUT!

Ich stehe in der Dusche, Werner vor mir, Er stülpt sich einen Waschlappen über die Hand und wäscht mich. Er wäscht mich zwischen meinen Beinen, wäscht meine Schamlippen und fragt mich, ob mir das gefällt. Ich finde das extrem unangenehm, sage aber Ja, weil ich ihn nicht verärgern will. CUT!

Meine Mutter ist arbeiten, sie hat gestern Hühnersuppe gekocht. Werner macht sie mir warm und bringt mir den Teller an den Tisch. Er verschüttet die Suppe über meine Beine. Die Suppe ist nur lauwarm und rinnt fettig an meinen Beinen herunter. Werner macht aus der Situation einen Notfall und sucht eilig nach einem Verbandskasten. Daraus entnimmt er zwei mit Salbe durchtränkte Netze, die man offenbar bei Brandwunden einsetzt. Ich gefalle ihm in den Netzen und darf jetzt vor ihm auf- und ab spazieren, wie auf einem Catwalk. Cut!

Meine Mutter hat einen neuen Freund, er wird Kalla genannt, ich bin sechs Jahre alt. Sie hat Sauerbraten, Klöße und Rotkohl gekocht. Ich möchte ihr Fleisch nicht essen, es ist trocken und es bekommt mir nicht. Bei Oma darf ich immer essen, was ich möchte und ich liebe Klöße mit Soße, sonst nichts. Meine Mutter wird wütend, der Freund meiner Mutter wird wütend. Er springt unerwartet auf, greift nach meiner Taille und will mich ins Badezimmer schleppen. Ich habe Todesangst, schreie um mein Leben und kralle mich mit meinen kleinen Fingern am Türrahmen fest. Meine Mutter klaubt meine Finger vom Rahmen und ich lande mit dem Bauch auf Kallas Knien, der auf der Toilettenschüssel sitzt. Er reißt mir die Hose runter und prügelt hart meinen Hintern. Ich ergebe mich und wimmere nur noch. CUT!

Meine Mutter ist arbeiten. Kalla hat einen Freund eingeladen. Sie geben mir Weißwein zu trinken. Eigentlich habe ich die Aufgabe zu spülen und das Bett zu machen, aber ich mache nichts davon und erfahre erst Jahrzehnte später, während einer Psychotherapie, was mich daran gehindert hat. Als meine Mutter heimkommt laufe ich ihr weinend entgegen und entschuldige mich dafür, dass ich betrunken bin. CUT!

Ich sitze in der Straßenbahn ganz hinten, dort wo keine Menschen sind. Ich bin 11 Jahre alt und möchte mich mit Freunden im Rheinstadion treffen. Wir verschaffen uns dort immer unbefugt zutritt und spielen auf den Tribünen verstecken und fangen. Ein Mann steigt ein und setzt sich neben mich. Er fängt an mich wortlos zu befummeln. Er schiebt seine Hand in meine Jogginghose und einen Finger in meine Vagina. Es tut weh, weil er mich mit dem Fingernagel kratzt. Ich möchte schreien, aber ich schäme mich auch zu Tode. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, springe auf und verlasse zügig die Bahn. CUT!

Warum ich euch das erzähle? Weil es an der Zeit ist! Es ist die Zeit des Aufbruchs, des öffentlichen Interesses. Wir wissen heute, dass es täglich 43 neue Kinder gibt, denen so etwas und Schlimmeres passiert. Wir wissen von Burbach, von Münster, von Homburg, von Bergisch Gladbach, von Berlin…Die Medien sind voll von diesen Tragödien und damit ihr wisst, welche Tortur es ist missbraucht zu werden, müsst ihr euch mit den Opfern auseinandersetzen, die brauchen euch! Es geht um hilflose Kinder, um Schutzbefohlene, um kleine Menschen, die man eigentlich aufrichtig lieben und behüten sollte. Schlimm das zu lesen? Euch versaut es die Zeit, die ihr euch dem Thema widmet, vielleicht auch ein paar Stunden des Tages, uns jedoch versaut es das ganze Leben, weil wir immer wieder durch die Hölle gehen. Es ist an der Zeit hinzuschauen. Als ich mit 32 Jahren die Therapie machte, dachte ich, ganz andere Probleme zu haben. Mir war schon mit 23 Jahren bewusst, dass mir schlimme Sachen passiert sind, aber nicht so genau. Die Erinnerungen, die hochkommen, die Scham, das Gefühl es selbst Schuld zu sein, es provoziert zu haben ist unermesslich. Später, die Wut auf die Täter, der Ekel auf mich selbst, das scheiß Gefühl, wenn Bilder erinnert werden, die mich erregen, abartig. Sich selbst akzeptieren, den eigenen Wert finden, zwischen all dem Dreck ist ein lebenslanger Prozess. Ich habe heute noch große Probleme mit Nähe. Wenn mir ein Mitglied meiner Herkunftsfamilie sagt: „Ich hab‘ dich lieb.“, Leuten bei mir alle Alarmglocken. Die einzigen Menschen, denen ich das so sehr glaube, dass ich mich damit wohlfühle sind, meine beste Freundin und der Mann, den ich geheiratet habe. Ich habe mehr als ein halbes Leben gebraucht ein lebenswertes Leben zu führen, auch weil ich viele Jahre Opfer weiterer Übergriffe und Körperverletzungen war. Heute kenne ich meinen Wert als Mensch und überlege sehr genau wer oder was mir guttut. Sobald ich erkenne, dass das nicht der Fall ist, trenne ich mich, da bin ich absolut rigoros. Es war ein langer Prozess, zu lernen, dass ich mich selbst am besten schützen kann, weil ich meine Grenzen am besten kenne und das ist ein reines Bauchgefühl.

Die Diskussionen über die Täter, wie erkenne ich sie? Wie stigmatisiere ich sie? führen zu nichts. Die einzige Möglichkeit unsere Kinder zu schützen ist ein höheres Strafmaß und die Aufklärung unserer Kinder. Wir müssen ihnen sagen, dass sie nichts machen müssen, das ihnen unangenehm ist, dass jemand kommen kann, der ihnen Lügen erzählt, um sie zu erpressen. Sie werden unsere Warnungen verstehen. Ich bitte euch wachsam zu werden, alle Erzieher, Lehrer, Eltern, Großeltern und Nachbarn, nur mit eurer Hilfe können wir unseren Kindern diese lebenslange Tragödie ersparen.

