Lyrik

Innenschau

Ich öffne die alte Fotokiste und lasse mich bewegen, reise rückwärts in mein bewegtes Leben. Was war ich auf der Suche, brauchte so viele intensive Gefühle und so unglaublich viel Zeit darüber nachzudenken. Wie oft ich mich verloren habe. Ich habe zutiefst geliebt und musste feststellen, dass ich weder mit diesem Menschen- noch ohne ihn konnte. Die ganzen Berg- und Talfahrten, die selbst gewählte Abhängigkeit. So viele Peinlichkeiten, in Situationen für die ich mich schämte. Gewissensbisse, weil ich mich selbst tadelte. Meine unbändige Wut, die sich stets gegen mich selbst wandte. Meine Unfähigkeit auszusprechen, wie ich fühle, oder meine Bedürfnisse wahrzunehmen. Trotz und Schmollen war meine Hauptreaktion. Dieses Gefühl nicht verstanden zu werden, mein Grundtenor. So oft ertrunken in einem Tränenmeer. Ich war ehrgeizig und perfektionistisch, wollte besser sein, als andere, erledigte Aufgaben lieber selbst, als sie zu delegieren, bis das Feuer ausging.

Heute bin ich der ruhige Fluss, an dem das Ufer voller Blumen ist. Ich neige dazu, zutiefst mitzufühlen, nicht wenn sich jemand gerne selbst reden hört, sondern wenn ein Mensch von einem seiner Schicksalsschläge getroffen wurde. Die abendliche halbe Stunde am Teich hilft mir, die Eindrücke des Tages von mir abzustreifen, mich zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Die Hunde haben mich zu dem besseren Menschen gemacht, der ich ohne sie niemals geworden wäre. Wenn mir ein Mensch imponiert vergleiche ich mich zuweilen immer noch, dann rüttle ich mich wach und finde wieder zu mir. Mein Aussehen ist mir immer noch wichtig, doch es bestimmt mich nicht mehr. Wenn es mir gut geht, fühle ich mich unwiderstehlich, wenn nicht, sorge ich dafür, dass es mir wieder gut geht. Es ist mir wichtig Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen, allerdings nicht mehr für das Handeln anderer. Ich rechtfertige mich nicht mehr, weil ich keine Schuldgefühle mehr habe. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, stehe ich dazu, weil ich weiß, dass es menschlich ist. Ich befürchte keine Konsequenzen, die ich nicht tragen würde. Von Zeit zu Zeit glaube ich immer noch, „Es“ besser zu wissen, lasse mich allerdings auch eines Besseren belehren. Trete ich jemandem zu nahe, versuche ich das in Zukunft zu vermeiden. Gelingt mir das nicht, akzeptiere ich diesen Teil von mir. Wenn mir jemand „Auf den Sack“ geht, kann ich das unverblümt sagen, mag man mich dann nicht mehr, lerne ich damit zu leben. Es ist mein Recht Menschen zurückzuweisen, die meine Grenze überschreiten. Ich bin ehrlich, auch zu mir selbst, was mich melancholisch stimmen kann. Niemand spannt mich mehr vor seinen Karren, wer mich benutzt, bekommt meinen Groll zu spüren. Was mir nicht guttut, darf weiterziehen, ich halte nichts mehr fest, um meine Dramen zu feiern. Je älter ich werde, umso zickiger werde ich, es sind die Momente, über die ich eifrig hinwegsehe. Es interessiert mich nicht mehr, was andere über mich denken, denn das einzige was zählt, ist wie ich selbst über mich denke. Die Traurigkeit, die mich mein Leben lang begleitete, weicht einer Gleichgültigkeit. Ich akzeptiere, dass alles was passiert ist, nicht zu ändern ist. Die Sorgen und Ängste, die mich ein Leben lang tyrannisierten, sind meinem Vertrauen gewichen, dass alles gut wird. Ich genieße bestimmte Momente im Leben intensiver, das Gespräch mit einem vertrauten Menschen, bereichert mich lange. Einem geschätzten Menschen eine Freude bereiten, empfinde ich als die größte Bereicherung. Ich war immer bestrebt besonders zu sein, das ist nicht mehr nötig, weil ich weiß, dass jeder Mensch besonders ist.

Ich bin in meinem Lebensherbst angekommen und habe mich mit mir versöhnt, das empfinde ich als sehr tröstlich und entspannend.

© Marion Decker

Ein Tag am Wasser

Sie trafen sich am Samstag am See, so wie sie es seit einigen Monaten fast immer taten. Obwohl sie sich nicht ähnlich waren, teilten sie diese Gemeinsamkeit, am Wasser Entspannung zu finden. Der Himmel strahlte in diesem Azurblau, das er sonst nur an der Côte d´Azur sah. Die Sonne spiegelte tausend funkelnde Sterne auf die Wasseroberfläche, der Wind wehte sanft glucksende Wellen. Er mochte sie schon lange, ihre Art ihm zuzuhören ohne große Kommentare einzustreuen, wie ihre Zungenspitze beim Nachdenken zwischen den Vorderzähnen verweilte. Ihre Hände bewegten sich wie Schmetterlinge, wenn sie ihren Worten Nachdruck verleihen wollte und flogen hierher und dorthin. Ihre Haut war ebenmäßig und von zahlreichen Sommersprossen übersät. Sobald sie ins Wasser gingen, wickelte sie ihre Haare lässig mit einem Gummiband zusammen. Wenn sie dann in der Sonne getrocknet waren, ließ sie sie wieder frei, und sie ergossen sich in langen dunkelroten Strähnen über ihren Rücken, wie die schlangenförmigen Haare der Medusa.

Doch an diesem Samstag war alles anders. In dem Augenblick, als sich eine kleine Wolke vor die Sonne schob und das Licht sich fast unmerklich veränderte, änderte sich seine Perspektive.

