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Kurzgeschichte zum Thema „Am Abgrund-Erschütternde Geständnisse“ erscheint im Mai 2020, beim Pohlmann – Verlag. ISBN 978-3-948552-03-9

Wenn du denkst, es geht nichts mehr

An manchen Tagen frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich die Finger von dem ganzen Zeug gelassen hätte. Mein Dad haute ab, als ich 5 Jahre alt war. Für meine Mutter war das kein großer Verlust, weil er sie übelst behandelt hatte, für mich damals schon. Ich gewöhnte mir einige Ticks und Zwänge an und pinkelte nachts ins Bett, weil ich träumte auf dem Klo zu sitzen. Oma wollte, dass ich mal bei einem Kinderpsychologen vorbeischaute, das half aber auch nichts.

Ma heiratete wieder, als ich 10 Jahre alt war, einen komischen Typen, ein Eigenbrötler, introvertiert und intolerant allem Fremden gegenüber. Sein ganzer Stolz war seine Zeit bei der Marine, auf die er gern sentimental verklärt zurückblickte. Einmal im Quartal flippte er dermaßen aus, dass seine Halsschlagadern anschwollen und die Augäpfel besorgniserregend nach vorne traten. Zuerst schrie er sich weg, sodass ich das Zäpfchen seines Gaumens sehen konnte, danach rannten wir üblicherweise gemeinsam um den Wohnzimmertisch, er hinter mir her. Wenn er mich endlich erwischte, schlug er hart zu, nie ins Gesicht, weil er fürchtete, dass ihn jemand zur Verantwortung ziehen könnte.

Mit 17 Jahren machte ich ein Freies soziales Jahr, in einem karitativen Altenheim, und an den Wochenenden tingelte ich, bis spät in die Nacht, durch die Düsseldorfer Altstadt. An einem meiner Wochenendausflüge lernte ich an der Deutschen Bank einen Punk kennen. Er war ziemlich kaputt, sah so aus wie ich mich fühlte und trug einen winzigen schwarzen Schäferhund-Welpen bei sich. Wir unterhielten uns lange und von da an trafen wir uns öfter. Ich verlor den Job, weil die Heimleitung von meiner neuen Bekanntschaft erfuhr. Als meine Ma kurz darauf ihren 38. Geburtstag feierte und die Stimmung so ausgelassen war, dass es mir weh tat, packte ich ein paar Sachen und ging.  

Ich zog zu Steve, dem kaputten Punk, in die Hausbesetzerszene. Unsere Behausung war eine 30 qm große versiffte Bruchbude, ohne fließendes Wasser. Wir lebten unter dem Dach, aus dem es an vielen Stellen reinregnete, das nächste schmuddelige WC war eine Etage tiefer.                                                          

Von nun an ging ich tagsüber mit Steve in die Altstadt und wir bettelten mit weiteren zwanzig Punks die Passanten an. Zu Anfang, als ich noch unverbraucht war, schnorrte ich etwa 20 Mark pro Tag. Wir kauften davon Bier und Dope. Tagsüber saßen wir am Carsch-Haus, einem Einkaufszentrum für gut betuchte Leute, kifften, tranken Bier und grölten rum. Wenn wir gut drauf waren, kauften wir bei Aldi Gin oder Wodka, den wir wahlweise mit Tomatensaft oder Multivitaminsaft mischten. Meine erste Alkoholvergiftung hatte ich ungefähr 3 Monate nach meinem Auszug, ich stand betrunken auf dem Dach und wollte runterspringen. Am nächsten Tag hatte ich Durchfall, bis nur noch Schleim kam, gleichzeitig kotzte ich.

Ich rauchte alles, was ich kriegen konnte, Bons, diese bauchigen mit Wasser gefüllten Flaschen, die den Rauch milder machen sollen und blubbern, wenn man daran zieht.  Eine selbst gebaute Bambus Bon, deren Rohr mit Honig ausgekleidet wird und die dir nach einem Zug daraus ein Lächeln ins Gesicht zaubert, gleich nachdem du deinen Gleichgewichtssinn wiedergefunden hast. Zwischendurch gab es mal einen LSD-Trip, der mich Dinge sehen ließ, die eigentlich nicht sein konnten.