Marion Decker

Sexismus beginnt nicht erst da, wo der Spaß aufhört

Die wohlwollende Aussage, Frau müsse bei der nächsten Präsentation Rock tragen, um überzeugender zu sein, klingt auf den ersten Blick harmlos. Der aufdringliche Blick ins Dekolleté, wird damit gerechtfertigt, dass es ein schönes Dekolleté ist, dessen Vorhandensein erst die Aufmerksamkeit ermöglicht, ist offensichtlicher. Die Hand auf der Schulter, auf dem Knie oder im Schritt, wo sie nicht hingehört und erst recht nicht gewünscht ist, lässt keinen Zweifel mehr, an der eigentlichen Absicht, den anderen zu dominieren. Wir neigen gesellschaftlich dazu solche Ereignisse als Ausnahmen oder Einzelfälle herunterzuspielen oder dem Opfer keinen Glauben zu schenken. Tatsächlich hat eine europaweite Studie, die Frauen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, zu Sexismus am Arbeitsplatz befragte ergeben, dass die Hälfte der befragten deutschen Frauen, schon anzügliche Blicke, Gesten oder Bemerkungen erlebt haben. Bei 39% der Frauen wurden Kleider und Körper kommentiert, 15% erhielten obszöne Vorschläge oder Nachrichten, mit sexualisiertem Inhalt und weitere 13% wurden gezwungen, sich Nachrichten, Fotos und Videos mit sexuellem Inhalt anzusehen. So harmlos derlei Übergriffe oftmals dargestellt werden, so paternalistisch sind sie tatsächlich. Das unerwünschte Anbaggern von Frauen am Arbeitsplatz, offenbart das Phänomen von Hierarchien und Machtstrukturen ganz deutlich. Die meisten Frauen lächeln solche Verhaltensweisen weg und versuchen kompromittierenden Situationen, in Zukunft aus dem Weg zu gehen, weil sie sich vor möglichen Konsequenzen fürchten wie, den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder finanzielle Einbußen. Sie können sich das nicht leisten, weil sie eine Familie zu ernähren haben, deshalb ist die gut gemeinte Empfehlung, „Wehr dich“ alles andere als hilfreich. Die #metoo Debatte um Harvey Weinstein, den US-amerikanischen Filmproduzent, hat diese Machtstrukturen verdeutlicht. Gegen ihn wurde 2017 ein Verfahren eröffnet, weil er eine große Anzahl an Frauen und einige Männer sexuell belästigt hat, er wurde im März dieses Jahres zu 23 Jahren Haft verurteilt, was mich aufrichtig freut. Ausgesprochen unfein fand ich, die ins Leben gerufene Bewegung #notme, die den betroffenen Frauen und Männern unterstellte, einfach nur eine unangemessene Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen.

Das Wort Sexism entstand 1965 aus dem Wort Rassism und ist eigentlich eine Wortneufindung. Das Wort Sex bedeutet im englischen Geschlecht. Die Professorin Pauline M. Leet, vom Franklin & Marshall College in Pennsylvania prägte diesen Ausdruck, weil sie das Problem der bewussten oder unbewussten Nicht-Anerkennung und fortgesetzten Diskriminierung von Frauen erkannte und darauf aufmerksam machte. Die deutsche Übersetzung Sex-ismus ist leider nicht so aussagekräftig denn das Kürzel Sex, ist ein sehr intimer Akt zwischen Menschen und ismus, steht für eine Geisteshaltung, was die Bedeutung des Themas nicht gerade erhellt.

Renate Künast, die auf Facebook als Drecks Fotze beschimpft, beleidigt und auf ihr Geschlecht reduziert wurde, konnte mittlerweile ein Urteil erstreiten, welches solche Beleidigungen ahndet, zu Recht. Unglaublich, dass sie um dieses Urteil streiten musste. Sexismus wird nicht nur von Männern ausgelebt, wie Heidi Klum wöchentlich beweist. In jeder ihrer Topmodel Sendungen lebt sie ihre Machtansprüche aus, indem sie junge Mädchen zum Weinen bringt, weil sie, ihnen ihre langen Haare abschneiden lässt oder sie dazu auffordert, doch mal ein bisschen mehr Haut zu zeigen. Ich sah auf Facebook eine Weile ein Foto, das rumgereicht wurde. Es zeigte einen athletischen, jungen, nackten Mann von hinten. Er stand vor einem Obst- und Gemüseregal in einem Supermarkt. Frauen kommentierten sabbernd, dass sie „den“ aber auch nicht von der Bettkannte stoßen würden. Die Initiative Pinkstinks, eine Protest- und Bildungsorganisation gegen Sexismus und Homophobie, fand in der Werbung mittlerweile 3.500 Verstöße sexistischer Art. Die Pornoindustrie lebt vom Sexismus, denn es scheint geil zu sein, Frauen dabei zuzusehen, wie sie in jede ihrer Körperöffnungen, penetriert werden und, was ihnen anzusehen ist, überhaupt keinen Spaß daran haben. Ich höre schon den Einwand, das ist ein Job und genau mit dieser Denkweise habe ich ein Problem. Wir haben uns an diesen Grundton der Diskriminierung so sehr gewöhnt, dass sie uns oft nicht als solche auffällt. Es fehlt das gesellschaftliche Bewusstsein, wie die Diskussionen, um einen gendergerechten Umgang mit unserer Sprache, der niemanden mehr ausschließen möchte, zeigen.

Ich bin sicher, dass ich bei vielen Menschen auf Unverständnis und taube Ohren stoße, ich bitte zu bedenken, dass jede Form der Diskriminierung, der Reduzierung auf die Vagina, oder gleichgeschlechtliche Lebensformen, eine Abwertung und Ausgrenzung für die Betroffenen bedeutet, die sich niemand wünscht. Es geht um Gleichberechtigung und ich weiß, da geht noch mehr.

In diesem Sinne, bleibt sauber.

Marion Decker

Menschliche Verhaltensweisen in Zeiten von Covid-19, ein Erklärungsansatz und eine Kritik

Ich bin wieder einmal in mich gegangen, um meine Eindrücke, der letzten Tage zu ordnen und komme zu folgender erkenntnisreicher Einsicht. Covid-19 ist viel mehr als eine Infektionskrankheit. Dieses Virus bringt alle Charaktereigenschaften, die uns ausmachen, zum Tragen. Es weckt in uns unterschiedliche Bedürfnisse, je nachdem welche ganz eigenen Erfahrungen wir in unserer persönlichen Geschichte sammeln konnten. Eines der großen Bedürfnisse, die ich wahrnehme, ist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dicht gefolgt, von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, ebenso das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, aber auch nach Selbstbestimmung, oder einfach nur im Recht zu sein. Wie wir mit dem Thema umgehen ist abhängig von unserer Persönlichkeit.