Auf einer Fachtagung für Neurologie sah er sie zum ersten Mal. Sie trat verspätet durch die Tür, und obwohl sie höflich auf jedes Geräusch verzichtete, flogen ihr zahlreiche Blicke zu. Sie war diese Art Frau, deren Ausstrahlung, geprägt durch eine Aura von Geheimnis, Sinnlichkeit und Zartheit, fasziniert. Einmal in ihren Bann gezogen, können sich die Augen der Betrachter nur ganz schlecht wieder von ihr lösen. Als er während einer Pause das Gespräch mit ihr suchte, erfuhr er, dass sie Jasmina heißt und als Krankenschwester in Innsbruck arbeitet. Sie berichtete ihm von ihrem Wunsch, sich beruflich zu verändern und dass sie gerne in die Psychiatrie nach Lindau wechseln wollte. Da er dort als Stationsarzt auf einer Demenzstation arbeitete, bat er sie um ihre Bewerbungsunterlagen, die sie ihm kurz nach der Tagung zukommen ließ.

Er hatte von Kollegen gehört, dass ihre Vergangenheit es nicht gut mit ihr gemeint hatte. Sie soll während der Balkankrise Mitte der 1990er-Jahre, mit weiteren zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verlassen haben.     

Er selbst war in seinem sicheren Hafen aufgewachsen und hatte nach dem Studium als Assistenzarzt in der Neurologie gearbeitet. Später übernahm er die Demenzstation als Stationsarzt und war angekommen, ohne je die großen Hürden des Lebens nehmen zu müssen.  Für ihn war das, was sie möglicherweise erleben musste, schlecht vorstellbar.

Er hatte ihre Zurückhaltung und ihre besonnene Art immer als den in sich gekehrten Teil ihrer selbst gesehen, die sie umgebende Melancholie, als ihr Temperament interpretiert. Wie sie jetzt mit ihm am See saß, ihre schmalen Arme um die schlanken angewinkelten Beine gewickelt, den Blick in die Ferne schweifend, gab ihm eine Ahnung, wie zerbrechlich sie ist. Er nahm die Erfahrungen in ihren Augen wahr, die sich wie Schatten darin ausbreiteten und die Verteilung der Falten in ihrem Gesicht ließ ihn erkennen, wie tief ihr Schmerz saß.

Als er sie direkt auf das anspricht, was sie erlebt hat, erzählt sie ihm von Kindertagen, die sie im Schutz ihrer Familie friedlich verbrachte, von wunderschönen Landschaften und der Adria. Sie spricht von dem kleinen Ort Vučevo in Bosnien-Herzegowina, an der Grenze zu Montenegro, wo sie aufgewachsen ist. Sie verbrachte die meiste Zeit bei den Großeltern, während ihre Eltern in Sarajevo arbeiteten. Ihre Großeltern pflegten die alten Traditionen. So war das hohe Haus aus Holz, in dem sie gelebt haben, in den Wintermonaten erfüllt vom Duft des Lebkuchens, den ihre Oma buk. Ihre Brüder schnitzten mit Opa Holzspielzeug. Sie haben viel gesungen, die alten Erzählungen von Liebe und dem harten Landleben. In den Sommermonaten übte sie mit anderen Kindern die Volkstänze, die sie an Dorffesten den erfreuten, neugierigen Zuschauern vorgetragen haben. Er hört, wie sie tief einatmet, bevor sie weiterspricht.                                                

Sie wusste nichts von Slobodan Milošević, dem serbischen Machthaber, der den ruhigeren Sozialismus Titos mit aller Macht, in eine faschistische Diktatur verwandeln wollte. Sie konnte noch nicht wissen, dass es von jetzt an ein Unglück war, als Kroatin geboren worden zu sein. Woher hätte sie wissen sollen, dass dieser Krieg durch eine Lüge begann, durch falsche Behauptungen darüber, wer den Anfang verursachte. Sie hatte von unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten gehört und von sehr altem, lang andauerndem Zorn. Sie ahnte nicht, dass serbische Soldaten, muslimische Frauen und Kinder von einer Brücke stürzten und solange auf sie schossen, bis sie sicher gehen konnten, dass sie tot waren.        

Ihr fehlte das Wissen darüber, dass Soldaten Männern Hände und Füße abschnitten und sie verminten, um die, die ihnen zu Hilfe eilen wollten, mit in die Luft zu sprengen. Sie zerbombten Krankenhäuser und schossen während der vereinbarten Waffenstillstände immer wieder auf die Zivilbevölkerung und einmal sogar auf am Strand spielende Kinder. Sie spricht vom Krieg, wie sie ihn kommen sahen und doch nicht verhindern konnten. Die Tage seien geprägt gewesen vom Geheul der Sirenen, die sie in Luftschutzbunker rennen oder übereilt in Nachbars Vorratskeller stolpern ließ. Sie sagt, dass sie oft stundenlang im Halbdunkeln gesessen haben und den Detonationen zuhörten. Frauen saßen auf Pritschen, wiegten den Oberkörper vor und zurück und wimmerten, nicht wissend, was da draußen passierte oder was noch da sein würde, wenn sie den Bunker wieder verließen, und wen sie draußen zurücklassen mussten. Sie sah, wie Männer ihren Frauen den Hals durchschnitten, weil sie es nicht ertragen hätten, wären diese von mehreren Soldaten vergewaltigt worden. Sie musste erleben, wie man ihren Landsleuten die Gliedmaße abtrennte und Kreuze in ihre Brustkörper ritzte, bis der Feind, diese halb toten Männer von ihren Brüdern erlösen ließ. Diese Brüder töteten sich nach dem Krieg selbst, weil sie die Last dessen, zu was sie gezwungen wurden, nicht mehr ertragen konnten. Sie hat gesehen, wie ihre gefangen genommenen Schwestern von Schäferhunden gehetzt und später durch sie gedemütigt wurden. Sie spricht von Scham, Pein, Schuld, von Hunger, Todesangst und Ohnmacht. Als sie 17 Jahre alt war, klammerten sich in Tuzla verzweifelte Menschen an UNO Lastwagen. Der Bürgerkrieg hatte alles zerstört, es gab kein Haus, das noch bewohnbar war, viele Menschen hatten ihre Heimat schon verlassen. Einige alte Frauen standen noch mit den wenigen Dingen, die ihnen geblieben waren am Straßenrand und warteten, dass jemand sie mitnahm. Sie packte den Rest ihres früheren Lebens in zwei Plastiktüten und machte sich auf den Weg, weg von den Bomben, Minen und am Straßenrand aufgetürmten Leichen, möglichst weit weg.

