Sexismus beginnt nicht erst da, wo der Spaß aufhört

Die wohlwollende Aussage, Frau müsse bei der nächsten Präsentation Rock tragen, um überzeugender zu sein, klingt auf den ersten Blick harmlos. Der aufdringliche Blick ins Dekolleté, wird damit gerechtfertigt, dass es ein schönes Dekolleté ist, dessen Vorhandensein erst die Aufmerksamkeit ermöglicht, ist offensichtlicher. Die Hand auf der Schulter, auf dem Knie oder im Schritt, wo sie nicht hingehört und erst recht nicht gewünscht ist, lässt keinen Zweifel mehr, an der eigentlichen Absicht, den anderen zu dominieren. Wir neigen gesellschaftlich dazu solche Ereignisse als Ausnahmen oder Einzelfälle herunterzuspielen oder dem Opfer keinen Glauben zu schenken. Tatsächlich hat eine europaweite Studie, die Frauen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, zu Sexismus am Arbeitsplatz befragte ergeben, dass die Hälfte der befragten deutschen Frauen, schon anzügliche Blicke, Gesten oder Bemerkungen erlebt haben. Bei 39% der Frauen wurden Kleider und Körper kommentiert, 15% erhielten obszöne Vorschläge oder Nachrichten, mit sexualisiertem Inhalt und weitere 13% wurden gezwungen, sich Nachrichten, Fotos und Videos mit sexuellem Inhalt anzusehen. So harmlos derlei Übergriffe oftmals dargestellt werden, so paternalistisch sind sie tatsächlich. Das unerwünschte Anbaggern von Frauen am Arbeitsplatz, offenbart das Phänomen von Hierarchien und Machtstrukturen ganz deutlich. Die meisten Frauen lächeln solche Verhaltensweisen weg und versuchen kompromittierenden Situationen, in Zukunft aus dem Weg zu gehen, weil sie sich vor möglichen Konsequenzen fürchten wie, den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder finanzielle Einbußen. Sie können sich das nicht leisten, weil sie eine Familie zu ernähren haben, deshalb ist die gut gemeinte Empfehlung, „Wehr dich“ alles andere als hilfreich. Die #metoo Debatte um Harvey Weinstein, den US-amerikanischen Filmproduzent, hat diese Machtstrukturen verdeutlicht. Gegen ihn wurde 2017 ein Verfahren eröffnet, weil er eine große Anzahl an Frauen und einige Männer sexuell belästigt hat, er wurde im März dieses Jahres zu 23 Jahren Haft verurteilt, was mich aufrichtig freut. Ausgesprochen unfein fand ich, die ins Leben gerufene Bewegung #notme, die den betroffenen Frauen und Männern unterstellte, einfach nur eine unangemessene Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen.

Das Wort Sexism entstand 1965 aus dem Wort Rassism und ist eigentlich eine Wortneufindung. Das Wort Sex bedeutet im englischen Geschlecht. Die Professorin Pauline M. Leet, vom Franklin & Marshall College in Pennsylvania prägte diesen Ausdruck, weil sie das Problem der bewussten oder unbewussten Nicht-Anerkennung und fortgesetzten Diskriminierung von Frauen erkannte und darauf aufmerksam machte. Die deutsche Übersetzung Sex-ismus ist leider nicht so aussagekräftig denn das Kürzel Sex, ist ein sehr intimer Akt zwischen Menschen und ismus, steht für eine Geisteshaltung, was die Bedeutung des Themas nicht gerade erhellt.

Renate Künast, die auf Facebook als Drecks Fotze beschimpft, beleidigt und auf ihr Geschlecht reduziert wurde, konnte mittlerweile ein Urteil erstreiten, welches solche Beleidigungen ahndet, zu Recht. Unglaublich, dass sie um dieses Urteil streiten musste. Sexismus wird nicht nur von Männern ausgelebt, wie Heidi Klum wöchentlich beweist. In jeder ihrer Topmodel Sendungen lebt sie ihre Machtansprüche aus, indem sie junge Mädchen zum Weinen bringt, weil sie, ihnen ihre langen Haare abschneiden lässt oder sie dazu auffordert, doch mal ein bisschen mehr Haut zu zeigen. Ich sah auf Facebook eine Weile ein Foto, das rumgereicht wurde. Es zeigte einen athletischen, jungen, nackten Mann von hinten. Er stand vor einem Obst- und Gemüseregal in einem Supermarkt. Frauen kommentierten sabbernd, dass sie „den“ aber auch nicht von der Bettkannte stoßen würden. Die Initiative Pinkstinks, eine Protest- und Bildungsorganisation gegen Sexismus und Homophobie, fand in der Werbung mittlerweile 3.500 Verstöße sexistischer Art. Die Pornoindustrie lebt vom Sexismus, denn es scheint geil zu sein, Frauen dabei zuzusehen, wie sie in jede ihrer Körperöffnungen, penetriert werden und, was ihnen anzusehen ist, überhaupt keinen Spaß daran haben. Ich höre schon den Einwand, das ist ein Job und genau mit dieser Denkweise habe ich ein Problem. Wir haben uns an diesen Grundton der Diskriminierung so sehr gewöhnt, dass sie uns oft nicht als solche auffällt. Es fehlt das gesellschaftliche Bewusstsein, wie die Diskussionen, um einen gendergerechten Umgang mit unserer Sprache, der niemanden mehr ausschließen möchte, zeigen.

Ich bin sicher, dass ich bei vielen Menschen auf Unverständnis und taube Ohren stoße, ich bitte zu bedenken, dass jede Form der Diskriminierung, der Reduzierung auf die Vagina, oder gleichgeschlechtliche Lebensformen, eine Abwertung und Ausgrenzung für die Betroffenen bedeutet, die sich niemand wünscht. Es geht um Gleichberechtigung und ich weiß, da geht noch mehr.

In diesem Sinne, bleibt sauber.

Marion Decker