Mir begegnen heute Charaktereigenschaften, die ich in dieser Intensität zuvor nicht wahrnehmen konnte. Ganz auffallend bewegen sich zur Zeit Menschen durchs Netz, die zu neurotischem Verhalten neigen, dazu gehört in erster Linie Angst. Diese Angst speist sich aus dem Bedürfnis nach Sicherheit. Die Angst kann so groß werden, dass Menschen sich mit Vehemenz bis hin zur Besessenheit, einzig nur noch auf dieses, uns alle bewegende Thema konzentrieren und am Ende in Hysterie ausufern, die uns förmlich anschreit. Bei den zu Hysterie neigenden Menschen ist ein großes Geltungsbedürfnis vorrangig.

Ich beobachte Zwanghaftigkeit, diese Menschen neigen zu ausgeprägter Genauigkeit und Eigensinn. Sie haben ein gesteigertes Bedürfnis nach Kontrolle und verbergen ihre Gefühle, indem sie rationalisieren.

Der narzisstisch geprägte Charakter, neigt zu einem übergroßen Selbstwertgefühl und hat den Hang dazu, andere zu entwerten. Er idealisiert eine Situation oder verleugnet sie.

Ich finde die depressiven, Nähe suchenden Persönlichkeiten, deren Angst, in der Angst vor Vereinsamung und Isolation gründet. Sie neigen eher dazu, zu vermitteln und dem Gemeinwohl zu dienen. Sie ziehen sich schnell gekränkt zurück und fühlen sich überfordert.

Bei meiner Beobachtung finde ich ebenso die schizoiden Persönlichkeiten, deren Angst vorrangig, die Angst vor emotionaler Nähe ist. Sie versuchen stets auf Distanz zu bleiben und suchen ebenfalls nach rationellen oder intellektuellen Erklärungen.

Diese Persönlichkeitsanteile kommen in der Regel nicht allein daher, sondern ein Charakter besteht aus mehreren dieser Anteile, wobei ein Anteil vorrangig sein kann. Covid-19 verstärkt diese einzelnen Eigenschaften und Menschen beginnen in Extreme zu fallen. Die zu beobachtenden Diskussionen werden jetzt zunehmend, selten sachlich geführt und sind gefärbt durch Emotionen und eigenen Erfahrungen.

Wer sein Leben in Wirklichkeit eher kleinlaut gestaltet hat, hat jetzt die Chance auch mal einen rauszuhauen. Wir beginnen alles und jeden zu bewerten, danach abzuwerten und zu verurteilen. Wir lesen einen Standpunkt nicht zu Ende, oder haben ihn schlicht, ohne es zu merken, nicht verstanden und fallen mit Haut und Haaren über den anderen her. Wir unterstellen dem anderen irgendwas, das uns nicht in den Kram passt, Hauptsache wir finden jemanden, durch den wir uns behaupten können. Wir beschimpfen Menschen als asozial, weil uns ihre Sichtweise nicht passt. Wir fühlen uns durch Menschen bedroht, die diese Situation einfach nicht mehr aushalten. Die Zartbesaiteten unter uns, trauen sich schon nicht mehr, sich einzubringen, es sabbeln nur noch die Hardliner, die die über jeden Einwand erhaben sind, das dickere Fell haben und sich einer Gruppe zugehörig fühlen, sich für jede Frechheit beklatschen lassen, um Punkte zu sammeln. Jeden Tag steht einer auf, der vehementer ist, der endlich in seinen ganz persönlichen Krieg ziehen kann, der Tempelritter, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Von einer Lösung sind wir alle meilenweit entfernt, weil es keine gibt. Wir diskutieren und debattieren, klatschen uns unter die Postings der anderen, um sie auflaufen zu lassen, sie bloß zu stellen und einer Lächerlichkeit preis zu geben, die jeden Sinn für Humor entbehrt. Das was ich jeden Tag beobachte, wie wir miteinander umzugehen im Stande sind, ist von gesundem Menschenverstand sehr weit entfernt. In Zukunft werden Tier- und Blumenbilder zensiert, weil sie nichts zur Sache beitragen. Unser gesellschaftliches Gefüge wird nach Covid-19 ein völlig anderes sein. Wir spalten uns in drei Lager. Die Angepassten, die sich im Supermarkt darüber freuen, dass sie alles richtig gemacht haben. Die, die sich stets Vernunft auf die Fahne schreiben, sich moralisch unantastbar fühlen und in einem großen Akt der Gemeinschaftlichkeit und des Zusammenhalts, Einigkeit suggerieren. Und die Verlierer dieser Tragödie, die den Verlust ihrer Angehörigen betrauern, so wie die, die ihre Kernkompetenzen und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vermissen und noch viele Jahre versuchen werden, die entstandenen Schulden zurück zu zahlen.

Wir hatten die Chance zuzuhören, Empathie zu zeigen für die entstandenen Probleme aller, um festzustellen, dass wir eine große Gemeinschaft Betroffener sind, aber wir entschieden uns anders. Wir entschieden uns dafür, in postpubertären Ergüssen, die großen Unterschiede aufzuzeigen, um anzuprangern und zu bekämpfen, was von unserer dogmatischen Ansicht, die die einzig Richtige ist, abweicht. Es geht doch nicht darum, sein Ego, soweit als möglich aufzupolieren, nicht darum, was man für ne geile Sau ist, um sich dann von Gleichgesinnten feiern und abklatschen zu lassen. Es darf nicht zum Lebensinhalt werden, so viele wie möglich mundtot zu machen, die sich dann im Untergrund verkriechen. Das hier ist kein Krieg.

Covid-19 hat etwas geschafft, das die AFD sich zum Ziel gesetzt, jedoch nicht erreicht hatte, die gesellschaftliche Spaltung. Alle Achtung, dass wir das zugelassen haben.

Marion Decker

Was uns bleibt ist Meinungsfreiheit, sollte man meinen

Eine Meinung ist die Aneinanderreihung von Informationen. Sie entsteht meist, aus der Aneignung, der Erkenntnisse, die andere längst gewonnen haben. Sie wird gerne, als die Eigene ausgegeben, aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Sie ist nicht statisch, oder universell, sondern ein Gedankenkonstrukt, das manchmal durchtränkt ist mit Gefühlen. Im Moment nehme ich so viele Meinungen wahr, dass mir ganz schwummrig wird.