Seine Augen auf den See gerichtet, ihren leisen Worten folgend, entstehen in ihm Bilder von Stürmen, die Wellen schlugen und manchmal so hoch waren, dass sie darunter verschwunden ist, dass sie froh war, abzutauchen und unsichtbar zu werden und doch gleichzeitig die Angst verspürte darin zu ertrinken. Er sieht ruhigere Fahrwasser, in denen sie  sich sicher fühlte, bis die Sicherheit nachgab und sie sich an ein Floß klammerte, um gefühlte Ewigkeiten auf dem seichten Meer zu treiben, von der Sonne gewärmt, bis sie sie verbrannte.                                                                                                                       Vor seinem geistigen Auge erscheinen Augenblicke, in denen sie strandete, auf dem Trockenen lag, fernab von jeder Nahrungsquelle. Momente, in denen nur noch Dunkelheit herrschte, die in sie hochkroch, sie einnahm und sich allein auf dieser Welt fühlen ließ. Er erahnte Orte, die so kalt waren, dass ihre Muskeln fast ihr Skelett brachen, spürte wie sie selbst zu Wasser wurde, weich fließend, sich der Strömung hingab. Bei harter Brandung wich sie geschickt zurück, ihren Blick nach vorn gerichtet, geradeaus, immer weiter. Ihr war klar, dass sie versumpft, wenn sie stehen bleibt, alles um sie herum würde trüb und modrig.

Während sie ihn mit ihrer Sanftheit in ihre Geschichte eintauchen lässt, ihn mitnimmt und führt, als würde sie seinen Kopf über dem Wasser halten, spürt er das Leid, das sie umgibt mit aller Kraft, bis es zu seinem eigenen wird und sie eins werden.

Als sie ihre Erzählungen beendet, weint er eine ganze Weile, trockene, heiße, stille Tränen, die hart in sein Herz tropfen und es anschwellen lassen, bis er wieder ruhiger wird. Er hat das Bedürfnis sie in den Arm zu nehmen. Doch als er sie so von der Seite betrachtet, sieht er, wie ihr Blick in die Ferne gerichtet ist, weit weg, vermutlich hin zu dem kleinen Örtchen Vučevo in Bosnien und Herzegowina. Wahrscheinlich wurde ihre Heimat wiederaufgebaut und der Tourismus boomt. Aber sie wird es nie wiedersehen, nie erleben, denn es gibt dort niemanden mehr, der sich an sie erinnern würde. Die wenigen Menschen, die zurückgegangen sind, haben sich verändert, das, was sie erleben mussten, hat sie verändert und all die anderen Menschen gibt es nicht mehr.

Er versinkt in seine eigene Geschichte, seine Kindheit, die wie ein schmaler Gebirgsbach dahinplätscherte, denkt an die Geborgenheit, die er erleben durfte. Seine Mutter, die stets ein offenes Ohr für ihn hatte und sein Vater, der ihn mit milder Stärke führte, um ihm seine Werte nahezubringen. Nach dem Abitur bekam er das erste Auto, dann das bestandene Studium, der Stolz seiner Eltern, der ihn für immer begleiten wird.

Als der Himmel über dem See sich an diesem Tag langsam rötlich verfärbt, ist er erfüllt von einer Dankbarkeit, die er in sich bewahren wird.

© Marion Decker

Bild: Alexas Fotos auf Pixabay

Ein Tag am Wasser audio

Wieder liest die fabelhafte Sabine König (Sängerin und Sprecherin), mit ihrer wolklingenden Stimme und ihrem Charisma eine meiner Geschichten und macht sie damit zu etwas ganz Besonderem. Es geht um Krieg, Verfolgung und Flucht, um das was Menschen weltweit erleiden müssen und um die heilsame Wirkung des Mitgefühls.

Wer mehr über Sabine König wissen möchte: www.sabinekoenig.info

Ein Tag am Wasser von Marion Decker

Bild: janeb 13 auf pixabay

Das ganz normale Leben

Seit meinem „Missbrauchs Coming-out“ sind genau zwei Monate vergangen. Zwei Monate, in denen ich angenehm satt war und spielend leicht auf Facebook verzichten konnte. Ich war erfüllt von den, durch und durch wohlwollenden Reaktionen und habe mich entspannt meinem Alltag gewidmet. Ich war so ausgeglichen, dass ich das Wort „Ommmmm“ gar nicht auszusprechen brauchte. Es begleitete mich täglich so verlässlich als Summen in meinem Hinterkopf, wie Schmetterlinge vor meinen Augen tanzten und Hummeln in meine Ohren brummten. Meine kleine Welt war ein friedlicher Ort. Dann begann das bekannte, ja vertraute Herzrasen wieder. Obwohl ich konsequent fast täglich einen Kilometer schwimme (es fällt mir nicht schwer, denn ich habe ein Schwimmbad) verwandelte mein Körper die aufgebaute Muskulatur, zum Teil wieder in Fettgewebe. Irgendwann war ich wieder so vergesslich, dass ich mir sicher war, mir „Kreutzfeld-Jakob“ eingefangen zu haben. Es dämmerte mir, dass mein Immunsystem wieder sein Eigenleben führt und ungebeten meine Schilddrüse attackiert. Die Entspannung wich der bekannten Abgeschlagenheit und ich recherchierte, was ich dieses Mal falsch gemacht hatte. Ich habe unendlich viel Wasser getrunken und ein zufälliger Blick auf die Inhaltsangabe, ließ mich wissen, dass das Heilwasser „Staatlich Fachinger“, eine beträchtliche Menge an Jodid aufweist. Jod feuert den Autoimmunprozess an. Ich trinke nun ein anderes Wasser, nehme das homöopathische Mittel, das mich seit Jahren begleitet und spüre, wie wieder Energie durch mich hindurchströmt.