Steve hatte zwei schlechte Angewohnheiten. Er war eifersüchtig und ließ seiner Wut freien Lauf und so prügelten wir uns in der Fußgängerzone, auf dem Nachhauseweg und auch Zuhause. Dabei zog ich immer den Kürzeren und war oft zu Gast bei der Johanniter Unfallhilfe um die Ecke.  

Es dauerte zwei Jahre, bis das Arbeitsamt mich einlud, an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme teilzunehmen. Ich nahm den Job an und arbeitete wieder in einem Altenheim. Danach trennte ich mich endlich von Steve und zog eine Etage weiter nach unten, in eine noch leer stehende Wohnung.

Weil ich die Erste im Haus war, die morgens aufstand, war ich auch die Erste, die aus dem Fenster in den Garten sah und schwarz vermummte Gestalten wahrnahm, die bewaffnet auf das Haus zu schlichen. Wie auf Kommando, wurde zeitgleich gegen alle Wohnungstüren geschlagen und geschrien: „Aufmachen, Polizei!“. Ich hatte eine Scheißangst und sah, wie aus den oberen Etagen Dope, Geld und Waagen aus den Fenstern geworfen wurde und wie der ganze Mist auf meinem Balkon landete. Ich öffnete die Tür und warf mich auf den Boden, weil jemand „Auf den Boden!“ schrie. Nachdem das SEK alle Schränke durchsucht hatte, durfte ich mich an den Tisch setzen.                                                                                                                                   

Sie konfiszierten mein Fahrrad, um festzustellen, ob es geklaut war. Als ich das Fahrrad zurückbekam, durfte ich zur Arbeit fahren. Zuerst waren meine Vorgesetzten richtig sauer auf mich, weil ich wiederholt zu spät kam, aber dann glaubten sie mir meine Geschichte und zeigten Mitgefühl.

Ich richtete die Medikamente für die Bewohner und so kam ich in Kontakt mit Psychopharmaka. Ich nahm Haldol, ein Neuroleptikum, von dem ich mir mehr versprochen hatte. Rohypnol, ein angstlösendes, stark sedierendes Mittel, ließ ich mitgehen und tauschte einen Blister Streifen mit 10 Tabletten gegen Speed. Das Speed bekam ich von Schore Olli, der selbst auf Heroin war und so ziemlich alles besorgen konnte. Wenn ich Speed genommen hatte, war ich total aufgedreht. Mit ein bisschen zusätzlichem Dope und sehr viel Alkohol hatte ich die geilsten Ideen. Ich unterhielt dann problemlos ganze Menschenmengen und fühlte mich unwiderstehlich. Als Schore Olli, an einer Überdosis Heroin starb, versiegte die Quelle. Ich probierte Ephedrin, ein Kreislaufmittel, mit dem ich meine erste Nahtoderfahrung machte. Ich nahm es kurz vor Ende der Frühschicht und fühlte mich angenehm überwach. Nach der Arbeit besuchte ich einen Freund, der gegenüber von mir wohnte. Er hatte zwei Aquarien mit Piranhas. Wir kifften gemeinsam und ich nahm einen kräftigen Zug aus seiner selbst gebauten Bambus Bon. Gleich danach verengte sich mein Sichtfeld und es blieb dabei. Als er die Fische fütterte, begann mein Herz zu rasen. Als er die Wäsche aufhängen ging, bekam ich Atemnot und Panik. Ich war mir sicher, dass ich sterben würde, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass mein Herz noch lange in diesem Tempo schlagen konnte. Endlos lange 30 Minuten später stand ich auf und setzte mich draußen auf den Bürgersteig. Hier überdachte ich eine ganze Weile die Lage, in der ich mich befand.

Ich hatte genug von all dem und entwarf einen Plan. Ich bewarb mich in der Psychiatrie, um eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin zu machen. Die Verwaltung bot mir ein kleines Zimmer im Schwesternwohnheim an, das ich liebend gern annahm und zum allerersten Mal in meinem Leben konzentrierte ich mich aufs Lernen. Ich änderte mein Leben von Grund auf und blicke heute, fast 30 Jahre später, von Zeit zu Zeit auf diese ersten Jahre zurück. Und manchmal frage ich mich dann, was wohl gewesen wäre, wenn ich die Finger von dem ganzen Zeug gelassen hätte.

© Marion Decker