Es gibt Menschen, die von der Corona Krise, nicht ganz so hart getroffen sind. Sie haben ihre Rente, die einfach weiterfließt, dürfen ein Häuschen mit Garten ihr Eigen nennen und können sich mit ihrem Partner austauschen. Sie bangen um ihr Leben, weil sie allein durch ihr Alter zur Risikogruppe gehören. Sie gehen nur vor die Tür, um die nötigsten Besorgungen zu machen und tragen ihre Atemschutzmasken, um nicht angesteckt zu werden. Ihr Leben läuft nahezu unverändert weiter. Es gibt Menschen, die haben ihren sicheren Job und ihr festes Einkommen, halten sich an die Regeln und müssen sich auch keine allzu großen Sorgen machen. Einige von ihnen haben ihre Aufgabe darin gefunden, uns, von ihrem hohen Ross herunter, wissen zu lassen, was richtig oder falsch ist. Sie ziehen täglich ins Feld, um uns ihre Einsichten zu verkünden, die sie für die Wahrheit halten. Sie ermangeln uns zu Vernunft und Mäßigung und lassen uns mit großer Vehemenz und manchmal auch Besessenheit wissen, dass sie es besser wissen als wir.

Wir, das sind die Menschen, die derzeit vor einem Amt Kratzbuckeln, um in den Besitz, lächerlicher 200€ zu kommen, weil sie als Freischaffende, längst aus dem sozialen System herausgefallen sind. Wir sind die, deren Nerven beim Unterrichten unserer Kinder flattern, weil uns die Geduld verlässt. Diejenigen, die sich mit ihrem Partner die Köpfe einschlagen, weil sie sich auf engstem Raum, mit kreischenden Kindern, die sich schon lange langweilen, derart überfordert sehen, dass sie die Kontrolle über sich selbst verlieren. Wir sind die Kinder, die dieser häuslichen Gewalt täglich ausgeliefert sind und die zuvor während der Schulzeit, wenigstens eine Auszeit von ihren Eltern hatten. Wir, die nicht wissen, ob sie nach all dem hier, noch einen Job haben, weil es immer unwahrscheinlicher wird, dass die Firma, die sie in Kurzarbeit geschickt hat, das hier überstehen wird, oder ob die Zulieferer aus Frankreich und China noch solvent sein werden. Wir, denen das alles so suspekt ist, dass wir anfangen, vor uns hin zu schwurbeln, die, die sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen, ebenso wie die, die einsam zu Hause sitzen und anfangen, mit ihren Blumen zu sprechen.

Wir alle haben eine Daseinsberechtigung und wir haben Meinungen, deren Ursprung auf unseren ganz persönlichen Erfahrungen basiert. In einem demokratischen System und einer pluralistischen Gesellschaft, sollte Platz für andere Meinungen sein, auch wenn wir sie selbst noch so abwegig finden. Es scheint mir gar nicht sinnvoll, dem anderen stets seine eigene Meinung aufzuzwingen, als sei die eigene Meinung das Allheilmittel, das uns aus dieser Krise führen wird. Mäßigen wir uns doch einfach auch hier, so selbstgerecht und selbstherrlich, auf den anderen ein zu quatschen. Zeigen wir uns doch einfach bereit, dem anderen das zukommen zu lassen, was wir uns selbst wünschen, Empathie.

Marion Decker

Wir glauben, was wir sehn

Am 27. Januar 2020, begann für uns in Deutschland eine neue Zeitrechnung, die Zeit der Angst. Die Presse ließ uns wissen, dass nach Wuhan, ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt wird. Kliniken in Italien, Spanien, Frankreich und Österreich wurden mit Menschen geflutet, die so schwer an Covid-19 erkrankt waren, dass Betten und Beatmungsgeräte ausgingen. Unserer Regierung sah es ebenfalls und entwickelte das Bedürfnis, die Ansteckungsrate so gering zu halten, dass unsere Kapazitäten ausreichen und die Versorgung der Dringlichkeitsfälle gedeckt ist. Man appellierte an unsere Vernunft Abstand zu halten und nur die dringendsten Besorgungen außer Haus zu erledigen. Wir wurden in unserer Bewegungsfreiheit beschränkt, ebenso in unserer Versammlungsfreiheit und unserem Bedürfnis nach sozialem Kontakt. Seit gestern sind wir gezwungen einen Mundschutz zu tragen, oder zu Hause zu bleiben. Heute sehen wir uns umgeben, von Menschen mit Schutzmasken und unser Unterbewusstsein, das eh schon überfordert ist, mit all den Einschnitten und Reizsignalen schlägt Alarm. Wir sind angespannt.

Nun äußern sich vehement Krankenschwestern unflätig im Netz und halten Schimpftiraden über die Unvernunft und den Egoismus ihrer Mitbürger. Der Teil von uns, der sich über die zunehmenden Beschneidungen zu beschweren weiß und diejenigen unter uns, die nicht angeschnauzt zu werden wünschen, gehen in Konfrontation. Die wütende Auseinandersetzung, scheint sowieso ein probates Mittel geworden zu sein, seiner Wut den nötigen Ausdruck zu verschaffen, um die eigene Angst zu kompensieren.

Tatsächlich mag ein Jeder von uns doch einmal in sich gehen und sich imaginär vorzustellen versuchen, wie die derzeitigen Zustände in unseren Krankenhäusern sich anfühlen müssen. Das Pflegepersonal kämpft jeden Tag um den Erhalt von Leben, die Zeit und das Virus jedoch arbeiten gegen sie. Die Hygieneauflagen erfordern ein Höchstmaß an Konzentration, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, selbst zu erkranken. Sie gehen nach einem überstundenreichen Tag, nach dem täglichen Kampf um Leben und Tod, frustriert nach Hause und die Nerven liegen blank. Es ist unangemessen, sie dann noch wissen zu lassen, dass sie bei ihrem Aggressionspotential, das sie nach Außen tragen, vielleicht den falschen Beruf gewählt haben, nur weil es ihnen nicht mehr gelingt, die Mutter Theresa raushängen zu lassen.

Es ist doch so, das was uns alle eint, ist die Angst und ein jeder findet für sich, ganz eigene Mechanismen, damit umzugehen, und hat auch das recht dazu, unabhängig davon, ob das alle gutheißen, oder nicht.

Unsere Augen sehen Fallzahlen, schwer Erkrankte, Menschen in Quarantäne, Notstandssituationen wie Hamsterkäufe und menschenleere Straßen. Sehen Politiker, die uns zur Vernunft mahnen und zu Mäßigung und Ordnung aufrufen. Wir sahen Italiener, in Quarantäne, die auf ihren Balkonen Freiheitslieder intonierten und waren ergriffen. Das Alles saugt unser Unterbewusstsein auf, wie ein nasser Schwamm und wir alle haben Angst.