Ich schrieb zwischenzeitlich Kurzgeschichten für vier Literaturwettbewerbe, um mir einen Namen zu machen. Eine fünfte Geschichte entsteht gerade und ich hoffe, dass sie brillant wird, eine sechste Geschichte fordert mich heraus, denn das Thema heißt „Aber“. Ein „Aber“ äußert sich in sozialen Netzwerken an jeder Ecke und inspiriert mich. Es findet auch gerne Verwendung im Zusammenhang mit dem vorangestellten Wort „Ja“. Dieses „Ja aber“ ist verwirrend, weil es zunächst Zustimmung suggeriert und dann doch widerspricht. Im Grunde ist dieses „Ja aber“ nichts anderes als eine Aufforderung zum Spielen, es stellt in Frage, zeigt Diskussionsbereitschaft und relativiert. Ich habe erst kürzlich auf Facebook einen Menschen verloren, den ich liebgewonnen hatte, weil ich dieses Spiel nicht spielen wollte. Dieses Spiel, der nicht enden wollenden Diskussionsbereitschaft reizt mich wieder. Ich spüre, wie Adrenalin jede meiner Muskelfasern durchströmt, wie sich dieses warme Gefühl im Bauch ausbreitet und mir zu Kopfe steigt. Ich fühle mich lebendig, lebendig und stark, unverwundbar. Die Lethargie, die mich umhüllte, weicht meiner Lust zu kämpfen.

Es gibt so viele wichtige Themen auf dieser Welt. Dramen, die untergehen, weil sie nicht zum Mainstream passen. Es scheint wichtiger, was „Attila der Hunnenkönig“, oder „Xaviar Naidoo“ für geistige Ergüsse von sich geben, denn man gibt ihnen eine Bühne und teilt das ausgiebig, um sich darüber zu echauffieren. Es gibt so viele Fragen: „Kennt jemand die neuesten Fallzahlen aus Berlin, nachdem 17.000 Menschen „Nackt“ auf die Straße gegangen sind, Nein? Warum nicht?“ Mir ist schnurz, ob „Jens Spahn“ für seine Villa 4,1 Millionen auf den Tisch gelegt hat. Mich interessiert eher, dass er sich mittlerweile unter dem Tisch so viel Macht geschenkt hat, dass es ein föderalistisches System Lügen straft.

Ich habe eine Idee, es ist mir egal, ob es jemandem gefällt oder nicht. Ich mache wieder von meinem astrologischen Recht Gebrauch, im Jahre 1969, als Hahn geboren worden zu sein. Ich steige morgens um 7 Uhr auf meinen Misthaufen und krähe was das Zeug hält. Ich hacke auf denen herum, die sexistisch, rassistisch, faschistisch, intolerant und egoistisch sind. Und ich werde nicht spielen. Ich werde was ich bin.

Marion Decker

Sexueller Missbrauch

Gestern Abend bei Maybrit Illner ging es um ein Thema, das sich derzeit des Größten medialen Interesse erfreut und das freut mich. Es ist Zeit über Kindesmissbrauch zu sprechen. Für die meisten Menschen ein Thema, bei dem sie verständlicherweise auf der Stelle kotzen müssen, für die Betroffenen, eine lebenslange Aufgabe. Am besten gefiel mir der NRW-Innenminister Herbert Reul, der vollkommen konsequent die Ansicht vertrat, dass spätestens jetzt, nachdem sich die Ereignisse, in denen Kinder zu Opfern von sexuellem Missbrauch werden überschlagen, der Zeitpunkt ist hinzusehen und zu handeln. Überhaupt nicht, gefiel mir in der nachfolgenden Sendung bei Markus Lanz, die Justizministerin Christine Lambrecht, die noch kürzlich der Auffassung war, dass das derzeitige Strafmaß bei Kinderpornografie nicht verhandelbar sei und die in der Sendung darauf angesprochen, versuchte zurückzurudern und zu erklären, was nicht verständlich ist.

Der NRW-Innenminister hat ein Glasauge, genau wie die Schwester von Werner damals, sie hieß Anita. Anita lebte in dem Appartement neben meiner Mutter und mir. Gegenüber von ihr lebte Werner, in seinem eigenen Appartement. Bei Anita fand ich immer Unterschlupf, wenn mir alles zu viel wurde. Sie hatte einen Schallplattenspieler und ich hatte Schallplatten mit den Erzählungen der Gebrüder Grimm, das passte. Bei Anita konnte ich abtauchen, in meine Welt der Märchen, die irgendwie auch grausam waren, aber hier war ich nicht Teil der Geschichte. Werner und meine Mutter wurden ein Paar. Wenn sie miteinander Sex hatten, war ich dabei, weil sie das nicht in seinem Appartement machten, sondern bei uns, ich war fünf Jahre alt. Ich erinnere mich noch daran, dass er den Fernseher ausschaltete und neben meinem Bett stand, dass er nackt war und sein riesiger erigierter Penis im Dunkeln leuchtete. Meine Mutter rief dann für gewöhnlich: „Mach die Augen zu und schlaf!“ Schnitt!