Ich persönlich glaube immer noch nicht, dass ich an Covid-19 sterben werde. Mir ist allerdings klar, dass es viele Menschen gibt, denen das tatsächlich passieren kann. Es reicht ein geschwächtes Immunsystem, den Zenit der Jugend weit überschritten zu haben, eine Gefäßerkrankung, eine Autoimmunerkrankung, ebenso wie das jahrelange Rauchen und die chronischen Bronchitiden, die damit einhergehen. Und wegen eben diesen Menschen, trage ich meine Atemschutzmaske mit Würde. Nicht, weil man mir sagt, dass ich es muss, oder weil ich besonders vernünftig bin, sondern weil ich niemanden verletzen möchte. Weil ich nicht wirklich wissen kann, ob ich es schon habe, denn es gibt sie, die milden Verläufe, bei denen eine Übertragung trotzdem stattfindet. Die Inkubation beträgt 14 Tage, in denen ich mich nicht krank fühle und dennoch das Virus weitergeben kann. Das Risiko, einem anderen Menschen, nachhaltig zu schaden, ist einfach zu groß.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, Einsicht und Zuversicht. Achtet eure Mitmenschen.

Marion Decker

Differenzen

Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke in die Ferne. Durch die pollenverstaubten Fenster fällt mein verschleierter Blick auf die riesigen Thujas, im parkähnlichen Garten. Ich habe nun alles gegeben die letzten Tage, Zeit investiert in den Nutzgarten, das Teichumfeld und den Vorgarten. Auf allen Vieren bin ich ums Haus gerutscht, um hier noch ein verirrtes Pflänzchen zu zupfen und dort noch ein wenig Moos zu beseitigen. Eigentlich wie jedes Jahr …eigentlich.                                                                                                                                            So gezielt ich mich im Garten tummle, so verwirrt irre ich von Zeit zu Zeit durch Facebook und finde mich voller erstaunen, ob all dieser eskalierenden Gedankenaustausche, wieder. Ich sehe so viele Meinungen kursieren, die ich einfach nur auf mich wirken lasse, würde ich sie alle bewerten wollen, ich wäre lange aussichtslos beschäftigt.

Ein Bekannter wagt die Behauptung aufzustellen, dass „Das Ganze“ vielleicht etwas überzogen ist. Er bekommt ein wenig Bestätigung, bis sich die Befürworter des derzeitigen Wissensstandes zu Wort melden und ihn als verantwortungslos bezeichnen. Es hagelt einige Bevormundungen und am Ende, als die Riege der Vernunft groß genug ist, prasseln Beleidigungen auf ihn hernieder.

Wir blicken nun wachen Auges in die Welt und erkennen sofort, wer die 2 Meter Grenze unterschreitet und wer zu einer Familie gehört. Wir bringen uns ein und kehren wieder vermehrt vor anderen Türen, weil uns schließlich unsere Verantwortung bewusst ist. Eine Verantwortung, die ich bei anderen brisanten Themen wie, Umweltschutz, Massentierhaltung, Flüchtlingskrisen und weltweite Hungersnöte vermisse, denn hier braucht es etwas mehr Einsatz, als den Zeigefinger zu heben.

Viele behaupten, dass die Wirtschaft nie besser an die Wand gefahren wurde als dieser Tage, sie haben zwar auch keine Lösung parat, sehen sich aber auch nicht in der Position, die Dinge zu lösen, sondern sehen ihre Aufgabe darin, angemessen Kritik zu üben.

Es entsteht verblüffend viel verrücktes Denken, darüber in welchem Labor „Das Alles“ entstanden ist, um die Weltwirtschaft zu stürzen, was uns ablenken soll, von der Unterwanderung durch Fremde und damit den Überfremdungsgedanken wieder aufgreift, der neue Ängste schürt.

Behauptungen werden in den Raum geworfen, darüber, dass die „Moslems“ in ihren Moscheen beten „dürfen“ und „wir“ Christen nicht. Man vergleicht sich und sieht andere im Vorteil und bemängelt, dass das eine Kind vorgezogen wird und das andere benachteiligt. Man vermeidet nun einfach die Aussage „wir Deutschen“, das macht einen komischen Eindruck, nein wir nennen uns „Christen“, dann sind wir auf der sicheren Seite.

„Ich weiß ganz genau!“, ist der Oton, der sich flächendeckend ausbreitet und die Besonneneren unter uns überrollt. Im Grunde wissen die meisten von uns, dass sie nichts wissen. Die Stimmen der Vernunft, schenken unseren Volksvertretern ihr Vertrauen, versuchen, das Ganze auszusitzen und hoffen auf das Beste.

Meine ganz Eigene Wahrnehmung, realisiert eine Wirklichkeit, die völlig frei von all diesem enormen Wissen geworden ist und dabei springt mir etwas ins Auge. Es geht nicht um die Infektionskrankheit und die dadurch entstandenen Probleme, wie Beschränkungen. Es geht den Marktschreiern nicht darum, nach Lösungen zu suchen, sondern nach Fehlern. Wir pflegen eine Beschwerdekultur der latenten Unzufriedenheit. In aufwendigen, zeitintensiven Manövern schauen wir auf das, was schief zu laufen scheint, das bietet sich an, davon gibt es vieles. Wir bemängeln vehement und unnachgiebig, wie wir das eigentlich bei jedem Thema machen, geben vor es besser zu wissen und ziehen mit der Flagge der Wahrheit durchs Dorf. Dabei treiben wir die eine oder andere Sau vor uns her, denn das macht Spaß, das ist uns ein Anreiz.

Mir fällt auf, dass die Menschen, deren Existenz wirklich bedroht ist, still geworden sind. Von ihnen hört man nichts mehr, weil sie fieberhaft nach Ideen suchen, ihr Konzept zu verändern, um im Rahmen des Möglichen und Erlaubten marktbeständig zu bleiben und nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

Auch mir fehlt die Möglichkeit meinen Frust zu kompensieren und so krieche ich weiter durch meinen Garten, lausche den Vögeln, bei ihren schönen Brautschaugesängen, bewundere mein Werk, das nun Blüten treibt und freue mich schon jetzt, auf den bevorstehenden Erwerb eines Paares neuer Schuhe.

In diesem Sinne, eine gute Zeit Euch allen.

Marion Decker

Alles wird anders werden …

Ich sah dieser Tage den Film „Bohemian Rhapsody“, die Geschichte über die Rockband Queen und vor allem über deren außerordentlich begabten Leadsänger, Freddie Mercury. Ich durfte noch einmal in eine andere Zeit abtauchen. Zum Ende des Films sieht man Live Aufnahmen des Queen Auftritts bei Live Aid, von Bob Geldof ins Leben gerufen. Die Idee war, die Erlöse der Konzerte, für die hungernden Menschen in Äthiopien zu spenden. Durch den Auftritt der Band „Queen“ waren die Einnahmen auf 1 Millionen Dollar gestiegen und insgesamt erzielte das Event 102,3 Millionen Dollar. Freddy Mercury, war zu dem Zeitpunkt schon an Aids, wie man es damals nannte, erkrankt und starb kurz darauf, im Alter von 41 Jahren. Das Virus HIV, so nennen wir es heute, ist eine Immunschwäche, die über das Blut übertragen wird, Zwischen 2001 – 2018 infizierten sich 37,9 Millionen Menschen damit. Weltweit starben zwischen 2001 – 2018, 2,3 Millionen Menschen daran. Es gibt mittlerweile Medikamente, die die Lebenszeit- und Qualität verlängern und verbessern, aber nicht heilen. Seit 2001 – 2018 infizieren sich weltweit 1,7 Millionen Menschen erneut mit HIV.

Seit 2019 haben wir es mit einem Virus zu tun, der nicht nur über den Blutweg übertragen wird, sondern über den Speichel. Covid-19, hat dadurch einen Übertragungsvorteil, der nicht mehr nur Randgruppen oder Minderheiten und die armen Menschen in Afrika trifft, sondern uns alle. Das Virus lässt und erkennen, dass wir verletzbar sind, verwundbar und sterblich. Wir stellen fest, dass Covid-19, uns mehr denn je, enger zusammenrücken lässt, nicht körperlich, aber im Geiste. Wir erkennen plötzlich eine Ähnlichkeit, die uns zuvor gar nicht bewusst war, wir erkennen jetzt, dass wir alle sterblich sind. Plötzlich finden wir Gemeinsamkeiten, die wir vorher nicht sahen. Wir sorgen uns alle um unsere Angehörigen. Fast alle bleiben zu Hause, viele von uns befinden sich in Kurzarbeit und müssen nun mit 60  – 67 % ihres zuvor verdienten Einkommens auskommen. Wir erleben eine Einschränkung unserer vorherigen finanziellen Leistungsfähigkeit, von 40 %, eine Einschränkung, die bei einer Verkäuferin im Einzelhandel, sehr viel Bedeuten kann. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir chirurgischer Orthopäde sind und unsere lukrativen Hüft- und Kniegelenksoperationen nun, den an Corona erkrankten weichen müssen, weil wir alle Betten brauchen. Es ist egal geworden, ob wir Multimillionär sind, der viel Geld in Aktienpapiere investiert hat. Unwichtig, ob wir eine kleinere Firma haben, die sich die betriebliche Schließung gerade nicht leisten kann. Selbst wenn wir uns in unserer wohlverdienten Altersruhe befinden und unsere Schäfchen, mehr oder minder im Trockenen haben, wird uns klar, dass wir uns in einem Alter befinden, das uns automatisch zur Risikogruppe werden lässt und wir nicht wissen, ob wir das hier überleben werden. Die existentielle Bedrohung wird von uns allen gleich erlebt, sowohl körperlich, als auch wirtschaftlich.

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die keiner von uns in dieser Intensität und Dauer erlebt hat. Wir haben eine Notstandssituation, ohne dass der Notstand ausgerufen wurde. Wir beugen uns keinen Verboten, sondern Empfehlungen. Wir machen jede dieser Empfehlungen mit, weil sie vernünftig klingen. Wer nicht mitmacht, wird gesellschaftlich geächtet, nicht per Gesetzgeber. Die Presse füttert uns mit stündlich neuen Informationen über statistische Zahlen, Ratschläge für das richtige Verhalten, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, zeigen sie uns auf 20 verschiedenen Sendern, menschenleere Plätze und intonieren gebetsmühlenartig:“ Hier ist alles menschenleer, keine Menschen mehr …“!  Unsere Verunsicherung wächst verständlicherweise, denn die Informationsflut ist von so unterschiedlicher Bedeutung und Tragweite, dass wir gar nicht mehr erkennen, wem wir Glauben schenken können. 

Spürbar, wird nun dieser Tage, eine große Solidarität. Menschen gehen für ihre, sich in Quarantäne befindenden Nachbarn, oder die alte Dame nebenan einkaufen und stellen ihnen die Einkäufe vor die Tür. Man organisiert sich im Netz und bildet Koalitionen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Wir beginnen den sozialsten Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen, unsere Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Wir hören deren Forderungen nach einem verdient höheren Einkommen, endlich zu und sehen das genauso. Es kristallisiert sich derzeit ein Zusammenhalt, der sich zunehmend entfernt von dem früheren, sich selbst der Nächste zu sein. Wir beginnen zusammenzuwachsen, es wird wärmer in unserem Land und wer weiß, vielleicht können wir etwas lernen aus dieser Situation. Vielleicht führt die erzwungene Entschleunigung, das Besinnen, auf das was wirklich wichtig ist, langfristig, zu mehr Miteinander und gegenseitiger Unterstützung, zu Nächstenliebe, Wertschätzung, Achtung und Aufmerksamkeit.

Marion Decker

Die hohe Kunst

Für Sam Birster und Stephan Oberhauser

Nicht durch können entsteht Kunst, 
sie entsteht erst aus der Gunst.

Die Lust erweckt in dir das Treiben,
zu Malen, Musizieren oder Schreiben.

Auch Kreativität hilft dabei sehr,
Ideen umzusetzen fällt nicht schwer.

Und kommst du erst in den Genuss,
die Muse weckt dich mit ´nem Kuss. 

Dann gibt es gar kein Halten mehr,
dein Leben wird jetzt richtig schwer.

Wälzt dich schlaflos Nacht für Nacht,
bis du´s endlich zu Papier gebracht.

Malst einen Strich und einen Kreis,
hantierst mit Worten laut und leis.

Schaffst Melodien voller Kraft,
das Grundgerüst wär´ jetzt geschafft.

Dies füllst du nun mit Farbe Sinn und Ton,
die Menschheit schließlich wartet schon. 

Dein Werk mit Anerkennung zu beschenken,
denn du gabst alles beim Erdenken.

So quälst du dich tagein tagaus,
hast vielen das Besondere voraus.

Für Lohn und Brot bist du bereit,
gibst Liebe, Seele, Energie und Zeit.