Ich stehe in der Dusche, Werner vor mir, er stülpt sich einen Waschlappen über die Hand und wäscht mich. Er wäscht mich zwischen meinen Beinen, wäscht meine Schamlippen und fragt mich, ob mir das gefällt. Ich finde das extrem unangenehm, sage aber Ja, weil ich ihn nicht verärgern will. Schnitt!

Meine Mutter ist nicht zu Hause, sie arbeitet, gestern hat sie Hühnersuppe gekocht. Werner macht sie mir warm und bringt mir den Teller an den Tisch. Er verschüttet die Suppe über meine Beine. Die Suppe ist nur lauwarm und rinnt fettig an meinen Beinen herunter. Werner macht aus der Situation einen Notfall und sucht eilig nach einem Verbandskasten. Daraus entnimmt er zwei mit Salbe durchtränkte Netze, die man offenbar bei Brandwunden einsetzt. Ich gefalle ihm in den Netzen und darf jetzt vor ihm auf und ab spazieren, wie auf einem Laufsteg. Schnitt!

Meine Mutter hat einen neuen Freund, er wird Kalla genannt, ich bin sechs Jahre alt. Sie hat Sauerbraten, Klöße und Rotkohl gekocht. Ich möchte ihr Fleisch nicht essen, es ist trocken und es bekommt mir nicht. Bei Oma darf ich immer essen, was ich möchte und ich liebe Klöße mit Soße, sonst nichts. Meine Mutter wird wütend, der Freund meiner Mutter wird wütend. Er springt unerwartet auf, greift nach meiner Taille und will mich ins Badezimmer schleppen. Ich habe Todesangst, schreie um mein Leben und kralle mich mit meinen kleinen Fingern am Türrahmen fest. Meine Mutter klaubt meine Finger vom Rahmen und ich lande mit dem Bauch auf Kallas Knien, der auf der Toilettenschüssel sitzt. Er reißt mir die Hose runter und prügelt hart meinen Hintern. Ich ergebe mich und wimmere nur noch. Schnitt!

Meine Mutter ist arbeiten. Kalla hat einen Freund eingeladen. Sie geben mir Weißwein zu trinken. Eigentlich habe ich die Aufgabe zu spülen und das Bett zu machen, aber ich mache nichts davon und erfahre erst Jahrzehnte später, während einer Psychotherapie, was mich daran gehindert hat. Als meine Mutter heimkommt, laufe ich ihr weinend entgegen und entschuldige mich dafür, dass ich betrunken bin. Schnitt!

Ich sitze in der Straßenbahn ganz hinten, dort wo keine Menschen sind. Ich bin 11 Jahre alt und möchte mich mit Freunden im Rheinstadion treffen. Wir verschaffen uns dort immer unbefugt zutritt und spielen auf den Tribünen verstecken und fangen. Ein Mann steigt ein und setzt sich neben mich. Er fängt an mich wortlos zu befummeln. Er schiebt seine Hand in meine Jogginghose und einen Finger in meine Vagina. Es tut weh, weil er mich mit dem Fingernagel kratzt. Ich möchte schreien, aber ich schäme mich auch zu Tode. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, springe auf und verlasse zügig die Bahn. Schnitt!

Warum ich euch das erzähle? Weil es an der Zeit ist! Es ist die Zeit des Aufbruchs, des öffentlichen Interesses. Wir wissen heute, dass es täglich 43 neue Kinder gibt, denen so etwas und schlimmeres passiert. Wir wissen von Burbach, von Münster, von Homburg, von Bergisch Gladbach, von Berlin… Die Medien sind voll von diesen Tragödien und damit ihr wisst, welche Tortur es ist missbraucht zu werden, müsst ihr euch mit den Opfern auseinandersetzen, die brauchen euch! Es geht um hilflose Kinder, um Schutzbefohlene, um kleine Menschen, die man eigentlich aufrichtig lieben und behüten sollte. Schlimm das zu lesen? Euch versaut es die Zeit, die ihr euch dem Thema widmet, vielleicht auch ein paar Stunden des Tages, uns jedoch versaut es das ganze Leben, weil wir immer wieder durch die Hölle gehen. Es ist an der Zeit hinzuschauen. Als ich mit 32 Jahren die Therapie machte, dachte ich, ganz andere Probleme zu haben. Mir war schon mit 23 Jahren bewusst, dass mir schlimme Sachen passiert sind, aber nicht so genau. Die Erinnerungen, die hochkommen, die Scham, das Gefühl es selbst Schuld zu sein, es provoziert zu haben ist unermesslich. Später, die Wut auf die Täter, der Ekel auf mich selbst, das scheiß Gefühl, wenn Bilder erinnert werden, die mich erregen, abartig. Sich selbst akzeptieren, den eigenen Wert finden, zwischen all dem Dreck ist ein lebenslanger Prozess. Ich habe heute noch große Probleme mit Nähe. Wenn mir ein Mitglied meiner Herkunftsfamilie sagt: „Ich hab‘ dich lieb.“, Leuten bei mir alle Alarmglocken. Die einzigen Menschen, denen ich das so sehr glaube, dass ich mich damit wohlfühle sind, meine beste Freundin und der Mann, den ich geheiratet habe. Ich habe mehr als ein halbes Leben gebraucht ein lebenswertes Leben zu führen, auch weil ich viele Jahre Opfer weiterer Übergriffe und Körperverletzungen war. Heute kenne ich meinen Wert als Mensch und überlege sehr genau wer oder was mir guttut. Sobald ich erkenne, dass das nicht der Fall ist, trenne ich mich, da bin ich absolut rigoros. Es war ein langer Prozess, zu lernen, dass ich mich selbst am besten schützen kann, weil ich meine Grenzen am besten kenne und das ist ein reines Bauchgefühl.