Marion Decker

Covid-19 das etwas andere Corona

Wir hatten es bis jetzt über einige Jahre, mit einem Virus zu tun, der sich veränderte und zu unterschiedlich starken Erkrankungsanzeichen führte. Allen Symptomen gemein war, dass sie sich als Atemwegserkrankungen zeigten. Heute mit Covid-19 haben wir es nach SARS, das zu schweren Lungenentzündungen führte, mit einer Infektion zu tun, die sich weltweit ausbreitete. Das Besondere an dem neuen Corona Erreger ist die Hysterie, die es auslöste. Die Medien stürzen sich auf das Thema, wie die Fliegen auf Kot.

Durch stündlich neue Informationen wächst die Unsicherheit von Regierung und damit der Bevölkerung. Die mittlerweile täglich erlassenen Entscheidungen unserer Bundesregierung, im Kampf gegen das Virus lösen groteske Verhaltensweisen aus. Kitas und Schulen wurden geschlossen, der Rat, die Kinder zuhause selbst zu hüten, um Oma und Opa zu schützen, führt dazu, dass mindestens ein Elternteil zuhause bleiben muss und nicht arbeiten kann. Kinderspielplätze sind tabu und es besteht die Möglichkeit, bei Missachtung der Empfehlung, von Drohnen heimgesucht zu werden, die das Fehlverhalten ahnden und aus der Entfernung Anweisungen geben, so wie in Spanien. Menschen, die heute noch mit ihren Kindern Kinderspielplätze aufsuchen, droht eine Geld- bzw. eine Gefängnisstrafe. Im Saarland wurde die Grenze „Goldene Bremm“ dicht gemacht und die französischen Nachbarn aus Lothringen, die als Risikogebiet eingestuft wurden, kommen jetzt mit Mundschutz über kleinere Grenzen zu uns und kaufen die fast leeren Supermarktregale nun gänzlich leer. Supermarktleiter, hängen hilflos Zettel an ihre schrumpfenden Auslagen, mit dem Hinweis, dass Massenkäufe nun nicht mehr geduldet werden, weil es ungerecht erscheint, dass einer eine Tonne Toilettenpapier im Keller hortet und ein anderer sich mit wenigen Blättchen von dem kostbar gewordenen Rohstoff begnügen muss. Menschen werden schon im Verdachtsfall, an Covid-19 erkrankt zu sein in Quarantäne geschickt und 14 Tage zuhause eingesperrt. Die Polizei fährt pausenlos Streife und wer bis heute noch nicht den Roman 1984 von Georg Orwell gelesen hat, sollte das jetzt, da er möglicherweise viel Zeit hat, nachholen, wer weiß wann sich wieder eine solche Gelegenheit ergibt. Georg Orwell beschrieb in seiner Zukunftsvision, wie sich ein Staat langsam, schleichend und unaufhaltsam in einen Überwachungsstaat verwandelt.

Alle Einrichtungen und Geschäfte werden geschlossen, außer Lebensmittel und Gartenbau, vielleicht hat irgendjemand die Überzeugung gewonnen, dass die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel gegen Covid-19 immun sind. Restaurants und Gaststätten dürfen von 6 Uhr bis 18 Uhr geöffnet sein, nicht gerade der Zeitpunkt, die den Gastronomen Geld einbringt, denn getrunken wird abends. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Ausgangssperre kommt. Alle die, die zu jung sind, um eine Diktatur miterlebt zu haben, bekommen dieser Tage einen Vorgeschmack.

Durch das Einreiseverbot, das Amerika gegen Europäer verhängte, knickt die eh angeschlagene Branche des Flugverkehrs gänzlich ein und muss etliche Mitarbeiter entlassen. Die Tourismusbranche folgt, durch Ein- und Ausreiseverbote. Die Hotellerie zieht mit der Pleite mit, weil die Übernachtungsgäste ausbleiben. Der DAX befindet sich im freien Fall, nicht nur weil der größte Abnehmer deutscher Autos China war und jedes zweite Auto von VW dorthin verkauft wurde. Wir erleben gerade einen wirtschaftlichen Totalschaden, der weit größer ist, als der Bankencrash der „Lehmann Brothers“ 2008, der Banken weltweit in den Untergang mitriss. Danach brauchten wir 12 Jahre, um unsere Wirtschaft wiederzubeleben und zu stabilisieren. Diese Stabilisierung verdanken wir unserem Mittelstand, all den kleineren und größeren Handwerksbetrieben, dem Einzelhandel, der Gastronomie, den Autoherstellern, all denen, denen jetzt gerade das Aus droht. Die großen Betriebe müssen etliche Mitarbeiter entlassen. Die kleineren Betriebe unter zehn Mitarbeiter, werden diese Krise nicht meistern können, weil das Polster, dass sie sich anschaffen konnten nicht ausreichen wird. Die größeren werden sich etwas länger halten können. Das Problem mit dem zu kleinen Polster beginnt schon dort, wo der Staat Betriebe zu Investitionen treibt, um die Steuerlast zu verringern, denn weniger Gewinn, bedeutet weniger Steuern. Nun sitzen viele Selbständige auf ihren Investitionen und die dafür aufgenommenen Kredite. Sicher kann man bei seiner Bank beantragen, den Kredit für 3 Monate auszusetzen, wie es die Bundesregierung initiiert hat. Um in diesen Genuss zu kommen braucht man einzig, die Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes, die Jahresbilanzen 2018/2019, die letzten drei Lohnabrechnungen, die Einkommenssteuerbescheide 2018/2019, bei der GmbH zusätzlich, den Auszug aus dem Handelsregister und die Bonitätsprüfung. Die Steuerberater, die dir dabei helfen können, versinken gerade in den Bergen der dadurch zusätzlich entstandenen Arbeit, daher könnte es etwas dauern. Sicher kann man Kurzarbeitergeld beantragen, wie es die Bundesregierung verspricht, die Bundesagentur für Arbeit übernimmt dann 60% der Lohnkosten, derer die nicht entlassen werden sollen, aber mangels Arbeit zuhause bleiben müssen. Leider kommen die Bundesbürger mit den Anträgen nicht klar und sind mit dem Ausfüllen heillos überfordert.