Die Diskussionen über die Täter, wie erkenne ich sie? Wie stigmatisiere ich sie? Führen zu nichts. Die einzige Möglichkeit unsere Kinder zu schützen ist ein höheres Strafmaß und die Aufklärung unserer Kinder. Wir müssen ihnen sagen, dass sie nichts machen müssen, das ihnen unangenehm ist, dass jemand kommen kann, der ihnen Lügen erzählt, um sie zu erpressen. Sie werden unsere Warnungen verstehen. Ich bitte euch wachsam zu werden, alle Erzieher, Lehrer, Eltern, Großeltern und Nachbarn, nur mit eurer Hilfe können wir unseren Kindern diese lebenslange Tragödie ersparen.

© Marion Decker

Sexismus beginnt nicht erst da, wo der Spaß aufhört

Die wohlwollende Aussage, Frau müsse bei der nächsten Präsentation Rock tragen, um überzeugender zu sein, klingt auf den ersten Blick harmlos. Der aufdringliche Blick ins Dekolleté, wird damit gerechtfertigt, dass es ein schönes Dekolleté ist, dessen Vorhandensein erst die Aufmerksamkeit ermöglicht, ist offensichtlicher. Die Hand auf der Schulter, auf dem Knie oder im Schritt, wo sie nicht hingehört und erst recht nicht gewünscht ist, lässt keinen Zweifel mehr, an der eigentlichen Absicht, den anderen zu dominieren. Wir neigen gesellschaftlich dazu solche Ereignisse als Ausnahmen oder Einzelfälle herunterzuspielen oder dem Opfer keinen Glauben zu schenken. Tatsächlich hat eine europaweite Studie, die Frauen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, zu Sexismus am Arbeitsplatz befragte ergeben, dass die Hälfte der befragten deutschen Frauen, schon anzügliche Blicke, Gesten oder Bemerkungen erlebt haben. Bei 39 % der Frauen wurden Kleider und Körper kommentiert, 15 % erhielten obszöne Vorschläge oder Nachrichten, mit sexualisiertem Inhalt und weitere 13 % wurden gezwungen, sich Nachrichten, Fotos und Videos mit sexuellem Inhalt anzusehen. So harmlos derlei Übergriffe oftmals dargestellt werden, so paternalistisch sind sie tatsächlich. Das unerwünschte Anbaggern von Frauen am Arbeitsplatz offenbart das Phänomen von Hierarchien und Machtstrukturen ganz deutlich. Die meisten Frauen lächeln solche Verhaltensweisen weg und versuchen kompromittierenden Situationen, in Zukunft aus dem Weg zu gehen, weil sie sich vor möglichen Konsequenzen fürchten wie den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder finanzielle Einbußen. Sie können sich das nicht leisten, weil sie eine Familie zu ernähren haben, deshalb ist die gut gemeinte Empfehlung, „Wehr dich“ alles andere als hilfreich. Die #metoo Debatte um Harvey Weinstein, den US-amerikanischen Filmproduzent, hat diese Machtstrukturen verdeutlicht. Gegen ihn wurde 2017 ein Verfahren eröffnet, weil er eine große Anzahl an Frauen und einige Männer sexuell belästigt hat, er wurde im März dieses Jahres zu 23 Jahren Haft verurteilt, was mich aufrichtig freut. Ausgesprochen unfein fand ich, die ins Leben gerufene Bewegung #notme, die den betroffenen Frauen und Männern unterstellte, einfach nur eine unangemessene Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen.

Das Wort sexism entstand 1965 aus dem Wort rassism und ist eigentlich eine Wortneufindung. Das Wort Sex bedeutet im englischen Geschlecht. Die Professorin Pauline M. Leet, vom Franklin & Marshall College in Pennsylvania prägte diesen Ausdruck, weil sie das Problem der bewussten oder unbewussten Nicht-Anerkennung und fortgesetzten Diskriminierung von Frauen erkannte und darauf aufmerksam machte. Die deutsche Übersetzung Sex-ismus ist leider nicht so aussagekräftig denn das Kürzel Sex, ist ein sehr intimer Akt zwischen Menschen und ismus, steht für eine Geisteshaltung, was die Bedeutung des Themas nicht gerade erhellt.

Renate Künast, die auf Facebook als Drecks Fotze beschimpft, beleidigt und auf ihr Geschlecht reduziert wurde, konnte mittlerweile ein Urteil erstreiten, welches solche Beleidigungen ahndet, zu Recht. Unglaublich, dass sie um dieses Urteil streiten musste. Sexismus wird nicht nur von Männern ausgelebt, wie Heidi Klum wöchentlich beweist. In jeder ihrer Topmodel-Sendungen lebt sie ihre Machtansprüche aus, indem sie junge Mädchen zum Weinen bringt, weil sie, ihnen ihre langen Haare abschneiden lässt oder sie dazu auffordert, doch mal ein bisschen mehr Haut zu zeigen. Ich sah auf Facebook eine Weile ein Foto, das herumgereicht wurde. Es zeigte einen athletischen, jungen, nackten Mann von hinten. Er stand vor einem Obst- und Gemüseregal in einem Supermarkt. Frauen kommentierten sabbernd, dass sie „den“ aber auch nicht von der Bettkante stoßen würden. Die Initiative Pinkstinks, eine Protest- und Bildungsorganisation gegen Sexismus und Homophobie, fand in der Werbung mittlerweile 3.500 Verstöße sexistischer Art. Die Pornoindustrie lebt vom Sexismus, denn es scheint geil zu sein, Frauen dabei zuzusehen, wie sie in jede ihrer Körperöffnungen, penetriert werden und, was ihnen anzusehen ist, überhaupt keinen Spaß daran haben. Ich höre schon den Einwand, das ist ein Job und genau mit dieser Denkweise habe ich ein Problem. Wir haben uns an diesen Grundton der Diskriminierung so sehr gewöhnt, dass sie uns oft nicht als solche auffällt. Es fehlt das gesellschaftliche Bewusstsein, wie die Diskussionen, um einen gendergerechten Umgang mit unserer Sprache, der niemanden mehr ausschließen möchte, zeigen.