Was ist mit den ganzen Betrieben, die sich auf der Kippe befanden? Stell dir vor, du hast eine Gärtnerei, die ist jetzt dicht, weil laut Definition, du mit deiner Gärtnerei nicht zum Gartenbau gehörst. Die letzten zwei heißen Frühlinge haben dir das Geschäft kaputt gemacht. Du bist schon über beide Ohren verschuldet und könntest jetzt deine harte Arbeit mit diesem Frühlingsgeschäft in bares Geld umsetzen, wenn nicht Covid-19 wäre. Es ergab sich die Möglichkeit deine Gärtnerei zu verkaufen, da sie auf einem lukrativen Grundstück steht. Jemand bietet dir so viel Geld, dass du fast schuldenfrei aus der Sache raus gehst. Der Käufer hat viel Geld in Gastronomische Betriebe gesteckt und jetzt kommt Covid-19 und macht diese Betriebe dicht. Der Käufer macht riesige Verluste und springt vom Kauf der Gärtnerei ab. Was machst du jetzt? Ja sicher kannst du Insolvenz anmelden, dann kommt alles günstig unter den Hammer, vielleicht reicht es um das Personal und die Lieferanten zu bezahlen, wenn nicht macht es jemand anders. Du bist in 3 Jahren schuldenfrei und was dann? Du hast die 50 überschritten, warst immer selbständig, hast nie in die Rentenkasse eingezahlt, dein Leben lang geschuftet. Das ist kein Einzelschicksal, keine Hypothese und keine graue Theorie, das ist Covid-19 und die grenzenlose Hysterie.

Marion Decker

Lesbos

Während wir uns mehr oder weniger an einer Infektionskrankheit, namens Corona abarbeiten, haben sich in Europa echte Probleme entwickelt, ich spreche von Lesbos. Die schöne griechische Insel, die 10 km Meeresweg von der Türkei entfernt liegt, kollabiert. Schön war sie bis 2015, als der Tourismus dort boomte. Seit 2015 nimmt die Insel flüchtende Menschen in ihren Auffanglagern auf und platzt aus allen Nähten.

Der türkische Diktator und Machthaber Erdogan erzürnte sich darüber, dass die Europäische Union sich nicht an das 2016 geschlossene Abkommen halte und nur unzureichende Zahlungen an die Türkei leiste, die diese Gelder für ihre eigenen Auffanglager zu nutzen vorgibt. Seit Samstag fühlte er sich dazu bewogen, verbreiten zu lassen, dass die Europäischen Grenzen nun geöffnet seien und so machten sich wieder vermehrt Menschen auf den Weg, die vor Terror in ihren Heimatländern flüchten. Zu den derzeit flüchtenden zählt man Menschen aus Afghanistan, Afrika, aber allen voran Menschen aus Syrien. Die Menschen aus Syrien müssen ihr Land verlassen, weil Putin und Erdogan sich dort austoben, als würden sie ein Computerspiel spielen. Zwei riesige Egos, die Syrien entschlossen in einen Kriegsschauplatz verwandeln, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Putin unterstützt den syrischen Machthaber Assat bei Kämpfen um die Provinz Idlib und das türkische Militär die Rebellen, die gegen Assat kämpfen.

In Lesbos entstand 2015 unter anderem das Auffanglager Moria, das für 3.000 Menschen gedacht war. Mittlerweile sind dort 17.000 Menschen untergebracht. 2015 strandeten dort 500.000 Menschen pro Jahr, 2019 waren es nur noch 3.000 und seit Samstag suchten schon 1.400 Menschen dort Schutz. Nun kollabiert Lesbos. Seit 2015 hielten sich dort noch 5 private Hilfsorganisationen wie „Sea Watch“ und „Ärzte ohne Grenzen“ auf, um humanitäre Hilfe zu leisten, die haben die Insel mittlerweile verlassen, weil nationalistische Schlägertrupps ihnen die Arbeit zunehmend erschwerten und sie bedrohten. Sie mussten das Feld, der europäischen Agentur für Grenzschutz „Frontex“ und der Küstenwache überlassen, die die flüchtenden Menschen, in den Schlauchboten jetzt zunehmend, per „Push Backs“ in nicht europäische Gewässer zurückdrängen, was rechtswidrig ist. Einen Rechtsweg gibt es auf Lesbos allerdings schon lange nicht mehr. Dort halten sich noch ein paar freiwillige Helfer auf, die „NGOs“, oder „Medical Volunteers“, die ebenfalls zunehmend bedroht werden. Es gab einige Einwohner auf Lesbos, die sich für Flüchtlinge einsetzten und sie unterstützten, sie sind jetzt allerdings verärgert, weil sie zunehmend bestohlen wurden. Jetzt sehen wir griechische Einheimische, die vehement versuchen, die Flüchtenden zurückzudrängen und zu vermeiden suchen, dass die Menschen an Land kommen.

Die Zustände im Auffanglager Moria sind unbeschreiblich. Menschen leben in Zelten und versuchen sich mit kleinen Gasbrennern warmzuhalten. Dadurch geraten immer wieder Zelte in Brand und erfassen andere, oder die Menschen sterben an Kohlendioxidvergiftung. In Containern leben, bis zu vier Familien , in jeder Ecke des Containers eine. Viele Menschen leben dort schon seit 5 Jahren, weil Asylanträge nicht bearbeitet werden. Die Situation ist aussichtslos. Alles ist nass, es stinkt, Müllberge türmen sich auf. Die sanitären Anlagen sind in katastrophalen Zuständen. Frauen werden vergewaltigt, es kommt immer wieder zu Schlägereien. Über tausend unbegleitete Kinder und Jugendliche sind diesen ständigen Eskalationen schutzlos ausgeliefert. Frustrierte Menschen in Moria machen ihrem Unmut Luft und werden von griechischem Militär, mit Tränengas beschossen. Die griechische Zivilbevölkerung geht auf die Barrikaden, es ist ein absolut instabiler Hexenkessel entstanden, der jeder Zeit eskalieren kann.

Parwana ist ein 17 Jahre altes Mädchen aus Afghanistan, die ehr gut englisch spricht, deshalb gibt sie ehrenamtlich Schulunterricht. Eine Hilfsorganisation gab ihr ein Handy und eine Internetplattform, damit sie ihre Eindrücke in einem Blog in Worte fassen und in die Welt schicken kann, damit alle erfahren, was dort passiert. Sie schreibt:

„Wir sind hier allein und es gibt keine Liebe. Ich bin der einsamste Mensch der Welt. Wir haben niemanden, der uns beschützt, deswegen denken wir an Suizid oder landen in der Drogenabhängigkeit“.

Annegret Kramp Karrenbauer denkt an wirtschaftliche Sanktionen gegen Putin und Erdogan. Horst Seehofer plädiert dafür, Kinder und Jugendliche aufzunehmen und Ursula von der Leyen will 7.000.000 Euro aus EU Ländern bereitstellen. Es muss dringend etwas passieren, die Menschen brauchen Hilfe und unsere griechischen Nachbarn müssen entlastet werden, jetzt reichen allerdings keine homöopathischen Dosen mehr.

Marion Decker

Foto von Skeeze auf Pixabay