Ich bin sicher, dass ich bei vielen Menschen auf Unverständnis und taube Ohren stoße, ich bitte zu bedenken, dass jede Form der Diskriminierung, der Reduzierung auf die Vagina, oder gleichgeschlechtliche Lebensformen, eine Abwertung und Ausgrenzung für die Betroffenen bedeutet, die sich niemand wünscht. Es geht um Gleichberechtigung und ich weiß, da geht noch mehr.

In diesem Sinne bleibt sauber.

© Marion Decker

Menschliche Verhaltensweisen in Zeiten von Covid-19, ein Erklärungsansatz und eine Kritik

Ich bin wieder einmal in mich gegangen, um meine Eindrücke, der letzten Tage zu ordnen und komme zu folgender erkenntnisreicher Einsicht. Covid-19 ist viel mehr als eine Infektionskrankheit. Dieses Virus bringt alle Charaktereigenschaften, die uns ausmachen, zum Tragen. Es weckt in uns unterschiedliche Bedürfnisse, je nachdem welche ganz eigenen Erfahrungen wir in unserer persönlichen Geschichte sammeln konnten. Eines der großen Bedürfnisse, die ich wahrnehme, ist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dicht gefolgt, von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, ebenso das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, aber auch nach Selbstbestimmung, oder einfach nur im Recht zu sein. Wie wir mit dem Thema umgehen ist abhängig von unserer Persönlichkeit.

Mir begegnen heute Charaktereigenschaften, die ich in dieser Intensität zuvor nicht wahrnehmen konnte. Ganz auffallend bewegen sich zur Zeit Menschen durchs Netz, die zu neurotischem Verhalten neigen, dazu gehört in erster Linie Angst. Diese Angst speist sich aus dem Bedürfnis nach Sicherheit. Die Angst kann so groß werden, dass Menschen sich mit Vehemenz bis hin zur Besessenheit, einzig nur noch auf dieses, uns alle bewegende Thema konzentrieren und am Ende in Hysterie ausufern, die uns förmlich anschreit. Bei den zu Hysterie neigenden Menschen ist ein großes Geltungsbedürfnis vorrangig.

Ich beobachte Zwanghaftigkeit, diese Menschen neigen zu ausgeprägter Genauigkeit und Eigensinn. Sie haben ein gesteigertes Bedürfnis nach Kontrolle und verbergen ihre Gefühle, indem sie rationalisieren.

Der narzisstisch geprägte Charakter, neigt zu einem übergroßen Selbstwertgefühl und hat den Hang dazu, andere zu entwerten. Er idealisiert eine Situation oder verleugnet sie.

Ich finde die depressiven, Nähe suchenden Persönlichkeiten, deren Angst, in der Angst vor Vereinsamung und Isolation gründet. Sie neigen eher dazu, zu vermitteln und dem Gemeinwohl zu dienen. Sie ziehen sich schnell gekränkt zurück und fühlen sich überfordert.

Bei meiner Beobachtung finde ich ebenso die schizoiden Persönlichkeiten, deren Angst vorrangig, die Angst vor emotionaler Nähe ist. Sie versuchen stets auf Distanz zu bleiben und suchen ebenfalls nach rationellen oder intellektuellen Erklärungen.

Diese Persönlichkeitsanteile kommen in der Regel nicht allein daher, sondern ein Charakter besteht aus mehreren dieser Anteile, wobei ein Anteil vorrangig sein kann. Covid-19 verstärkt diese einzelnen Eigenschaften und Menschen beginnen in Extreme zu fallen. Die zu beobachtenden Diskussionen werden jetzt zunehmend, selten sachlich geführt und sind gefärbt durch Emotionen und eigenen Erfahrungen.

Wer sein Leben in Wirklichkeit eher kleinlaut gestaltet hat, hat jetzt die Chance auch mal einen rauszuhauen. Wir beginnen alles und jeden zu bewerten, danach abzuwerten und zu verurteilen. Dann lesen wir einen Standpunkt nicht zu Ende, oder haben ihn schlicht, ohne es zu merken, nicht verstanden und fallen mit Haut und Haaren über den anderen her. Wir unterstellen dem anderen irgendwas, das uns nicht in den Kram passt, Hauptsache wir finden jemanden, durch den wir uns behaupten können. Wir beschimpfen Menschen als asozial, weil uns ihre Sichtweise nicht passt. Wir fühlen uns durch Menschen bedroht, die diese Situation einfach nicht mehr aushalten. Die Zartbesaiteten unter uns, trauen sich schon nicht mehr, sich einzubringen, es sabbeln nur noch die Hardliner, die die über jeden Einwand erhaben sind, das dickere Fell haben und sich einer Gruppe zugehörig fühlen, sich für jede Frechheit beklatschen lassen, um Punkte zu sammeln. Jeden Tag steht einer auf, der vehementer ist, der endlich in seinen ganz persönlichen Krieg ziehen kann, der Tempelritter, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Von einer Lösung sind wir alle meilenweit entfernt, weil es keine gibt. Wir diskutieren und debattieren, klatschen uns unter die Postings der anderen, um sie auflaufen zu lassen, sie bloßzustellen und einer Lächerlichkeit preiszugeben, die jeden Sinn für Humor entbehrt. Das, was ich jeden Tag beobachte, wie wir miteinander umzugehen imstande sind, ist von gesundem Menschenverstand sehr weit entfernt. In Zukunft werden Tier- und Blumenbilder zensiert, weil sie nichts zur Sache beitragen. Unser gesellschaftliches Gefüge wird nach Covid-19 ein völlig anderes sein. Wir spalten uns in drei Lager. Die Angepassten, die sich im Supermarkt darüber freuen, dass sie alles richtig gemacht haben. Die, die sich stets Vernunft auf die Fahne schreiben, sich moralisch unantastbar fühlen und in einem großen Akt der Gemeinschaftlichkeit und des Zusammenhalts, Einigkeit suggerieren. Und die Verlierer dieser Tragödie, die den Verlust ihrer Angehörigen betrauern, so wie die, die ihre Kernkompetenzen und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vermissen und noch viele Jahre versuchen werden, die entstandenen Schulden zurückzuzahlen.

Wir hatten die Chance zuzuhören, Empathie zu zeigen für die entstandenen Probleme aller, um festzustellen, dass wir eine große Gemeinschaft Betroffener sind, aber wir entschieden uns anders. Wir entschieden uns dafür, in postpubertären Ergüssen, die großen Unterschiede aufzuzeigen, um anzuprangern und zu bekämpfen, was von unserer dogmatischen Ansicht, die die einzig Richtige ist, abweicht. Es geht doch nicht darum, sein Ego, soweit als möglich aufzupolieren, nicht darum, was man für ’ne geile Sau ist, um sich dann von Gleichgesinnten feiern und abklatschen zu lassen. Es darf nicht zum Lebensinhalt werden, so viele wie möglich mundtot zu machen, die sich dann im Untergrund verkriechen. Das hier ist kein Krieg.

Covid-19 hat etwas geschafft, das die AFD sich zum Ziel gesetzt, jedoch nicht erreicht hatte, die gesellschaftliche Spaltung. Alle Achtung, dass wir das zugelassen haben.

© Marion Decker

Was uns bleibt, ist Meinungsfreiheit, sollte man meinen

Eine Meinung ist die Aneinanderreihung von Informationen. Sie entsteht meist, aus der Aneignung, der Erkenntnisse, die andere längst gewonnen haben. Sie wird gerne, als die Eigene ausgegeben, aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Eine Meinung ist nicht statisch, oder universell, sondern ein Gedankenkonstrukt, das manchmal durchtränkt ist mit Gefühlen. Im Moment nehme ich so viele Meinungen wahr, dass mir ganz schwummrig wird.

Es gibt Menschen, die von der Corona-Krise, nicht ganz so hart getroffen sind. Sie haben ihre Rente, die einfach weiterfließt, dürfen ein Häuschen mit Garten ihr Eigen nennen und können sich mit ihrem Partner austauschen. Sie bangen um ihr Leben, weil sie allein durch ihr Alter zur Risikogruppe gehören. Nur um die nötigsten Besorgungen zu machen, gehen sie vor die Tür und tragen ihre Atemschutzmasken, um nicht angesteckt zu werden. Ihr Leben läuft nahezu unverändert weiter. Es gibt Menschen, die haben ihren sicheren Job und ihr festes Einkommen, halten sich an die Regeln und müssen sich auch keine allzu großen Sorgen machen. Einige von ihnen haben ihre Aufgabe darin gefunden, uns, von ihrem hohen Ross herunter, wissen zu lassen, was richtig oder falsch ist. Sie ziehen täglich ins Feld, um uns ihre Einsichten zu verkünden, die sie für die Wahrheit halten. Sie ermangeln uns zur Vernunft und Mäßigung und lassen uns mit großer Vehemenz und manchmal auch Besessenheit wissen, dass sie es besser wissen als wir.

Wir, das sind die Menschen, die derzeit vor einem Amt Katzbuckeln, um in den Besitz, lächerlicher 200 € zu kommen, weil sie als Freischaffende, längst aus dem sozialen System herausgefallen sind. Wir sind die, deren Nerven beim Unterrichten unserer Kinder flattern, weil uns die Geduld verlässt. Diejenigen, die sich mit ihrem Partner die Köpfe einschlagen, weil sie sich auf engstem Raum, mit kreischenden Kindern, die sich schon lange langweilen, derart überfordert sehen, dass sie die Kontrolle über sich selbst verlieren. Wir sind die Kinder, die dieser häuslichen Gewalt täglich ausgeliefert sind und die zuvor während der Schulzeit, wenigstens eine Auszeit von ihren Eltern hatten. Wir, die nicht wissen, ob sie nach all dem hier, noch einen Job haben, weil es immer unwahrscheinlicher wird, dass die Firma, die sie in Kurzarbeit geschickt hat, das hier überstehen wird, oder ob die Zulieferer aus Frankreich und China noch solvent sein werden. Wir, denen das alles so suspekt ist, dass wir anfangen, vor uns hin zu schwurbeln, die, die sich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen, ebenso wie die, die einsam zu Hause sitzen und anfangen, mit ihren Blumen zu sprechen.

Wir alle haben eine Daseinsberechtigung und wir haben Meinungen, deren Ursprung auf unseren ganz persönlichen Erfahrungen basiert. In einem demokratischen System und einer pluralistischen Gesellschaft, sollte Platz für andere Meinungen sein, auch wenn wir sie selbst noch so abwegig finden. Es scheint mir gar nicht sinnvoll, dem anderen stets seine eigene Meinung aufzuzwingen, als sei die eigene Meinung das Allheilmittel, das uns aus dieser Krise führen wird. Mäßigen wir uns doch einfach auch hier, so selbstgerecht und selbstherrlich, auf den anderen ein zu quatschen. Zeigen wir uns doch einfach bereit, dem anderen das zukommen zu lassen, was wir uns selbst wünschen, Empathie.

© Marion Decker